Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens

aus Lutte de Classe (Klassenkampf)
September 2025

Trotzkis Buch, das 2025 in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung auf Französisch[1]  neu aufgelegt wurde (Les Questions du mode de vie, Verlag Les bons caractères, 219 Seiten, 13 Euro), behandelt einen wenig bekannten Aspekt des Kampfes der Bolschewiki nach der Machtübernahme im Oktober 1917. Wir veröffentlichen hierzu die Übersetzung einer Vorstellung des Buches aus der Zeitschrift Lutte de Classe (Nr.250, September/Oktober 2025).

 

Als ab 1921 die revolutionäre Welle in Europa zurückging, beschränkten sich die Bolschewiki nicht darauf, sich für neue Revolutionen in anderen Ländern einzusetzen. Sie wussten, dass das Schicksal der Sowjetunion und das der Weltrevolution untrennbar miteinander verbunden waren. Daher machten sie sich auch daran, nicht nur das Los der arbeitenden Massen Russlands zu verbessern, sondern auch ihre Lebensweise im Hinblick auf die künftige sozialistische Gesellschaft neu zu gestalten und dafür ihr kulturelles Niveau anzuheben.

Noch vor dem Ende des Bürgerkriegs (1918-1922), den die Bourgeoisie der Sowjetmacht aufgezwungen hatte, betonte Lenin die Dringlichkeit einer „kulturellen Revolution”. Die Mentalitäten und Sitten waren sehr rückständig, geprägt durch Jahrhunderte zaristischer Barbarei. Diese in den Bräuchen und Gewohnheiten verankerte Rückständigkeit zu bekämpfen, war letztlich die Fortsetzung der politischen und sozialen Revolution, die die arbeitenden Massen an die Macht gebracht und die ausbeuterischen Klassen enteignet hatte.

So erklärte Lenin: „Der Sozialismus kann nur dann Gestalt annehmen und sich festigen, wenn die Arbeiterklasse gelernt hat zu regieren. […] Ohne dies bleibt der Sozialismus ein frommer Wunsch.“ „Um unseren Staat [der aus dem Zarismus hervorgegangen ist und viele Mängel aufweist] zu modernisieren, müssen wir uns um jeden Preis folgende Aufgabe stellen: erstens, uns bilden; zweitens, uns weiter bilden; drittens, uns immer weiter bilden.“

Diese neue Revolution war für den Arbeiterstaat von entscheidender Bedeutung. Er war vom Imperialismus umzingelt und von innen wuchs eine neue Gefahr heran, die Lenin schon früh erkannt hatte: Es entwickelte sich eine Kaste von Bürokraten, die die Rückständigkeit der Massen, ihre Erschöpfung nach sieben Jahren Weltkrieg und Bürgerkrieg ausnutzten, um nach und nach die Macht zu übernehmen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Band 21 der Werke Trotzkis in russischer Sprache, der im Februar 1927 erschien und die dritte Ausgabe von Fragen des Alltagslebens enthält, den Titel Die Epoche des Kampfes um die Kultur und ihre Aufgaben trägt.[1] Es sollte der letzte Band Trotzkis sein, der in der UdSSR veröffentlicht wurde. Kurz darauf verbot der Stalinismus seine Schriften, inhaftierte Tausende von Kommunisten, die der Oktoberrevolution treu geblieben waren und liquidierte Lenins Partei, sein Werk und seine Aktivisten.

Als im Juli 1923 die erste Ausgabe von „Fragen des Alltagslebens“ erschien, war Trotzki der Ansicht, „dass es in unserer Parteibibliothek an einer kleinen Broschüre fehle, die in der populärsten Form für den Durchschnittsarbeiter die Erscheinungen und Tatsachen der gegenwärtigen Übergangsepoche miteinander verknüpft, die richtige Perspektive herstellt und damit zu einem Werkzeug der kommunistischen Erziehung würde.

Um diesem Vorhaben einen möglichst konkreten Inhalt zu geben, versammelte er Dutzende von Parteiorganisatoren in den Fabriken der Hauptstadt. Trotzki erzählt im Vorwort zu seinem Buch: „Die Besprechung ging sofort über die Grenzen des ursprünglichen Planes hinaus. Die bei der Besprechung angeschnittenen Probleme der Familie und des Alltagslebens erweckten ein lebhaftes Interesse bei allen Teilnehmern. Im Laufe von drei Sitzungen (…) wurden die verschiedensten Seiten des heutigen Übergangslebens des Arbeiters und die Methoden unseres Einwirkens auf das Alltagsleben der Arbeiter (…) besprochen“.

Die Beiträge der kommunistischen Arbeiterinnen und Arbeiter sind spannend. Sie zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die von zahlreichen Widersprüchen geprägt ist; das Bild eines Landes, das eine Revolution durchgemacht hat, dessen Bevölkerung und Arbeiterklasse jedoch noch immer von der Last der Vergangenheit erdrückt wird. Trotzki nutzt dieses unglaublich reichhaltige Material, um aufzuzeigen, was sich im Alltag der Massen verändert. Er benennt auch unverblümt alles, was die Menschen wieder zurück in die Vergangenheit zu ziehen droht. Er wirft den Aktivisten vor, die Bedeutung bestimmter Fortschritte zu übertreiben oder sich damit abzufinden, den Lesern schlecht geschriebene und gedruckte Zeitungen zu liefern, die die Arbeiter nicht verstehen können. An anderer Stelle zeigt er, wie eine gewisse Nachlässigkeit in der Sprache nicht nur die Zeit widerspiegelt, in der die Aristokraten Millionen von Bauern in materieller und moralischer Armut hielten, sondern auch die Alphabetisierung und den Erwerb neuen Wissens behindert.

Trotzki betont, dass die aus der Revolution hervorgegangenen sozialen Verhältnisse, das vergesellschaftete Eigentum und die Planwirtschaft Hebel bieten, um Dinge zu verändern, Rückstände aufzuholen und in manchen Bereichen sogar die entwickelten Länder zu überholen.

Er verschweigt jedoch nicht, was sich in der Situation der Arbeiterklasse nach 1917 verschlechtert hat – und zwar manchmal, auch wenn es paradox erscheint, in direktem Zusammenhang mit Fortschritten, die die Revolution ermöglicht hat.

Dies gilt beispielsweise für die Beziehungen in Familien und Paaren. Rechtlich gesehen sind Frauen den Männern seit der Revolution gleichgestellt. Sie haben die gleichen Rechte wie Männer, sie dürfen wählen und gewählt werden. Die Ehe ist nur noch eine Formalität, ebenso wie die Scheidung. Das Gesetz schützt die Mutter und ihre Kinder – und zwar unabhängig davon, ob die Mutter verheiratet ist oder nicht und ob die Kinder aus einer „eingetragenen Partnerschaft” (einer Ehe) oder einer eheähnlichen Gemeinschaft stammen. Dies ist eine vollkommene Umwälzung des traditionellen Familienlebens, die selbst innerhalb der Partei nicht ohne offen geäußerte Vorbehalte bleibt. Außerdem werden ihre neuen Rechte nicht von allen Frauen als Fortschritt angesehen, vor allem da die kollektiven Einrichtungen wie Kantinen, Kinderkrippen, Wäschereien usw. noch nicht geschaffen worden waren. Es fehlte den Frauen damit die materielle Grundlage, um sich tatsächlich aus der häuslichen Sklaverei befreien zu können.

Zu Beginn des Sommers 1923 musste Trotzki eine Krankheit im Kaukasus auskurieren. Weit weg von Moskau, schreibt Trotzki dennoch fast täglich einen Artikel für die Parteizeitung Prawda, in dem er sich mit der notwendigen Erneuerung des Alltagslebens der Massen befasst. Die von ihm behandelten Themen sind zahlreich und vielfältig: Mütter- und Kinderschutz, die Rolle des Kinos, die Umwälzungen innerhalb der Familie, religiöse Vorurteile, Höflichkeit und Sauberkeit, Familie und Traditionen, die Verwendung von „du“ und „Sie“ und was sie bedeuten, die notwendige Aufmerksamkeit auch gegenüber Details usw.

Darüber hinaus spricht Trotzki neue Probleme an, die in der sowjetischen Gesellschaft auftreten und nicht zu unterschätzen sind. Die kommunistische Partei ist an der Macht, und dennoch nehmen Verhaltensmuster zu, die vom Klassenfeind vermittelt werden. Ein Grund hierfür ist, dass mit der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) die Bourgeoisie wieder an Kraft gewinnt. Diese Neue Ökonomische Politik, die 1921 unter der Kontrolle der Partei eingeführt wurde, um die Wirtschaft durch kleine Gewinn-Spritzen wiederzubeleben, führte zu einer sozialen Differenzierung in Stadt und Land. Überall gedeihen „Nepmen“ und Kulaken und versuchen, ihre Ausbeutermoral durchzusetzen.

Zusammen mit der sich ausbreitenden Bürokratie sind diese neuen Bourgeois die Vermittler und Agenten des imperialistischen Drucks auf eine isolierte, arme und rückständige UdSSR. Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, erklärt Trotzki, müsse man um jeden Preis dafür kämpfen, das kulturelle Niveau der Massen sowie der einfachen Parteimitglieder anzuheben. Deren Zahl war seit Oktober 1917 stark angestiegen, ohne dass diese neuen Mitglieder das gleiche Verständnis wie die „alten Bolschewiki” für die politischen Ziele und die Klassenperspektiven der neuen Macht hatten.

Entweder würde die sowjetische Gesellschaft ihr Bildungs- und Kulturniveau sowie ihre Lebensweise verbessern und ihren Kompass behalten in Erwartung einer neuen Welle der Weltrevolution – oder sie würde von den Kräften der neuen Bourgeoisie und der Bürokratie, also der imperialistischen Weltordnung, zurückgeworfen werden. Es gab keine Alternative.

Dieser Gedanke, der in der Theorie der permanenten Revolution enthalten ist, zieht sich durch das gesamte Buch und hilft beim Verständnis der geschilderten Probleme. Selbst wenn die Revolution einen Rückschlag erleiden sollte – und dieser sollte sich als viel langwieriger herausstellen, als Trotzki sich damals vorstellen konnte – so wird die Revolution früher oder später ihren Vormarsch fortsetzen. Darauf muss man sich vorbereiten, man muss die Revolution vorbereiten. Diese Überzeugung Trotzkis ist der rote Faden dieses Werks. Es ist spannend, weil es einen den damaligen Kampf der Bolschewiki entdecken lässt. Und es ist begeisternd, wenn Trotzki in der Gegenwart und nicht als Utopie davon spricht, wie eine sozialistische Gesellschaft aussehen könnte, welche immensen individuellen und kollektiven Fortschritte sie mit sich bringen wird, die die Menschheit in noch ungeahnte Höhen heben werden.

 

28. August 2025

 

[1] Sie enthält eine Vielzahl von Artikeln, Reden und Beiträgen, von denen die meisten nie übersetzt wurden, selbst wenn man den unter dem Namen Literatur und Revolution bekannten Teil mit einbezieht.




[1] Auf Deutsch datiert die jüngste Herausgabe von 2001 bei Mehring-Verlag