Religionen, Atheismus und Materialismus (Vortrag des Leo Trotzki-Kreises (Paris) vom 28. Januar 2011)

Januar 2011

Religionen, Atheismus und Materialismus

 

Vortrag des Leo Trotzki-Kreises (Paris) vom 28. Januar 2011

 

Einleitung

Alle Religionen, von den primitivsten bis zu den abstraktesten monotheistischen, spiegeln die Gesellschaften wider, die sie hervorgebracht haben, die einen die von gestern und die anderen von heute. Nicht die Götter schufen die Menschen, sondern die Menschen schufen die Götter. Und die Religionen sind nur die im Bewusstsein der Menschen eingebildete Reflektion ihrer Angst vor Mächten, die sie nicht verstehen.

Während Zehntausenden von Jahren waren es die Kräfte der Natur, die sich den Menschen aufdrängten und in ihren Köpfen fantastische Kräfte erscheinen ließen. Heute noch können Naturkatastrophen in den ärmsten Regionen der Welt religiöse Vorurteile schüren. Zum Beispiel, wenn man keinerlei wissenschaftliche Vorstellung von Erdbeben hat, wie kann man einer religiösen Erklärung widerstehen, die das Erdbeben des letzten Jahres in Haiti wie eine göttliche Strafe aussehen lässt? Zumal die Verbreitung einer verständlichen wissenschaftlichen Erklärung für die haitianischen Machthaber und die gesamte internationale Gemeinschaft nicht gerade an erster Stelle stand.

Hätten die Menschen aber nur die Launen der Natur ertragen müssen, hätte die Religion dank des wissenschaftlichen Fortschritts zwangsläufig zurückgehen und sogar verschwinden müssen. Doch neben der Natur beherrschen andere Kräfte das menschliche Leben: wirtschaftliche und soziale Kräfte.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der zunehmenden Zähmung der Natur. Und in dieser Geschichte hat der Kapitalismus, dank der Industrie, spektakuläre Fortschritte gemacht. Aber wie das Kommunistische Manifest sagt, "gleicht die moderne bürgerliche Gesellschaft dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor". Wenn die Kapitalisten produktive Kräfte entwickelt haben, so hat die Anarchie ihrer Wirtschaft sie zu ungezähmten Mächten gemacht. Und die Erschütterungen dieser Wirtschaft, wie Wirtschaftskrisen, sind heute unendlich zerstörerischer als Naturkatastrophen. Das sind die modernen Wurzeln des religiösen Gefühls.

Religionen waren und sind soziale Tatsachen, die Milliarden von Menschen erfassen, angefangen bei den Hunderten Millionen Arbeitern des Planeten. Und auch wenn wir als Revolutionäre und Materialisten materialistische und atheistische Vorstellungen verbreiten müssen, müssen wir auch verstehen, was die sozialen Wurzeln der Religion sind.

Deshalb werden wir uns auf die drei großen monotheistischen Religionen beschränken, die in chronologischer Reihenfolge Judentum, Christentum und Islam sind. Wenn wir in Asien kämpfen würden, müssten wir natürlich über Buddhismus und Hinduismus sprechen. Aber hier in Frankreich spielen diese Religionen eine untergeordnete Rolle.

Wir wollen erklären, in welchen Zusammenhängen diese religiösen Ideen auftraten und sich unter den Armen verbreitet haben, aber auch, wie sie von den Besitzenden benutzt wurden, um zu herrschen oder wie die verschiedenen religiösen Strömungen in der Vergangenheit der ideologische Ausdruck des Kampfes zwischen den sozialen Klassen gewesen sein konnten.

Aber ab einem gewissen Grad der Entwicklung der Technik und Wissenschaften hat sich das menschliche Denken von religiösen Vorstellungen emanzipiert. Inmitten der Gärung der Klassenkämpfe im 17. und 18. Jahrhundert entstanden materialistische und atheistische Ideen. Von diesen Ideen haben wir geerbt und aus ihnen ist unser Kommunismus direkt hervorgegangen. Mit diesen materialistischen Vorstellungen bewaffnet, erstarkte die Arbeiterbewegung. Und wir wollen auch daran erinnern, wie sie sich gegenüber der Religion verhalten hat.

Und die Menschen schufen die Götter nach ihrem Bild

Wenn wir den Begriff Religion in einem sehr weiten Sinne verwenden, gab es unter den ersten Vorstellungen, die der Mensch von der Natur gehabt haben könnte, solche, die darin bestanden, Tieren oder sogar Objekten ein eigenes Bewusstsein zu geben, was manchmal als Animismus bezeichnet wird. Missverstandene Phänomene wurden als der Wille eines Geistes interpretiert.

Heute noch gibt es Menschen, die diese Art von Glauben haben. Zum Beispiel glauben die Aymara, ein Volk der Anden in Südamerika, dass der Berg ein lebendiger Körper ist, der mit Tieropfern gefüttert werden muss. Für die Pygmäen des Ituri-Waldes, in Afrika, in der Gegend der Großen Seen, ist der Wald lebendig, er hat eine Seele und wacht über sie.

Vor zehntausenden von Jahren erfanden Gruppen von Menschen solche religiösen Überzeugungen. Angesichts von Naturphänomenen, die sie beherrschten, begnügten sie sich nicht damit festzustellen, sondern suchten nach Erklärungen. Sie fragten sich, warum Dinge passieren.

Ihr Wissen über die Natur, das ihnen das tägliche Überleben ermöglichte, konnte ihnen auf dieser Ebene nur Fantasieerklärungen bieten. Aber dieser Wille, eine Erklärung zu finden, zu verstehen, war an sich schon gewaltig. Und er ebnete den Weg für die unbegrenzte Entwicklung des menschlichen Denkens und seiner Errungenschaften.

Diese Gesellschaften haben nicht viele Spuren ihres Glaubens hinterlassen, weil sie überhaupt nicht viele Spuren hinterlassen haben. Erst von der Geburt der Zivilisation und besonders von der Geburt des Schreibens an, kann man genauere Vorstellungen darüber haben, was die Religionen des Menschen waren.

Das Entstehen des Monotheismus: Von der Angst vor Naturgewalten zur Angst vor sozialen Kräften

Am Anfang der Zivilisation gab es zwei große Entdeckungen: Die Landwirtschaft und die Viehzucht. Man schätzt, dass sie vor mindestens 12.000 Jahren in verschiedenen Teilen der Welt auftraten und sich dann rasch ausbreiteten.

Von diesem Umbruch an, auch Neolithische Revolution genannt, begannen die Menschen zu sesshaft zu werden. Der Anstieg der Nahrungsmittelproduktion ermöglichte ein Bevölkerungswachstum. Er ermöglichte es auch, Vorräte zu bilden, um sich vor Mangel zu schützen.

Da die Gesellschaften dieser ersten Bauern und Viehzüchter historisch noch vor der Existenz der Schreibkunst angesiedelt sind, gibt es keine Texte, die von ihren Religionen sprechen. In den Ausgrabungen der ersten Dörfer wurden jedoch viele weibliche Figuren gefunden. Und das an sehr unterschiedlichen archäologischen Stätten. Es ist diese Häufung, die darauf hindeuten kann, dass zu diesem Zeitpunkt, zur Zeit der Geburt der Landwirtschaft, Kulte für weibliche, mit Fruchtbarkeit verbundene Geister, weit verbreitet waren.

Der kontinuierliche Anstieg des Reichtums öffnete auch den Weg für soziale Ungleichheiten und die ersten sozialen Klassen. Durch die ersten Städte, die ersten Königreiche und überhaupt die ersten Reiche entwickelte sich der Austausch und die Strukturen wurden komplexer als im Clan oder Stamm..

Aus dieser Zeit stammen die ältesten Religionen, von denen es Spuren schriftlicher Überlieferung gibt. Sie alle sind polytheistisch, also haben mehrere Götter. Einige schwer einzuschätzende Götter bildeten das Pantheon von Mesopotamien, Ägypten oder Griechenland. Das mesopotamische Pantheon, also alle Götter der ersten mesopotamischen Stadtgesellschaften, umfasste mindestens dreitausend Gottheiten.

Bei diesen Gottheiten wurden Eigenschaften der Natur und der menschlichen Gesellschaft vermischt: Bei den Griechen zum Beispiel war der Gott des Feuers und der Vulkane auch der Gott der Schmiede, der Gott des Meeres war auch der Gott der Seeleute. Und der sozialen Hierarchie, die sich unter den Menschen durchgesetzt hatte, entsprach eine soziale Hierarchie der Götter. Die Welt der Götter kannte auch Ungleichheiten.

Die Aufteilung in verschiedene Städte oder Königreiche wurde auch in der Religion wiedergespiegelt. Jedes Volk hatte eine schützende Gottheit. Manchmal hatte ein Volk als Beschützer einen obskuren, unbekannten Gott, bis dieses Volk, das durch seine Eroberungen ein Imperium schuf und dann eine ganze Region beherrschte, es zur dominanten Gottheit des Pantheons machte.

Die Schutzgottheit der Assyrer, Assur, fasst diese ganze religiöse Entwicklung zusammen. Assur war zuerst der Geist des felsigen Berges, auf dem sich die gleichnamige Stadt befand. Dann, als die Stadt ein Stadtstaat wurde, war Assur der fantastische Herrscher der Stadt: die Könige präsentierten sich als seine Vollstrecker. Als schließlich dieser Stadtstaat Babylon stürzte und sein eigenes Reich gründete, das sich in ganz Mesopotamien ausbreitete, endete Assurs "Karriere" als oberster Führer aller Götter Mesopotamiens.

Mit der Zivilisation hatte die Menschheit neue Kräfte entstehen sehen, die furchterregender waren als natürliche Kräfte: soziale Kräfte, wie Könige oder Kaiser. Und zum Unheil der Natur kamen die sozialen Katastrophen hinzu: Unterdrückung, die unberechenbare Autorität der Mächtigen oder Kriege. Je komplexer die Gesellschaft wurde, umso stärker wurden in den Köpfen der Menschen die Ängste, die mit sozialen Kräften verbunden waren, im Vergleich zu den Ängsten, die mit den Kräften der Natur verbunden waren. Die Religion nahm dann die abstrakte Form eines einzigen Gottes an, dessen unergründlicher Wille die Natur und die Menschen regierte. Dieser Drang zum Monotheismus war an verschiedenen Orten zu spüren: vor allem in Ägypten und ab dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) in Griechenland und im Persischen Reich. Aber besonders in Palästina nahm mit dem Judentum der Monotheismus eine einfache Form an, in der er Erfolg haben sollte.

Die jüdische Bibel behielt diese Entwicklung vom Polytheismus zum Monotheismus bei, d.h. vom Glauben an mehrere Götter zum Glauben an einen einzigen Gott. Archäologen zufolge wurde der größte Teil des Bibeltextes zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert v.u.Z. geschrieben und sammelte alte mündlich überlieferte Mythen und religiöse Vorstellungen dieser Jahre.

In den Teilen, die den alten Mythen entsprechen, wird der Gott der Juden, Jehova, als die schützende Gottheit, im Gegensatz zu den Gottheiten der anderen Völker betrachtet: wie Kemosch, Beschützer der Moabiter oder Dagon, Beschützer der Philister. Wenn der Gott Jahve dort als mächtiger dargestellt wird als seine Rivalen, leugnet die Bibel niemals die Existenz anderer Götter. Es gibt selbst explizit polytheistische Teile, wie diesen Abschnitt aus den Psalmen, wo geschrieben steht: "Jehova ist König! (...) Alle Götter verneigen sich vor ihm!"

Aber die ersten Ausdrücke des Monotheismus finden sich in jenen Teilen der Bibel, die Wissenschaftler für den Ausdruck der religiösen Vorstellungen des vierten Jahrhunderts v.u.Z. halten. Dort ist der Gott der Bibel der einzige Gott, und es ist nicht mehr ein Gott, der angefleht werden muss, von dem man hoffen kann, im Austausch für ein Opfer Gnade zu erhalten. Er ist ein Gott, bei dem man keine andere Wahl hat, als sich zu unterwerfen, wie im Angesicht des Schicksals.

Es gab noch andere monotheistische religiöse Vorstellungen dieser Art. Aber aus dem Judentum wurde eine Religion, die sich über den gesamten Mittelmeerraum erstrecken sollte, das Christentum.

Die sozialen Bedingungen der Geburt des Christentums

Das Christentum entstand mindestens vier Jahrhunderte nach der Niederschrift der jüdischen Bibel. Und während dieser Jahrhunderte veränderte sich die Gesellschaft wieder grundlegend: Die Sklaverei nahm ein Ausmaß an wie nie zuvor. Und in vielerlei Hinsicht ist die christliche Religion aus ihr entsprungen.

Die Sklaverei war sehr alt. Aber die Sklaverei als herrschende Form der Produktion der Reichtümer entwickelte sich nur in bestimmten griechischen Städten, wie z.B. Athen. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts v.u.Z. hatte ein griechischer Zeitgenosse in Athen fast 400.000 Sklaven gegenüber 21.000 freien Bürgern gezählt. Die Genauigkeit dieser Zahlen wird jetzt von Historikern diskutiert, gibt aber eine Vorstellung von der Bedeutung der Sklaverei.

Nach den griechischen Städten war es Rom, das ein ganzes Reich auf der Sklaverei errichtete. Rom eroberte zuerst ganz Italien und dann den gesamten Mittelmeerraum, plünderte seinen Reichtum und machte Millionen von Menschen zu seinen Sklaven. Auf seinem Höhepunkt, unter Kaiser Hadrian, erstreckte sich dieses gigantische Reich vom Norden des heutigen Englands bis nach Palästina, einschließlich des gesamten Mittelmeerraums.

Die Sklaven waren nicht die einzigen Opfer dieses Systems. Die meisten freien Bürger, deren Arbeit mit Sklavenarbeit konkurrierte, konnten keinen Platz mehr in der Wirtschaft finden. Sie wurden darauf reduziert, vom Betteln zu leben. Allein in Rom, das zu dieser Zeit, als das Christentum erschien, eine riesige Stadt war, schätzt man, die Zahl dieser Proletarier der Antike auf mindestens 300.000. Um dieses in Not geratene Volk in Schach zu halten, boten die römischen Kaiser ihnen Brot und Zirkusspiele. Aber die Verzweiflung all dieser unbeschäftigten Menschen verlangte etwas anderes. Sie forderte eine Lösung für ihre Verzweiflung.

Die Philosophie, die in Griechenland zu Beginn der Sklavengesellschaft einen rasanten Aufschwung erlebt hatte, drückte die Verwirrung dieser im Abstieg begriffenen alten Sklavengesellschaft aus. Die philosophische Strömung der Stoiker, hatte sich zu Beginn unserer Zeit zu einer sehr religiösen und strengen Philosophie entwickelt, die die Unterwerfung des Menschen unter das Schicksal predigte.

Im 1. Jahrhundert war Alexandria eine mächtige Hafenstadt im Norden Ägyptens. Hier lebte ein jüdischer Philosoph, Philon von Alexandria, der geprägt war von der antiken griechischen Kultur. Er verband die monotheistische Religion der jüdischen Bibel mit den Konzeptionen der Stoiker, die Askese und Unterwerfung unter das Schicksal predigten. Philons philosophische und religiöse Vorstellungen hatten einen wichtigen Einfluss auf die ersten Theologen, die ganz am Anfang des 1. Jahrhunderts u.Z. die Doktrin der Lehre vom Christentum ausarbeiteten. Und in diesem Sinne kann man sagen, dass das Christentum zum Teil aus der griechischen Philosophie hervorgegangen ist.

Aber bevor es eine Lehre und sogar ein Dogma wurde, war das Christentum in erster Linie eine Volksbewegung. Und aus kleinen Sekten hervorgegangen, wurde es zu einer Massenbewegung.

Das Urchristentum

Der Begriff Christentum selbst ist mit dem Namen Jesus Christus verbunden. Das Wort Christus kommt aus dem Griechischen und bedeutet Messias, das heißt Gesandter Gottes. Da Jesus der unbestrittene Bezugspunkt aller christlichen Strömungen und später ein Bezugspunkt für muslimische Strömungen war, sollte man wissen, dass die historischen Spuren seiner Existenz, abgesehen von den biblischen Evangelien, sehr dünn und indirekt sind. Wenn das Jahr Null unseres Kalenders mehr oder weniger seiner Geburt entsprechen soll, wurde diese Datierung viel später, mehr als 500 Jahre später, von einem Mönch eingeführt, der nichts als seinen Glauben als Argument hatte.

Ebenso gibt es wenige Informationen über frühchristliche Gemeinschaften. Aus religiösen Texten weiß man, dass die Schüler von Jesus im 1. Jahrhundert in Jerusalem Juden waren. Es gab mehrere religiöse Tendenzen im Judentum, und die Christen repräsentierten eine davon. Diese Tendenz versammelte vor allem kleine Leute, die in Gemeinschaft lebten.

Das offizielle Christentum schreibt Paulus im 1. Jahrhundert die Öffnung der christlichen Religion für Nichtjuden zu. Die Realität ist zweifellos komplexer, denn es gab mehrere rivalisierende Gemeinschaften, die sich auf Jesus beriefen. Und frühestens zu Beginn des 2. Jahrhunderts trennte sich das Christentum vom Judentum. Aber auf jeden Fall wurde diese Offenheit entscheidend, denn das machte es zu einer Religion, die in der Lage war, sich auf alle Völker des Römischen Reiches auszudehnen. Das Christentum breitete sich dann unter den Armen aus.

Alle Opfer des Römischen Reiches, die Bauern, denen man das Land weggenommen hatte, die freien Bürger, die ihrer Rechte beraubt wurden, die Kriegsgefangenen, die zu Sklaven erniedrigt wurden, all diese machten das Christentum zu einem Erfolg. Grundsätzlich gab es im Rahmen dieser zerfallenden Sklavengesellschaft für all diese Unterdrückten keinen Ausweg. Deshalb konnten sie ihre Hoffnung auf eine bessere Welt nur in eine religiöse Lösung setzen. Durch ihre Religion drückten sie sowohl ihre Leiden als auch ihre Sehnsucht nach einer besseren, gleichberechtigteren und gemeinschaftlichen Welt aus.

Übrigens waren die ersten christlichen Gruppen egalitäre Organisationen und unter bestimmten Aspekten sogar kommunistisch. Nicht Kommunisten im modernen Sinne, in dem Sinne, in dem wir es verstehen: einer wirtschaftlichen Organisation, die Rohstoffe und Produktionsmittel im allgemeinen Interesse einsetzt, sondern Kommunisten im Sinne einer gleicheren Verteilung der Reichtümer. Hier eine Beschreibung der ersten Jerusalemer Gemeinschaft nach dem biblischen Text der Apostelgeschichte: "Niemand betrachtete irgendetwas als ihm gehörend, alle Dinge gehörten ihnen gemeinsam. Diejenigen, die Land oder Häuser besaßen, brachten nach deren Verkauf das Produkt und legten es den Aposteln zu Füßen. Und man verteilte es an jeden nach seinen Bedürfnissen."

Nicht ein Einziger betrachtete irgendetwas von dem, was ihm gehörte, als sein persönliches Eigentum; vielmehr teilten sie alles miteinander, was sie besaßen. Denn ´wenn die Bedürfnisse es erforderten, verkauften diejenigen, die ein Grundstück oder ein Haus besaßen, ihren Besitz und stellten den Erlös ´der Gemeinde` zur Verfügung, indem sie das Geld vor den Aposteln niederlegten. Davon wurde dann jedem das zugeteilt, was er nötig hatte.

Der Kommunismus des Teilens dieser ersten Christen konnte nur in kleinen Gemeinschaften existieren, die am Rande des Reiches lebten. Das Christentum hatte keine andere soziale Organisation zu bieten. Diese anfängliche gleichmacherische Tendenz war nicht von Dauer. Sobald das Christentum wuchs, wurde sie zunehmend in Frage gestellt. Eine religiöse Hierarchie entstand, und das gleichberechtigte, gemeinschaftliche Teilen wurde durch die Barmherzigkeit der reichen Christen ersetzt. Dies geschah nicht ohne Widerstand. Noch im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung konnte ein Bischof, Basilius von Cäsarea zum Beispiel, an die Reichen gewandt sagen:

"Ihr Elenden, wie wollt ihr euch vor dem himmlischen Richter rechtfertigen? Sag du es mir: - Was ist unsere Schuld, wenn wir behalten, was uns gehört? - Ich frage euch: Das, was ihr euer Eigentum nennt, von wem habt ihr es erhalten? Wie werden die Besitzenden reich, wenn nicht durch Aneignung von Dingen, die allen gehören? Wenn jeder nur nach seinen eigenen strikten Bedürfnissen nimmt und den Rest anderen überlässt, gibt es weder Reiche noch Arme."

Trotz dieser Art von Widerstand war die Entwicklung unvermeidlich. Und von einer aufrührerischen und unterdrückten Religion wurde das Christentum zu einer für das römische Reich akzeptablen Religion. Seiner gleichmacherischen Tendenzen entledigt, konnte die christliche Religion sogar zum Zusammenhalt des Reiches beitragen.

Das Christentum, Religion des Römischen Reiches

Es war Kaiser Konstantin im frühen 4. Jahrhundert, der zuerst versuchte, die christliche Kirche zu nutzen, um das Römische Reich zu regieren und zusammenzuhalten. Er begann mit der Gewährung der Religionsfreiheit für Christen und startete dann ein massives Programm für den Bau öffentlicher Gebäude im ganzen Reich, die zu den ersten christlichen Kirchen wurden. Schließlich versuchte er, die verschiedenen Tendenzen zu reduzieren, die sich in den ersten drei Jahrhunderten des Christentums vermehrt hatten. Als ob er das Oberhaupt der Kirche wäre, berief er das erste christliche Konzil nach Nikea, in der heutigen Türkei, ein. Diese Versammlung von Vertretern christlicher Kirchen des ganzen Reichs legte das religiöse Dogma, die Glaubenslehre fest. Zwischen der Staatsmacht und dem Apparat der Kirche entstand ein Bündnis, das Jahrhunderte überdauerte.

Gegenüber den Gläubigen veränderte sich das Christentum zu einer Religion, dass die Unterwerfung unter die Macht predigte. Wenn der Begriff "Religionsgemeinschaft" für gleichberechtigte Gemeinschaften einen Sinn haben konnte, dann war das seitdem überhaupt nicht mehr der Fall. Der Begriff "christliche Gemeinschaft", oder "Gemeinschaft der Gläubigen", diente eigentlich dazu, Klassenunterschiede zu überdecken, um den Armen zu predigen, sich mit ihrer Situation abzufinden.

Als kurz darauf, zu Beginn des 5. Jahrhunderts, das Römische Reich in seinem westlichen Teil zusammenbrach, überlebte das Christentum nicht nur verbunden mit der Macht des östlichen Teils, der zum Byzantinischen Reich wurde, sondern auch in den durch Invasion der Barbaren entstandenen Königreichen. In diesen Königreichen passte sich die christliche Religion der geografischen Zersplitterung an. Das Christentum bekannte sich immer zur Furcht vor einem einzigen Gott, aber auf lokaler Ebene tauchten dennoch Kulte für Schutzheilige auf. Das war gewissermaßen eine Rückkehr zu den Schutzgöttern der alten Städte: Die Gesellschaft entwickelte sich zurück und mit ihr die Religion.

Die Geburt des Islam und die Vereinigung der arabischen Stämme

Die dritte große monotheistische Religion, der Islam, erschien kaum 200 Jahre später, im 7. Jahrhundert, auf der arabischen Halbinsel, nicht weit entfernt von der Region, in der Christentum und Judentum geboren wurden. Die Veränderungen der arabischen Beduinengesellschaft, die der Ankunft des Islam vorausgingen, erinnern in vielerlei Hinsicht an jene, die zu den beiden früheren Monotheismen geführt haben.

Die arabische Halbinsel befand sich unter anderem aus geographischen Gründen außerhalb der römischen Kolonisierung: Die Wüsten, die sie bedeckten, waren ein natürlicher Schutzwall gegen die römische Invasion.

Zwei große Reiche, das Byzantinische und das Persische Reich, teilten sich die Weltherrschaft. Die arabische Bevölkerung, die sich nördlich und westlich der arabischen Halbinsel befand, war von diesen Imperien beeinflusst und christlich geworden. Auf der entgegengesetzten Seite gab es im Süden der arabischen Halbinsel, in Richtung des heutigen Jemen, eine Region, die die Griechen und Römer "glückliches Arabien" nannten. Diese Region zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean, mit einem viel günstigeren Klima, war ein wichtiger Weg der Handelsschifffahrt. Es war die reichste Region in Arabien. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts war der König dieser Region zum Judentum übergetreten.

Doch kurz darauf, einige Jahrzehnte vor der Ankunft des Islam, wurde Südarabien Opfer der Rivalitäten zwischen den beiden großen Imperien. Es wurde einmal von Äthiopien, einem Verbündeten der Byzantiner, und ein zweites Mal vom Persischen Reich verwüstet. Es erholte sich nicht, und die Handelsroute zwischen Indien und dem Mittelmeerraum führte von nun an durch die Wüste.

Die Wüste war die Welt der Nomadenstämme. Die Beduinen nutzten die extreme Robustheit der Dromedare, um in diesem schwierigen Klima zu überleben. Einen zentralisierenden Staat gab es nicht. Die Stämme hatten ihre alten Traditionen und religiöse Vorstellungen zwischen Animismus und Polytheismus. Diese Völker fürchteten vor allem die Geister, die "Dschinns". Aber die Ankunft der Handelsrouten änderte diese Situation. Oasen und Städte im Inneren der Halbinsel, wie Mekka, gewannen an Bedeutung und wurden reich. Das Leben der Beduinenstämme wurde völlig verändert. Die städtischen Stämme, die Mekka beherrschten, wurden zu reichen Handelsstämmen. Aber als sich die Stammesbande der gegenseitigen Hilfe auflösten, wurden andere Nomaden ruiniert, und in den Städten gab es immer mehr Beschäftigungslose und Sklaven, denn die Sklaverei war entstanden.

Mohammed, der Prophet des Islam, gehörte dem Stamm der Quraischiten an, der Mekka beherrschte, aber er war von einem Zweig am Rande des Landes. Im Alter von etwa 40 Jahren hatte er seine mystischen Offenbarungen und begann, den Glauben an einen einzigen Gott, an Allah, zu predigen. Auf Arabisch bedeutet Allah "der Gott". Aber damals war Allah vor allem die höchste Gottheit des polytheistischen Pantheons der Stämme Mekkas.

Die Anführer der Stadt lehnten Mohammeds Monotheismus als konkurrierende Religion ab. Und Mohammed suchte dann Verbündete auf Seiten des Judentums und des Christentums, denn mit dem Ausbau der Handelsbeziehungen hatten sich die jüdischen und christlichen Religionen bereits unter einigen Beduinenstämmen ausgebreitet. Und außerdem verlangte Mohammed von seinen ersten Anhängern, wie Juden und Christen in Richtung Jerusalem zu beten.

Aber den Würdenträgern Mekkas gelang es, Mohammed und seine Anhänger aus ihrer Stadt zu vertreiben. Und diese mussten in eine andere Stadt auswandern: Yathrib.

In Yathrib begründete Mohammed seine politische und religiöse Macht. Er schloss ein Bündnis mit lokalen Stämmen, von denen drei jüdisch und einer christlich waren, gegen die Stämme von Mekka. Und nach und nach gelang es ihm, die ganze Feindseligkeit der verarmten Beduinen gegen die reichen Stämme Mekkas zu vereinen. In dieser Gesellschaft, in der die alten Stammesbindungen der gegenseitigen Hilfe aufgelöst waren, spielte der Islam die Rolle eines wirksamen Kits. Und Yathrib, das allmählich den Namen Medina annahm, was "die Stadt" bedeutet, unausgesprochen "des Propheten", wurde zum Sammelpunkt des Widerstands gegen Mekka.

Nach mehreren Schlachten und Belagerungen gelang es den Armeen Mohammeds 632, den Anschluss der Stämme Mekkas zum Islam durchzusetzen. Diese Unterwerfung war ein entscheidender Schritt für die Bildung eines Staates, dessen Oberhaupt Mohammed, der Prophet der neuen Religion, war.

Während Mohammed am Anfang, um gegen den Polytheismus zu kämpfen, Verbündete in den jüdischen und christlichen Stämmen gesucht hatte, um die arabischen Stämme fest zu vereinen, so konnte er künftig keine konkurrierende Religion mehr tolerieren, auch keine monotheistische. Und als er zum Beispiel erkannte, dass die jüdischen Stämme von Medina nicht zum Islam konvertierten, brach er mit ihnen und zerstörte sie. Dies führte auch zur Annahme eines neuen religiösen Heiligtums, zu dem die Muslime nun beten mussten: Mekka.

Der Islam war also fast von Anfang an die Religion der Macht. Ein verbindender Kit, aber auch herrschende Ideologie, mit der Aufgabe, die neue politische Macht bei den Massen zu legitimieren.

Der Islam und die Ausweitung des Monotheismus

Direkt danach starb Mohammed. Seine Nachfolger, seine "Kalifen" auf Arabisch, die jedes Mal unter seinen ersten Anhängern ausgewählt wurden, führten die vereinigten Beduinenstämme zu äußeren Eroberungen, unter anderem um die Meinungsverschiedenheiten, die kurz nach Mohammeds Tod entstanden waren, zum Schweigen zu bringen. Die beiden großen Reiche, das Byzantinische und das Persische, hatten sich in einem gewaltigen Krieg, der 20 Jahre gedauert hatte, gegenseitig erschöpft. Und sie konnten den verbündeten arabischen Stämmen nichts entgegensetzen. Binnen 30 Jahren wurde das Persische Reich vollständig erobert, ebenso wie alle östlichen Provinzen des Byzantinischen Reiches. Diese Erfolge, die den Eroberern Reichtum brachten, sicherten zunächst den Zusammenhalt dieses neuen muslimischen Religionsreiches.

Aber sehr schnell entstanden politische Rivalitäten. Und in diesem religiösen Staat nahmen sie offensichtlich einen religiösen Ausdruck an. Die beiden Haupttendenzen des Islam, die wir heute kennen, haben in diesen Machtkämpfen ihren Ursprung. Die Anhänger von Mohammeds Schwiegersohn Ali gründeten das, was zum Schiitentum werden sollte. Während Mohammeds Großonkel, Moawiya, der den dominanten Clan der Quraischiten von Mekka hinter sich hatte, den Sunnismus vertrat.

Trotz innerer Rivalitäten, erstreckten sich etwa 100 Jahre nach Mohammeds Tod, die arabisch-muslimischen Eroberungen sehr weit: Das Reich umfasste den gesamten südlichen Mittelmeerraum bis zum Maghreb und sogar bis nach Spanien, und erstreckte sich nach Osten bis nach Pakistan und im Norden bis zum Iran. Durch diese militärischen Eroberungen verbreitete sich der Islam in all diesen Regionen.

Kurz vor dem Jahr 1000 teilten sich der Islam im Süden und das Christentum im Norden die religiöse Herrschaft über Europa und den Mittelmeerraum. Obwohl diese Religionen in der Lage waren, die Not und den Zorn der Unterdrückten auszudrücken, so sind sie doch sehr schnell zu einem nützlichen Werkzeug in den Händen der Macht geworden, um Reiche oder Königreiche zu vereinen und die Unterdrückten moralisch zu beherrschen.

Aber die Religion ist nur eine Ideologie. Und als die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Gesellschaften taumelten, spalteten sich die irdischen und die damit verbundenen himmlischen Reiche.

Der Kampf der Bourgeoisie gegen den Adel: von der protestantischen Reformation zum Materialismus

Vom Jahr 1000 an gab es weitere große Veränderungen im gärenden Westeuropa. Und sie betreffen uns noch mehr, da die moderne kapitalistische Gesellschaft, in der wir leben, direkt daraus hervorgegangen ist. Neue religiöse Richtungen tauchen auf, die neue soziale Klassen widerspiegeln, angefangen bei der Bourgeoisie, die die Welt beherrschen wird.

Und in diesem Kontext des Aufstiegs der Bourgeoisie, in dieser Zeit des beschleunigten Wachstums von Austausch, Techniken und wissenschaftlichen Entdeckungen, werden auch atheistische und materialistische Ideen geboren.

Die katholische Kirche im Feudalismus

Um das Jahr 1000 war in der feudalen Gesellschaft die Macht der Kaiser und Könige quasi nicht mehr vorhanden. Die Bischöfe der Kirche waren Adlige, fast wie die anderen, die über Lehnsgüter herrschten. Die Kirche von Rom war das Haupt aller Bischöfe und die größte feudale Macht Europas, die bis zu einem Drittel der Ländereien besaß.

Die katholische Kirche symbolisierte den Feudalismus. Nicht nur, weil sie sich durch ihre Lehensgüter bereicherte, sondern auch, weil sie zu einer Zeit, als es keine zentrale Macht mehr gab, die einzige vorherrschende Macht im ganzen Christentum war. Aus diesem Grund versuchten alle neuen gesellschaftlichen Kräfte, die sich entwickelten und eine zentrale Macht schufen, sich nach einiger Zeit von der Vormundschaft der katholischen Kirche zu befreien. Und dies drückte sich zuerst als religiöser Protest aus.

Außerdem ging die Gesellschaft aus der dunklen Zeit der ersten Jahrhunderte des Mittelalters hervor, als das Wissen zurückgegangen war. Und es war die Kirche, die das Wenige, was an Kultur im Westen verblieben war, in ihren Klöstern aufbewahrt hatte. Die ersten Schritte zur kulturellen Erneuerung erfolgten daher unter direktem Einfluss der Kirche. So wurde alles auf Latein, der Sprache der Kirche, geschrieben. Die ersten Universitäten, wie die Sorbonne in Paris, waren religiöse Organisationen. Aus diesem Grund waren auch die ersten rebellischen Ideen, Ideen religiöser Auseinandersetzung, und auch der Klassenkampf drückte sich zuerst in religiöser Form aus.

Das Entstehen der Monarchien: Frucht der Allianz zwischen Bourgeoisie und König

Vom 12. Jahrhundert an wurden die Städte in Westeuropa wieder zu wichtigen Handelszentren. Eine neue soziale Klasse, die Bourgeoisie, spielte die größte Rolle. Die Städte wollten so unabhängig wie möglich von örtlichen Fürsten sein. Und in ihrem Kampf fanden sie einen Verbündeten in der Person des Königs, der darum kämpfte, den Fürsten seine Autorität aufzuzwingen. Bürgerliche Städte und Monarchie verbündeten sich oft gegen die Feudalherren.

In der ersten Zeit erhielten die Städte ihre Unabhängigkeit und sogar die Möglichkeit, städtische bürgerliche Milizen zu gründen. An manchen Orten dauerte diese Unabhängigkeit sogar Jahrhunderte. Städte wie Genua, Florenz oder Venedig in Italien wurden sehr mächtig. Aber im Allgemeinen, als der königliche Verbündete stärker wurde, wurde er der neue Herr und die Autonomie der Städte verschwand in der Festigung der Königreiche.

Der König war jedoch kein Hindernis für die Entwicklung der Bourgeoisie. Die Monarchie war ein Element der Ordnung und Stabilität des Mittelalters, in dem sich die Feudalherren ständig bekriegten. Und Stabilität war gut für den Handel. Im internationalen Wettbewerb war es für einen reichen Bourgeois durchaus ein Trumpf, einen mächtigen Staat hinter sich zu haben. Also dehnte sich das Bündnis von Bourgeoisie und Monarchie weiter aus. Und die katholische Kirche konnte dieser gemeinsam aufsteigenden Kraft nicht lange widerstehen.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war der König von Frankreich, Philippe der Schöne, einer der ersten, der sich der Autorität des Papstes widersetzte. Als Philippe dem Klerus eine neue Steuer auferlegen wollte, lehnte der Papst dies ab. Also verbot der König von Frankreich alle Ausfuhren aus dem Königreich, was Rom einen wichtigen Teil seiner Mittel entzog. Der Konflikt dauerte mehr als ein Jahrhundert. Und es war die französische Monarchie, die den Sieg davontrug. Sie ließ sogar Päpste von ihren Gnaden wählen. Und da diese um ihr Leben in Rom fürchteten, zogen sie es vor, sich in Avignon niederzulassen. Mehrere Jahrzehnte lang saßen die Päpste der katholischen Kirche in Avignon. Es gab sogar eine Phase, die das Abendländische Schisma genannt wird, in der es bis zu drei verschiedene Päpste gleichzeitig gab, die jeweils die Interessen eines oder mehrerer großer Königreiche vertraten.

Um 1500, am Ende des Mittelalters, wurde damit die politische Macht der katholischen Kirche deutlich geschwächt.

Die protestantische Reformation und der Bauernkrieg von 1525

Auch die "geistliche" Autorität der Kirche ist mehrfach von religiösen Strömungen herausgefordert worden, die die katholische Kirche Häretiker (Ketzer) nannte. Von der Kirche gejagte Häresien entwickelten sich und versteckten sich in den Städten. Sie waren fast alle bürgerlich geprägt. Die Stadtbürger lehnten die kostspielige und unnötige religiöse Hierarchie ab. Sie wollten eine einfache und "preiswerte" Kirche. Die frühchristliche Kirche ohne Klerus und demokratisch, die in den Evangelien beschrieben wurde, passte ihnen unendlich besser als diese parasitäre und reiche Kirche der Päpste Roms. Zahlreiche Häresien in Südfrankreich, England und Mitteleuropa repräsentierten diese bürgerliche religiöse Tendenz.

Aber es gab auch Häresien, die Ausdruck der Armen waren: der kleinen Leute in den Städten und der Bauern. Diese Häresien umfassten im Allgemeinen die Forderungen bürgerlicher Ketzer, gingen aber noch weiter. Sie wollten nicht nur die Demokratie der frühchristlichen Kirche, sondern auch die Zustände der Gleichheit des frühen Christentums erreichen. Diese Häresien durchziehen das ganze Ende des Mittelalters und berührten fast ganz Europa.

Als der deutsche Mönch Luther 1517 die protestantische Reformation startete und den Luxus der Kirche von Rom anprangerte, öffnete er eine Bresche, in die sich alle sozialen Schichten und alle gegen die katholische Kirche gerichteten Interessen hineindrängten. Zumal Luther schnell die Unterstützung deutscher Fürsten hatte; denn die meisten würden sich gern von der Vormundschaft Roms befreien, die für sie sehr teuer war. Diese Emanzipation hatte ihr Symbol in Luthers Übersetzung der Bibel vom Lateinischen ins Deutsche.

In dem Sog Luthers etablierte in Genf ein anderer religiöser Reformator seine Lehre. Sein Name war Calvin, der war französischer Herkunft. Er bot der Bourgeoisie die Religion, die ihr am besten passte. Die calvinistische Kirche war demokratisch und preiswert: Ein gewählter Rat leitete den Gottesdienst, und es gab keinen Klerus. Darüber hinaus betonte sie die Vorherbestimmung. Die Vorherbestimmung sagte, dass Gott im Voraus diejenigen auserwählt hatte, die begnadigt, und diejenigen, die verdammt werden sollten. Es war eine sehr fatalistische Art, religiöse Dogmen auszudrücken und entsprach dem, was die Bourgeoisie lebte. In der Geschäftswelt hing der Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens nicht nur von den Fähigkeiten des Menschen ab, sondern schien einem unverständlichen Schicksal zu unterliegen. Als ob Gott im Voraus die Auserwählten und Gefallenen bestimmt hätte. Die ersten bürgerlichen Republiken, wie die Schweiz oder die Niederlande, waren calvinistische Republiken.

Aber jenseits von Luther, Calvin und ihren nahen Anhängern vermehrten sich die Sekten, die die Wünsche der Ärmsten zum Ausdruck brachten. Die Wiedertäufer priesen zum Beispiel frühchristliche Gemeinschaften und ihre Gleichheitsbestrebungen. Ihr Name kommt daher, dass sie die Taufe kurz nach der Geburt ablehnten. Ihnen zufolge musste man seinen Glauben bewusst wählen. So tauften sie diejenigen, die ihrer Sekte beigetreten erneut.

Luthers Reformation hatte bei den Armen viel Hoffnung geweckt, aber für sie hatte sich nichts geändert. Sie blieben die Untersten der Gesellschaft und schufteten für das Wohl fast aller anderen sozialen Klassen. In Südwestdeutschland, wo es bereits eine Tradition von Revolten und Bauernverschwörungen gegen die Besitzenden gab, benutzten radikale Prediger, meist aus der Wiedertäufer-Bewegung, die Sprache der Bibel, um den Aufstand zu schüren.

Der Funke wurde entfacht und führte zum Aufstand. Vom Sommer 1524 bis zum Frühjahr 1525 zogen sechs Bauernarmeen von insgesamt 30.000 bis 40.000 Mann durch die Landschaft und zerstörten Klöster, Abteien und Adelsschlösser. In mehreren Städten eroberten Aufständische die Macht und sammelten noch weitere Kämpfer um sich. Die Führer dieser Revolte waren kleine Handwerker oder Gastwirte. Die Rebellen hatten ihr Programm in Form von 12 Artikeln vorgelegt. Sie forderten das Recht, ihre Pastoren zu wählen und abzuwählen, die Abschaffung des "kleinen Zehnten" (einer Kirchensteuer) und die Verwendung des "großen Zehnten" (einer weiteren Kirchensteuer) für nützliche öffentliche Zwecke. Sie forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Rückgabe der von den Adligen in Beschlag genommenen Gemeindeländereien und die Unterdrückung der Willkür in Justiz und Verwaltung.

Luther, der unabsichtlich zu diesen Revolten beigetragen hatte, rief die deutschen Fürsten zur Niederschlagung der Bewegung auf. Hier, was er ihnen über die Aufständischen sagte: "Man muss sie in Stücke reißen, sie erwürgen, ihnen die Kehle durchschneiden, heimlich und auch öffentlich, wie man tollwütige Hunde erschießt! Deshalb, meine lieben Herren, schneidet ihnen die Kehle durch, erschießt sie, würgt sie, befreit sie hier, rettet sie dort! Wenn ihr im Kampf fallt, so werdet ihr nie einen heiligeren Tod haben!"

Gegenüber Luther war Thomas Münzer der radikalste Ideologe des Bauernaufstandes. Beeinflusst von Wiedertäufern, lehrte er in christlichen Formen, eine universelle Religion, die so abstrakt war, dass sie an Atheismus grenzte. Er lehnte die Bibel als einzige oder unfehlbare Offenbarung ab. Die wahre Offenbarung, so Münzer, war die Vernunft. Für ihn war die Vernunft der Heilige Geist. Sein politisches Programm war fast kommunistisch. Das Reich Gottes war für ihn eine Gesellschaft ohne jegliches Privateigentum, ohne eine über den Mitgliedern stehende Staatsmacht. Er wollte eine Liga gründen, um dieses Programm nicht nur in ganz Deutschland, sondern in der ganzen Christenheit durchzuführen.

Dieser Aufstand der Bauern und unteren Klassen der Städte Südwestdeutschlands, also in Schwaben, Franken, Thüringen und sogar im Elsass, wurde niedergeschlagen. Die Bauernarmeen waren zahlreicher als die Armeen der Fürsten, aber sie waren zersplittert. Die Unterdrückung war grausam. In der letzten entscheidenden Schlacht vernichtete das Fürstenheer 5 bis 6.000 der 8.000 Bauernkämpfer. Thomas Münzer wurde gefoltert und enthauptet.

Die Bestialität der lutherischen deutschen Fürsten gegen die rebellischen, mehr oder weniger wiedertäuferischen Bauern war vor allem die Unterdrückung eines Volksaufstandes durch die Armeen der Adligen.

Von der Reformation an war ganz Europa in Religionskriege verwickelt. Alle sozialen Kräfte, die sich im Mittelalter herausgebildet hatten, kollidierten unter religiösen Bannern.

Die Kämpfe zwischen den Nationen um die Plünderung der "Neuen Welt", Amerikas, das gerade entdeckt worden war, nahmen einen religiösen Ausdruck an. Auch König Heinrich VIII. von England brach im Zuge der lutherischen Reformation mit dem Katholizismus. Er erklärte sich selbst zum "Obersten Führer der Kirche und des Klerus von England" und stoppte plötzlich den Strom des Reichtums, der von England nach Rom abfloss. Er gründete den "Anglikanismus" und die Bibel wurde ins Englische übersetzt. Im Gegensatz dazu war Spanien, das vom Reichtum der Entdeckung Amerikas profitierte, zur beherrschenden Macht geworden und hatte das Papsttum unter seine Kontrolle gebracht. Die Päpste wurden nun mit Zustimmung des Königs von Spanien gewählt. Dann nahm die wirtschaftliche Rivalität zwischen Spanien und England ein religiöses Aussehen an: Katholizismus gegen den Anglikanismus.

In Frankreich fand die Konfrontation zwischen den verschiedenen Clans des Adels um die königliche Macht ebenfalls unter der Maske der Religion statt. Und Spanien und England mischten sich in diesen Kampf ein, einer unterstützte den katholischen Clan, der andere den protestantischen.

Die "Religionskriege" waren Ausdruck von Kämpfen zwischen verschiedenen sozialen Klassen, zwischen verschiedenen nationalen Mächten oder sogar innerhalb des Adels Ausdruck von Rivalitäten um die königliche Macht.

Die Puritaner der englischen Revolution

Unter der Oberfläche der politischen Kämpfe, gab es tiefe wirtschaftliche Auseinandersetzungen und die Stellung der Bourgeoisie festigte sich weiter.

In England waren die Monarchie und die Bourgeoisie zur Zeit Heinrichs VIII. und der Etablierung des Anglikanismus verbündet, weil sie gemeinsam hinter den Interessen der englischen Handelsmacht standen. Aber als die Bourgeoisie immer reicher wurde, und die entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben spielte, war es unvermeidlich, dass die Monarchie sie schließlich behindern würde. In England zerbrach das Bündnis zwischen Bourgeoisie und Monarchie bereits 1640, fast eineinhalb Jahrhunderte vor der Französischen Revolution und verwandelte sich in einen offenen Konflikt. Die religiösen Strömungen, die während der englischen Revolution aufeinanderprallten, repräsentierten die verschiedenen sozialen Klassen.

Die Monarchie, der alte Adel und der hohe Klerus waren Anglikaner, das republikanische Lager "Puritaner". Es gab mehrere Tendenzen bei den Puritanern. Die Handelsbourgeoisie verbündete sich mit einigen der Grundbesitzer als Presbyterianer, einer calvinistischen Tendenz, die von einem schottischen Pastor ausging. Die Bauern, die kleinen Händler und Handwerker und die unteren Schichten der Städte, die die radikalste Partei der englischen Revolution bildeten, wurden als "unabhängige" oder "Sektierer" bezeichnet, d.h. Mitglieder religiöser Sekten. Denn unzählige religiöse Sekten waren entstanden. Sie kamen von den Wiedertäufern und priesen das Ziel der Gleichheit des frühen Christentums.

Bemerkenswert ist, dass diese Fülle von Sekten den Geist der Toleranz förderte. Dieser radikale Flügel forderte die Trennung von Kirche und Staat, denn jeder sollte der Kirche seiner Wahl beitreten können.

Von 1642 an wurde der Kampf zwischen dem König von England, Karl I., und dem englischen Parlament zu einem Bürgerkrieg: Die Armee des Königs und die Armee des Parlaments prallten aufeinander. Und das Herz der Revolution war eine revolutionäre Armee, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatten. Die "New Model Army", so der Name, entstand aus dem Zusammenschluss von Männern nach religiösen Prinzipien des Puritanismus. Ihr radikalster Flügel, die Kavallerie, benutzte zum Beispiel anglikanische Kathedralen als Stallungen für ihre Pferde. Aber diese Armee war vor allem komplett gegen das Königtum. Der Führer der Kavallerie, Oliver Cromwell, ein Mitglied des sehr niederen Adels, regelmäßig von seinen Männern wiedergewählt, rekrutierte mit Reden dieser Art:

"Wenn der König sich in den Reihen des Feindes wiederfindet, würde ich meine Pistole auf ihn richten wie auf jeden anderen; und wenn dein Gewissen dich daran hindert, dann rate ich dir, dich nicht unter meinen Befehl zu stellen."

Diese revolutionäre Armee, einmal gebildet, brauchte nicht lange, um die königliche Armee zu besiegen. Und nach dem Sieg hat sich diese revolutionäre Armee nicht aufgelöst. Stattdessen wurde sie zu einem Schmelztiegel radikaler Ideen und beschleunigter Politisierung. Selbst das bürgerliche Parlament hatte Angst vor dieser Volksmilitärmacht. 1647 versuchte es, einen Teil davon aufzulösen und den anderen zur Eroberung Irlands zu schicken.

Diese Entscheidung setzte das Pulverfass in Brand. Die Truppen wählten Delegierte als "Agitatoren" und zwangen die Offiziere, die Verfassung eines gewählten Generalrates der Armee zu akzeptieren. Viel später, im 20. Jahrhundert, verglich der englische demokratische Historiker und Journalist Henry Brailsford dieses Aufbrausen der englischen Revolution mit dem der russischen Revolution: "Vor diesem Jahr 1647 gab es in keiner englischen oder kontinentalen Armee eine vergleichbare Explosion spontaner Demokratie, nichts Vergleichbares wiederholte sich vor 1917, den Arbeiter- und Soldatenräten in Russland".

Parallel zu dieser Politisierung in der Armee hatte sich in der Zivilgesellschaft, insbesondere in London, eine Volkspartei, die "Levellers" (Gleichmacher), entwickelt. Der Begriff stammte von ihren Verleumdern, die sie dafür kritisierten, dass sie die soziale Gleichheit, die "level society", durchsetzen wollten. Die Levellers waren die radikale republikanische Partei, die in der Arbeiterklasse Londons und in den unteren Reihen der "New Model Army" verankert war.

Ihr Manifest, The People's Agreement, forderte die Trennung von Kirche und Staat sowie religiöse Toleranz, die Abschaffung des Zehnten, den Schutz des kleinen Privateigentums, die Republik und das allgemeine Wahlrecht.

Cromwell, jetzt der Führer der Revolution, verließ sich zuerst auf die Gleichmacher und das Volk, um die Zögerlichen loszuwerden, die mit einem Kompromiss mit dem König zufrieden gewesen wären, aber dann unterdrückte er sie unerbittlich, um jeden Volksaufstand zu unterbinden.

Cromwell regierte die kurze englische Republik bis zu seinem Tod, aber sie überlebte ihn nicht. Die Reaktion brachte die Monarchie zurück. Nach mehreren Jahrzehnten der Schwankungen fanden Bourgeoisie und Aristokratie einen Kompromiss: Die Monarchie wurde wiederhergestellt, aber die Bourgeoisie hatte die Hände frei für all ihre kommerziellen, industriellen und finanziellen Angelegenheiten. Mit der Restaurierung kam auch die anglikanische Kirche zurück, aber sie wagte es nicht, sich wieder als Staatsreligion zu etablieren. Die vielen religiösen Sekten, die eine Zeit lang unterdrückt waren, wurden schließlich toleriert. Die Ebbe der Revolution machte sie weniger gefährlich für die Regierung.

Außerdem waren neue, sehr mystische Sekten entstanden, wie die pazifistische Bewegung der Quäker. Die meisten Führer dieser neuen Sekten waren radikale Revolutionäre gewesen. Aber wenn im Herzen der Revolution die Sprache der Bibel ihre rebellischen Reden verhüllte, so hatte das Scheitern der Revolution, und die Rückkehr der Monarchie sie demoralisiert und in Richtung Mystik getrieben ... und nach Amerika, wohin viele emigrierten.

Der Aufschwung der Wissenschaft

Die Reformation in Deutschland und die englische Revolution von 1640 waren zwei große Schlachten, die als religiöse Kämpfe durchgehen könnten, aber in Wirklichkeit Ausdruck des Klassenkampfes waren. Alles geschah unter der Maske der Religion, denn nirgendwo in der Gesellschaft gab es einen von der Religion unabhängigen Gedanken. Aber in dieser Gesellschaft ständigen Umbruchs, die gerade neue Kontinente und neue Ozeane entdeckt hatte, und parallel zu all den Ereignissen, mit denen wir uns gerade beschäftigt haben, entwickelte sich die Vorstellung von der Welt in riesigen Schritten, und in dieser überhitzten Atmosphäre entstanden atheistische und materialistische Anschauungen.

Zuerst war die Wissenschaft wieder im Aufstieg begriffen: ausgehend von den Theorien der griechischen Antike, die von der arabischen Welt vermittelt und bereichert wurden. Sie konnte sich nun auf die Erfahrung neuer Techniken stützen, deren Entdeckungen sich in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters verbreitet hatten, wie der Einsatz von Wassermühlen, dann von Windmühlen aus dem 11. Jahrhundert und deren ständige Verbesserung; die Entdeckung der Kreuzung von Spitzbögen im 12. Jahrhundert, die es ermöglicht hatte, höher zu bauen, ohne einen Einsturz zu fürchten. Die Entdeckung eines Ruders im 13. Jahrhundert, mit dem der Aufstieg der Marine und des Welthandels verbunden waren, und dann müssen wir zumindest auch die vom deutschen Gutenberg um 1450 entdeckte Buchdruckerei erwähnen, die die Verbreitung von Ideen und Wissen revolutionierte.

Alle diese neuen Techniken halfen, die wissenschaftlichen Ideen zu erneuern, aber vor allem halfen sie, die Produktivkräfte und damit den Reichtum der Gesellschaft zu steigern. Dies führte indirekt dazu, dass auf europäischer Ebene eine Schicht von Intellektuellen entstand, die am Rande der Kirche nachzudenken begann.

Dies war wichtig, weil die katholische Kirche in dieser sich so rasant ändernden Welt starr auf einige wenige Vorstellungen aus der Antike fixiert geblieben war. Ihre Vorstellung von der Welt, die das religiöse Dogma absolut nicht in Frage stellte, betrachtete die Erde als unbeweglich im Zentrum des Universums. Dieses Universum war unterteilt in eine sublunare Welt unter dem Mond, in der alles vergänglich war und die Auswirkungen der Zeit erfuhr, und eine vollkommene, unveränderliche und ewige himmlische Welt, die Welt Gottes. Im Allgemeinen lehnte die Kirche jede Idee ab, die auf Beobachtungen oder Erfahrungen beruhte, weil die Wahrheit ihrer Meinung nach in ihren heiligen Büchern stand.

Als 1543 ein polnischer Mönch, Nikolaus Kopernikus, erklärte, dass die Sonne im Zentrum und die Planeten sich um sie herum bewegen, war diese einfache Hypothese in den Augen der Kirche unerträglich. Um die Idee des Kopernikus, die für uns heute eine Tatsache ist, zu bestätigen, dauerte es mehr als hundert Jahre und war der Beitrag von Entdeckern aus ganz Europa nötig: vom polnischen Kopernikus über den dänischen Tycho Brahe, den deutschen Kepler, den italienischen Galileo bis hin zum englischen Newton. Die Bemühungen waren beträchtlich, denn um Kopernikus' Idee zu beweisen, war es notwendig, das gesamte aus der Antike stammende wissenschaftliche Gebäude in Frage zu stellen. Darüber hinaus musste man auch gegen die katholische Kirche kämpfen.

Giordano Bruno, ein Anhänger des Systems von Kopernikus, verteidigte die Idee, die brillante Vorausschau, dass die Sterne entfernte Sonnen, und dass das Universum unendlich sei. Dafür wurde Giordano Bruno von der Kirche verurteilt und 1600 in Rom lebendig verbrannt. 33 Jahre später legte Galileo die Grundlagen der modernen Physik und bewies, dass die Theorie von Kopernikus richtig und die der sublunaren und himmlischen Welten falsch war. Während dies historisch gesehen eine wichtige Etappe im Fortschritt der Wissenschaft war, zwang die Kirche Galilei, seine Theorie zu widerrufen.

Die Kirche versuchte durch moralischen und physischen Terror, ihren ideologischen Einfluss auf die Gesellschaft aufrechtzuerhalten, aber sie konnte den steigenden Strom des Fortschritts nicht aufhalten. Wie Galileo sagte, konnte die Wissenschaft "sich nur ausdehnen". Zumal der Handel und die verarbeitende Industrie Naturwissenschaften, Erklärungen von Phänomenen und ein echtes Weltverständnis brauchten.

Die Ursprünge des Materialismus

Dieser Aufschwung der wissenschaftlichen Ideen beeinflusste wiederum den Aufschwung der philosophischen Ideen. Die Philosophen der damaligen Zeit versuchten, die Beziehung zwischen Materie und Denken zu verstehen, was die Seele sein könnte, und ob es möglich war, die Existenz Gottes zu beweisen oder nicht. Wie bei Kopernikus' Ideen war das materialistische Weltbild das Ergebnis der Beiträge von Denkern aller Länder und ihrer heftigen Debatten. Jenseits ihrer Unterschiede hatten alle einen Hass auf religiösen Obskurantismus - dem Bestreben der Kirche, die Menschen in Unwissenheit und Aberglauben zu halten - und den heftigen Willen zu verstehen. Einem niederländischen Philosophen, Spinoza, der im Alter von 24 Jahren aus der jüdischen Religionsgemeinschaft in Amsterdam exkommuniziert wurde, weil er aufklärerische Ideen verteidigte, wird ein Satz zugeschrieben, der diesen Geisteszustand symbolisiert: "Man soll weder lachen noch weinen, sondern verstehen".

Die materialistischen Ideen haben ihre Wurzeln in zwei philosophischen Strömungen des 17. Jahrhunderts, die sich parallel entwickelten.

Die erste Strömung war französischen Ursprungs und wurde von ihrem berühmtesten Wissenschaftler vertreten, René Descartes. Ausgehend von der Untersuchung der Eigenschaften der Materie, brachte Descartes vor, dass man die Welt um uns herum nur von ihren Eigenschaften her verstehen sollte, und dies bis hin zu Lebewesen wie Tieren, die er als komplexe Maschinen ansah, deren Mechanismus man auf den neuesten Stand bringen muss. Er fasste dies mit dem Begriff "Tiermaschine" zusammen. Es war eine mutige Vision von den Eigenschaften der Materie, denn das Wissen der Zeit war mehr als dürftig und konnte seine Vorstellungen nicht bestätigen. Descartes nahm übrigens den Menschen davon aus. Er verstand nicht, dass auch das menschliche Denken Produkt der Materie sein könnte, und er verband diesen Gedanken weiterhin mit einer ewigen Seele.

Die zweite Strömung war englischen Ursprungs. Während die mit Descartes verbundene französische Strömung das Problem der Verbindungen zwischen Materie und Denken "von unten", d.h. von den Eigenschaften der Materie her aufgegriffen hatte, war die englische Strömung "von oben" auf sie zugegangen und hatte versucht zu verstehen, wie sich das Denken entwickelt hat, woher die Ideen kamen. Im 17. Jahrhundert war England das Land der Revolution, in dem sich neue Ideen wie ein Lauffeuer verbreitet hatten. Englische Philosophen hatten gesehen, dass sich die Ideen in wenigen Jahren vollständig ändern können. England war auch das Land, in dem sich die experimentellen Wissenschaften am meisten entwickelt hatten, das Land der ersten wissenschaftlichen Akademie, das erste "Parlament der Wissenschaftler". Die experimentelle Wissenschaft hat gezeigt, wie aus Beobachtungen und Experimenten Ideen entstanden sind. Die englische materialistische Strömung stellte fest, dass die Gedanken letztlich nur von unseren Sinnen wie Sehen, Hören, Berühren ... kamen und dass sie nur das Spiegelbild der realen Welt sein konnten. Einer seiner einflussreichsten Vertreter, John Locke, beschrieb den menschlichen Geist, ausgehend von der Vorstellung, dass jeder Gedanke nur die Frucht der Erfahrung sein könne, beschrieb den menschlichen Geist als weißes Blatt Papier, das sich durch Kontakt mit der Welt füllte. Er schloss daraus, dass es in den Köpfen der Menschen keine "angeborenen Ideen" Ideen gab; dass zum Beispiel Kinder nicht mit vorgefertigten Ideen geboren wurden, nicht einmal mit denen Gottes.

Bei Anbruch des 18. Jahrhunderts, des berühmten Jahrhunderts der Aufklärung, hat kein Denker zu behaupten gewagt, dass es weder Gott noch Seele gab, obwohl die beiden französischen und englischen Strömungen die Grundlagen für eine materialistische Konzeption gelegt hatten. Aber die Idee lag in der Luft und sollte bald formuliert werden.

Das Erscheinen des Materialismus in der Aufklärung

So überraschend es auch erscheinen mag, es war ein kleiner Landpfarrer aus den Ardennen, Jean Meslier, der als erster seinen Atheismus zum Ausdruck brachte. Damals war in den armen Schichten der Bauernschaft das Priestertum oft der einzige Weg, der denen offen stand, die das Glück hatten, ein bisschen Bildung zu erhalten. Nach seinem Tod hinterließ er ein imposantes Werk, bekannt als das Testament des Jean Meslier, das Voltaire veröffentlichte, indem er bestimmte Passagen verstümmelte, weil er sie zu radikal fand. Da stand:

"Wägt sorgfältig die Gründe ab, warum ihr glaubt oder nicht glaubt, was eure Religion euch lehrt, und euch so absolut zum Glauben zwingt. Ich bin sicher, dass, wenn du dem natürlichen Licht deines Geistes gut folgst, dann wirst du ebenso gut und ebenso sicher sehen wie ich, dass alle Religionen der Welt nur menschliche Erfindungen sind, und dass alles, was deine Religion dich lehrt und dich als übernatürlich und göttlich zu glauben zwingt, im Grunde nur ein Irrtum ist, nur Lüge, nur Illusion und Hochstapelei."

Jean Meslier war ein Rebell. Er war es zum Beispiel, der die Formulierung - "Es wäre richtig, wenn die Großen der Erde und alle Adligen an den Gedärmen der Priester aufgehängt und erdrosselt würden" - einführte. Aber sein Atheismus war nicht nur die Frucht des Zorns, sondern auch Schlussfolgerung seiner Lektüre und Überlegungen. Er war isoliert, und seine Ideen wurden, dank Voltaire, teilweise und mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod bekannt. Aber er war ein echter Vorläufer der modernen materialistischen Ideen.

Es war ein Arzt der Armee des Königs von Frankreich, La Mettrie, durch den die englischen und französischen materialistischen Strömungen wirklich zusammenfanden, wodurch die erste konsequente materialistische Vision der Verbindung zwischen Materie und Denken entstand. Ausgehend von Descartes' Konzept der "Tiermaschine" hatte La Mettrie den Mut, sie auf den Menschen auszudehnen und von der "Mensch-Maschine" zu sprechen. Zum ersten Mal wurde das menschliche Denken als Frucht der Materie betrachtet. Weder Gott noch die Seele hatten noch eine Rechtfertigung. La Mettrie, Arzt von Beruf, sagte: "Wenn sich alles durch die Anatomie und Physiologie meines Rückenmarks erklären lässt, wozu soll ich mir da ein ideales Wesen zu schmieden?" Seine Werke wurden von den Behörden verurteilt und verbrannt. Er musste seine Stellung als Militärarzt aufgeben und ins Exil in die Niederlande und dann nach Deutschland gehen, aber er leugnete nie seine Ideen.

An ihn anschließend vermehrten sich die materialistischen Denker. Und ihre gemeinsamen Ideen schmiedeten einen Materialismus, von dem wir geerbt haben. Diesen Denkern zufolge besteht das Universum nur aus Materie. Diese Materie, deren Eigenschaften die Wissenschaft noch lange nicht am Ende ist zu entschlüsseln, organisiert sich in unzähligen Formen: vom trägen Felsgestein über Lebewesen bis hin zum menschlichen Gehirn, das fähig ist, ein Ort des Denkens zu sein. Und die Gedanken der Menschen, selbst die abstraktesten, entspringen ihren Sinnen. Sie spiegeln die Außenwelt im menschlichen Hirn wider. Diese Vorstellung von der Natur war keine starre Vorstellung. Sie musste sich durch jede neue wissenschaftliche Entdeckung ständig bereichern. Und das passiert auch heute noch, mehr als zweieinhalb Jahrhunderte später.

Das Symbol der Aufklärung war ein außergewöhnliches Gemeinschaftswerk: die Enzyklopädie. Dieses von der königlichen Macht und der Kirche immer wieder verbotene Monumentalwerk, zu dem Wissenschaftler und Denker aller Nationalitäten beigetragen haben, gab dem Materialismus seinen universellen Aspekt. Alles wurde auf den Prüfstand der Vernunft gestellt. Alle Themen der Natur, der Religion und der Gesellschaft wurden zur Sprache gebracht.

Nicht alle Autoren der Enzyklopädie waren Atheisten, weit davon entfernt. Seinen Materialismus und Atheismus zu bekräftigen, konnte zu Gefängnisstrafen führen. Zum Beispiel war Diderot, der Vater der Enzyklopädie, selbst drei Monate inhaftiert. Dies erklärt zum Teil, warum die meisten Philosophen es vorzogen, als Deisten aufzutreten, das heißt, sie lehnten die Dogmen der Kirche ab, räumten aber formell weiterhin die Existenz eines abstrakten Gottes ein. Marx wird später sagen, dass der Deismus "ein bequemer und fauler Weg war, die Religion loszuwerden".

Aber für einige Philosophen verbarg der Deismus mehr als das Anliegen, sich vor Repressionen zu schützen. Voltaire zum Beispiel bekannte sich zum Deismus und verurteilte den Atheismus. Doch er war ein kraftvoller Polemiker gegen die Kirche und den religiösen Aberglauben. So schrieb er in einem persönlichen Brief an den König von Preußen, der einer seiner Beschützer war: "Solange es Schurken und Narren gibt, wird es Religionen geben. Unsere ist zweifellos die lächerlichste, absurdeste und blutrünstigste, die die Welt je infiziert hat." Aber derselbe Voltaire, der sich an der französisch-schweizerischen Grenze auf einem von ihm gekauften Gut niederließ, ließ für die Bauern eine Kirche bauen, auf der auf Latein stand, "von Voltaire für Gott errichtet". Für ihn waren Atheismus oder Deismus etwas für die Großen der Welt, nicht aber für die Bauern.

Doch über die Stärken oder Schwächen eines jeden dieser Philosophen hinaus war das Ergebnis der allgemeinen Bewegung, dass die Menschheit am Ende des 18. Jahrhunderts, kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, endlich ein nicht-religiöses Weltbild hatte.

Parallel zur Etablierung materialistischer Vorstellungen hatten sich die radikalsten Materialisten mit den Problemen der Gesellschaften auseinandergesetzt. Sie stellten sich die Frage, was die Regime und Mächte hervorgebracht und besiegt hat, welche Erklärung für die Geschichte der Menschheit gefunden werden konnte. Sie wussten bereits, dass die ganze Geschichte nur das Ergebnis des Handelns der Menschen selbst war. Zur gleichen Zeit wussten sie, dass die Menschen das Produkt ihrer Umwelt waren und dass es keine angeborenen Ideen gab, wie John Locke gesagt hatte. Und da sie dachten, es sei die "Anschauung", die die Welt regierte, war es ihre Pflicht als Philosophen, das Volk aufzuklären.

D'Holbach, einer der konsequentesten Materialisten vor der Französischen Revolution, äußerte sich wie folgt:

"Die Geschichte zeigt uns, dass die Nationen in Regierungsangelegenheiten zu allen Zeiten der Spielball ihrer Unvorsichtigkeit, ihrer Leichtgläubigkeit, ihres panischen Schreckens und vor allem der Leidenschaften derer waren, die es verstanden, Einfluss auf die Menge zu gewinnen. Ähnlich den Kranken, die sich ständig in ihren Betten wälzen, ohne eine geeignete Position zu finden, haben die Völker oft die Form ihrer Regierungen geändert, aber hatten weder die Macht noch die Fähigkeit, den Kernpunkt zu reformieren, auf die wahren Quelle ihrer Übel zurückzuführen; sie wurden ständig von blinden Leidenschaften umhergeworfen."

Die Materialisten hatten die feste Überzeugung, dass es möglich ist, die Gesellschaft zu verbessern, indem man den Obskurantismus, also die Feindlichkeit gegenüber Aufklärung und die Religion beseitigt und sich mit Vernunft bewaffnet. Die Philosophen der Aufklärung waren weit entfernt davon, alle Republikaner zu sein. Die meisten bevorzugten eine konstitutionelle Monarchie, in der die Macht des Königs begrenzt wäre, oder bevorzugten die von einem "aufgeklärten" Herrscher geleitete Monarchie oder besser noch, von einem "Philosophen", und nur wenige forderten die Republik. Aber ihre Anklagen gegen den Obskurantismus, während die Kirche und die Monarchie untrennbar miteinander verbunden waren, machte sie alle letztendlich zu Gegnern des Königtums.

Offensichtlich waren sie weit davon entfernt, sich vorzustellen, dass die Menschen einige Jahre später ihre Ideen aufgreifen, sie in wirkliche Kräfte verwandeln und die Monarchie zu Fall bringen würden.

Französische Revolution und Entchristianisierung

Die Philosophie der Aufklärung blieb nicht auf die Salons der besseren Gesellschaft beschränkt, sie verbreitete sich in der Bevölkerung. Hausierer verbreiteten unter ihrem Mantel versteckt, die Werke der Philosophen. Und unter den gewählten Vertretern des Dritten Standes der Französischen Revolution waren einige von materialistischen Ideen inspiriert.

Als die Revolution ausbrach, brauchte der Kampf gegen den Adel und den König keinen religiösen Vorwand. Und die Macht, die aus dem ersten Durchbruch der Volksmassen im Sommer 1789 resultierte, zwang dem Klerus eine zivile Verfassung auf. Die Priester, vom kleinsten Priester bis zum Erzbischof, mussten einen Eid auf die Verfassung schwören. Der Papst in Rom rief zum Widerstand auf. Und, abgesehen von einem Teil des unteren Klerus, den wenigen geistigen Erben Jean Mesliers, stand die Kirche entschlossen auf Seiten der Monarchie und verweigerte diesen Eid.

Seit dem Sommer 1792 vertiefte sich die Revolution durch den Aufstand der Pariser Sans-Culottes, die das Königtum zu Fall brachten und die Republik errichteten. Als der revolutionäre Krieg immer erbitterter wurde, hatte die neue Macht, wenn sie siegen wollte, keine andere Wahl, als sich auf die weitestgehende Mobilisierung des Volkes zu stützen und ihm radikale Maßnahmen zu gewähren. So kam es 1793 zu der als "Terrorherrschaft" bekannten Zeit, als die Pariser Sans-Culottes regelmäßig in die Nationalversammlung eindrangen, um Petitionen einzureichen oder die mangelnde Entschlossenheit der Republik gegenüber den Profitmachern anzuprangern. In dieser Zeit trafen sich die kleinen Leute von Paris mehrmals pro Woche in örtlichen Versammlungen, Sektionsversammlungen, um zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen. In dieser Zeit fand auch die Entchristianisierung statt.

In der überhitzten Atmosphäre des Bürgerkriegs fanden die Entchristianisierungsinitiativen des linken Flügels der Revolutionäre sofort einen Wiederhall im Volk. Der Generalrat der Stadt Paris beschloss, dass alle Kirchen und Tempel aller Religionen und Glaubensrichtungen sofort geschlossen werden. Und unter diesem Druck verfügte die Nationalversammlung, der Konvent, am 16. November 1793, dass "alle Gebäude, die der Gottesverehrung und der Unterbringung von Ministern dienten, als Asyl für die Armen und als Einrichtungen für die öffentliche Bildung genutzt werden" sollten. Die Flugblätter gegen die Kirche verbreiteten sich von Paris in ganz Frankreich. Sie wurden in den Provinzstädten und ländlichen Gebieten laut und öffentlich vorgelesen und nachgedruckt. Die Religiösen wurden aus den Kirchen verdrängt, die in "Tempel der Vernunft" umgewandelt wurden.

Man mag erstaunt sein, wie leicht sich die religiösen Überzeugungen verflüchtigten. Aber der Hass gegen die parasitäre und offen der Revolution gegenüber feindliche Kirche hatte sich angestaut. Und vor allem hatte die Revolution viel mehr auf die Tagesordnung gesetzt als religiöse Spekulationen; es ging darum, die Dinge sofort zu ändern. In den Sektionsversammlungen, in den Aufständen, spürten die kleinen Leute, dass sie die Möglichkeit hatten, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Das hat sehr viel dazu beigetragen, Vorurteile und Glaubensüberzeugungen abzubauen.

Aber Robespierre versuchte, die Dynamik der Volksbewegung, die ihm entglitten war, einzudämmen. Er benutzte sein ganzes Gewicht und erklärte bezüglich der Entchristianisierer: "Mit welchem Recht werden sie die Religionsfreiheit im Namen der Freiheit stören und den Fanatismus mit einem neuen Fanatismus angreifen? Der Konvent will ,die von ihm verkündete Religionsfreiheit bewahren'. Er wird nicht zulassen, dass friedliche Geistliche verfolgt werden."

Robespierre etablierte schnell eine neue Religion, um die alte zu ersetzen. Es war der Kult des "Höchsten Wesens", den er dem der "Vernunft" vorzog. Dabei erstickte Robespierre die revolutionäre Energie der Sans-Culottes und der Bauern und sägte gleichzeitig den Ast ab, auf dem er saß.

Die ganze Zeit der Volksmobilisierung, die durch den Terror von 1793 gekennzeichnet war, hatte die Bourgeoisie erschreckt. Sie brauchte die Massen, um den Adel zu vernichten und im revolutionären Krieg zu bestehen, aber sie wollte vor allem eine besser kontrollierte Situation und eine gehorsame Masse. Napoleon, der General der Revolution, war ihr Mann. Gleichzeitig mit seiner Militärdiktatur brachte er die katholische Kirche zurück, unterzeichnete das Konkordat mit dem Papst und bezahlte die Priester erneut aus öffentlichen Mitteln.

Die Philosophen der Aufklärung und die Französischen Revolution hatten die Religion entmystifiziert. Dann hob Napoleon sie wieder in den Sattel und erklärte: "Ungleichheit des Reichtums kann nicht ohne Religion existieren. Wenn ein Mensch neben einem anderen, der voll gesättigt ist, an Hunger stirbt, kann er das nicht akzeptieren, wenn es keine Autorität gibt, die ihm sagt: Gott will es so."

Materialismus und Arbeiterklasse

Der Materialismus der Aufklärung war eine Waffe, die von der Bourgeoisie gegen den Adel benutzt wurde. Aber um die Macht auszuüben, benötigte sie diese Theorien nicht. Die Natur zu verstehen war eine Sache, aber den Materialismus weiter voranzutreiben, die Gesellschaften, ihre Geschichte, die Triebfedern ihrer Entwicklung zu verstehen, das wollte die Bourgeoisie nicht. Diejenigen, die die Fahne des Materialismus hochhielten, waren diejenigen, die gegen die neue Macht opponierten, waren die ersten Sozialisten.

Die bekanntesten Namen der französischen und englischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts waren Saint-Simon, Fourier und Owen. Sie waren Materialisten der Aufklärung. Sie setzten ihre Angriffe gegen die Gesellschaft der alten Ordnung mit Angriffen gegen die entstehende bürgerliche Gesellschaft fort. Sie prangerten die Bourgeoisie ebenso energisch an wie die radikalsten ihrer Vorfahren den Adel angeprangert hatten.

Da ihnen Zufolge die beste soziale Ordnung aus der Anwendung rationaler also vernunftorientierter Prinzipien hervorgehen sollte, begannen sie mit der Entwicklung von Plänen idealer Gesellschaften. Bis zum Ende ihrer Ideen gehend, schufen sie darüber hinaus Mikrogesellschaften, die der Menschheit als Vorbild dienen sollten.

Diese frühen Sozialisten waren keine Salondenker, sie haben wirklich versucht, die Dinge zu ändern. Aber es waren die Grenzen ihres Verständnisses von der Entwicklung der Gesellschaften, die sie machtlos machten. Im 18. Jahrhundert hatte der Materialismus über religiöse Vorstellungen gesiegt und eine rationale und wissenschaftliche Vorstellung von der Natur durchgesetzt, doch was das Verständnis der Gesellschaften betrifft, schien der Materialismus auf der Stelle zu treten.

Der Materialismus von Marx und der moderne Kommunismus

Um einen Schritt weiter zu gehen, musste ein radikaler Schritt gemacht werden. Um die Entwicklung von Gesellschaften zu verstehen, kann man sich nicht auf die Kritik an einer gegebenen Gesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt beschränken und eine Liste dessen erstellen, was gut und was nicht gut läuft. Man braucht einen Gedankengang, der die Entwicklung selbst einschließt.

Diese Art zu denken kam von dem deutschen Philosophen Hegel, der die Ereignisse, die Gedanken, alle Dinge in ihrer Entwicklung studierte. Er belebte eine Denkweise, die in der Antike entdeckt worden war, aber die der Materialismus vernachlässigt hatte: die Dialektik.

Ein Satz Hegels formuliert seine Philosophie der Geschichte so: "Was rational ist, ist real; und was real ist, ist rational". Dieser abstrakte Satz bedeutete, dass alle Gesellschaften, die in der Geschichte der Menschheit aufeinander gefolgt waren, rational waren, das heißt, sie hatten ihre Daseinsberechtigung, auch jene, die von fern betrachtet abwegig erscheinen konnten. Und da völlig widersprüchliche Gesellschaften aufeinander folgten, konnte dies nur Sinn machen, wenn das "Vernünftige", das der Vernunft entsprach, sich in ständiger Entwicklung befand.

Hegel war fasziniert von der Französischen Revolution, deren Zeitgenosse er war, und die er als "herrlichen Sonnenaufgang" bezeichnete. Hegel war der Ansicht, dass, wenn die französische Monarchie während einer ganzen historischen Periode rational gewesen ist, die Revolution von 1789 gezeigt hat, dass die Gesellschaft sich weiterentwickeln muss. Nach Hegels Worten war die Menschheitsgeschichte kein chaotisches Durcheinander unverständlicher und verwerflicher Gewalt, sondern ein zu verstehender und zu studierender Prozess, dessen innerer Mechanismus herausgefunden werden musste.

Hegel übernahm etwas von den Ideen der Aufklärung und sah die "Vernunft", genauer, "die Idee der Vernunft" als treibenden Motor der Gesellschaftsentwicklung. Die Geschichte der Gesellschaften spiegelte seiner Meinung nach die Entwicklung der "Idee der Vernunft" in den Köpfen der Menschen wider.

Diese "idealistische" Vision, die eine abstrakte Idee in den Mittelpunkt des gesamten Prozesses der Menschheitsgeschichte stellt, könnte als ein Rückschritt gegenüber den Materialisten des 18. Jahrhunderts erscheinen, aber aus dieser philosophischen Vorstellung heraus konnte sich der Materialismus entwickeln und eine reifere Form annehmen.

Diesen Schritt in der Geschichte der materialistischen Ideen verdanken wir Marx. Er war es, der Hegels Dialektik aufgriff und ihr eine materialistische Grundlage gab. Laut Marx war die Dialektik der Ideen nur die Widerspiegelung der Dialektik der realen Welt im menschlichen Gehirn. Wie er selbst sagte: "Bei Hegel stand die Dialektik auf dem Kopf, ich habe sie wieder auf die Füße gestellt".

Indem er sowohl dialektisches als auch materialistisches Denken auf die Entwicklung der Gesellschaften anwandte, betonte Marx, dass die Geschichte der Gesellschaften die Geschichte von sozialen Klassenkämpfen ist, und dass diese sozialen Klassen ihre Wurzeln in der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaften haben.

So erklärt sich in ganz groben Zügen die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Die Bourgeoisie hatte sich mit dem Aufstieg des Handels zuerst in den Nischen der feudalen Gesellschaft entwickelt. Jeder wirtschaftliche Fortschritt erweiterte den Handel und trug letztlich zur Stärkung der Bourgeoisie bei. Es kam eine Zeit, in der sie zur beherrschenden sozialen Macht geworden war, während der Adel jeden Grund zu regieren verloren hatte. Es wurde dann unvermeidlich, dass die Bourgeoisie die Leitung der Gesellschaft übernahm.

Aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Geschichte damit endet. Die Bourgeoisie wurde von Anfang an von ihrem Gegensatz begleitet: Kapitalisten können nicht ohne Lohnabhängige existieren. Während der Bourgeois des Mittelalters zum industriellen Kapitalisten wurde, wurden die kleinen Leute der Städte, die Gesellen der Gilden, zu Fabrikarbeitern, den modernen Proletariern. Und der neue Gegensatz zwischen den Klassen war der zwischen Bourgeoisie und Proletariat.

Als Marx seine Gedanken entwickelte, war die Arbeiterklasse nur in England zahlreich. Die Kämpfe dieser jungen sozialen Klasse waren bereits atemberaubende Beispiele, aber Marx' Verallgemeinerung auf ganz Europa und sogar auf die Welt war damals eine geniale Voraussicht auf die Entwicklung.

Diese materialistische Sicht der Geschichte enthielt einen revolutionären Kern: Denn wenn Klassenkämpfe der Motor der Geschichte sind, dann geht es nicht mehr darum, dass materialistische Philosophen nur beobachten und kritisieren, um den Fortschritt zu fördern. Man muss am Klassenkampf teilnehmen, man muss handeln. Wie Marx sagte: "Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, aber es kommt darauf an, sie zu verändern."

Die Schlussfolgerungen des historischen Materialismus zu akzeptieren, bedeutete und bedeutet immer noch, die kapitalistische Gesellschaft zu bekämpfen. Und deshalb vereinen sich die materialistischen Ideen der Arbeiterklasse und ihre Emanzipationsideen also auch mit dem modernen Kommunismus.

Der Materialismus gab den kommunistischen Ideen auch ein völlig verändertes Gesicht. Der Kommunismus vor Marx ist das Erbe der ersten Arbeiterkämpfe und sogar der ersten Kämpfe der kleinen Leute in den mittelalterlichen Städten. Gefärbt von Religiosität priesen sie einen Kommunismus der gerechten Verteilung, eine Gleichheit des Teilens, sie warfen nicht das Problem der Produktion des Reichtums auf.

Mit dem Marxismus hat der Kommunismus seinen Platz in der Gesellschaftsentwicklung als wirtschaftliche Organisation eingenommen, die den Kapitalismus ersetzen muss, indem sie die Gesellschaft von ihren Widersprüchen befreit. Der Kommunismus beschränkt sich nicht mehr einfach auf das Teilen der Reichtümer, sondern forderte die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, um die hohe Produktivität der kapitalistischen Wirtschaft zu nutzen und die Anarchie der kapitalistischen Konkurrenz abzuschaffen.

Der Fortschritt der Industrie hatte zur Folge, dass in ganz Europa, dann überall in der Welt, Bataillone von Arbeitern entstanden. Die Arbeiterklasse zeigte dann, dass sie eine kämpferische Gesellschaftsklasse ist, die in der Lage ist, um die Macht zu kämpfen und den Materialismus von Marx zu bestätigen.

Arbeiterbewegung und Religion

Marx kämpfte dafür, dass die Arbeiterbewegung sich die materialistischen Vorstellungen aneignet, so dass sie zur ideologischen Waffe der bewussten Arbeiter werden. Es ist essentiell, dass Arbeiteraktivisten alte, von Religiosität geprägte Vorstellungen überwinden, die vergangene und manchmal reaktionäre Vorurteile vermitteln können. Marx hat sein ganzes Leben diesem Kampf gewidmet. Und während sich in der Bourgeoisie materialistische Vorstellungen zurückentwickeln, finden sich nun in der Arbeiterklasse die konsequentesten materialistischen Atheisten.

Offensichtlich werden religiöse Vorurteile nicht aus der Arbeiterklasse verschwinden, denn Religion hat tiefe soziale Wurzeln im täglichen Leid der Ausgebeuteten. Wie Marx in einer seiner ersten Schriften sagte, er war damals 25 Jahre alt:

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks."

Die kapitalistische Gesellschaft hat durch die Förderung von Wissen und technischem Fortschritt bestimmte Quellen der Religion verschwinden lassen. Aber sie hat andere hervorgebracht. Der Kapitalismus hat eine immer mächtigere Wirtschaft entwickelt, die das Produkt menschlicher Arbeit ist. Doch die Kontrolle über diese Wirtschaft entzieht sich ihnen, und was nur die Frucht ihrer gemeinsamen Arbeit ist, erscheint ihnen letztlich als eine äußere Macht, die sie nicht kontrollieren, und die sie nicht verstehen. Religion wird erst dann verschwinden, wenn die Menschheit endlich die Kontrolle über ihr Schicksal übernommen hat, das heißt, wenn die Arbeiterklasse die Bourgeoisie und Anarchie aus der Wirtschaft beseitigt hat.

Diese Feststellung war die Leitlinie der marxistischen Arbeiterbewegung in Bezug auf die Religion. Marxistische Aktivisten haben immer aktiv dafür gekämpft, materialistische und atheistische Vorstellungen zu verbreiten, so wie sie immer gewusst haben, dass ein großer Teil von Arbeitern außerhalb revolutionärer Zeiten dem Gewicht des religiösen Aberglaubens nicht entgehen kann. Und das war und ist kein Widerspruch zu der Tatsache, dass die Arbeiterklasse als Ganzes die einzige Kraft ist, die fähig ist, den Kapitalismus zu stürzen und die Gesellschaft zu befreien.

Bürgerlicher Antiklerikalismus und Arbeiter-Antiklerikalismus

Die Arbeiterbewegung hat für die Religionsfreiheit gekämpft, das heißt die Freiheit, an die Religion eigener Wahl zu glauben - oder offensichtlich nicht zu glauben und Atheist zu sein. Sie kämpfte für die Trennung von Kirche und Staat, damit die Gläubigen selbst dafür sorgen ihren eigenen Kult leben zu lassen. Außerdem sollten wir uns daran erinnern, dass die englischen Revolutionäre, obwohl religiös und puritanisch, bereits für die Trennung von Kirche und Staat waren. Für sie war es Religionsfreiheit. Für die Arbeiterbewegung war und ist es neben dieser Freiheit eine Frage des Kampfes, um zu verhindern, dass ein religiöser Apparat seine Propaganda mit dem Gewicht des Staates aufzwingt, unter anderem indem er die Erziehung der Jugend in seinen Händen hält.

Die Pariser Kommune von 1871, dieser erste Staat der Arbeiterklasse, beschloss die Trennung von Kirche und Staat und schaffte alle öffentlichen Finanzmittel für den Gottesdienst ab. Aber diese erste Erfahrung einer von den Arbeiterinnen und Arbeitern geführten Gesellschaft dauerte nur zweieinhalb Monate. Und es dauerte fast 35 Jahre, bis sich bürgerliche republikanische Politiker fanden, um die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich durchzusetzen.

Diese Trennung wurde durch das Gesetz von 1905 erreicht, das der katholischen Kirche einen Teil ihres Gewichts in der französischen Gesellschaft nahm. Das 1801 von Napoleon geschlossene Konkordat wurde abgeschafft und die Kirchenleute wurden nicht mehr aus öffentlichen Geldern bezahlt.

Dieses Gesetz hat den Arbeitern unbestreitbar geholfen. Aber es war die Frucht des Kampfes zwischen rivalisierenden bürgerlichen politischen Tendenzen: die eine katholisch und monarchistisch, die andere säkular und republikanisch. Und in diesem Kampf versuchte die Radikale Partei, die diese säkularen Republikaner vertrat, Konkurrenten auszuschließen, nicht das Volk zu befreien. Die laizistische Schule, frei und von 6 bis 12 Jahren verpflichtend, die es einrichtete, um mit der Kirche zu konkurrieren, war auf seine Weise auch ein Propagandaapparat: antireligiöse Propaganda, was eine gute Sache war, aber auch nationalistische und bürgerliche Propaganda.

Und dann, als die französische katholische Kirche unterworfen war, konnten die gleichen Republikaner sie sanft behandeln. Erstens, indem sie vor der wirklichen Trennung von Kirche und Staat zurückwichen. Denn das Gesetz von 1905 sah vor, dass religiöse Gebäude der katholischen Kirche zur Verfügung stehen, dass es aber Sache des Staates war, sie zu erhalten. Zweitens, weil dieses Gesetz den Höhepunkt ihres antireligiösen Kampfes darstellte. Von da an machten sie nur noch Zugeständnisse über Zugeständnisse an die Kirche. Am bemerkenswertesten war, dass in den Departements vom Elsass und Lothringen, die zur Zeit des Gesetzes von 1905 deutsch waren und nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch wurden, die Kirchenleute weiterhin vom Staat bezahlt wurden. Seitdem wollte keine Regierung das Gesetz von 1905 auf diese Regionen ausdehnen.

Der französische bürgerliche Antiklerikalismus als politische Strömung war nicht nur in seinen Zielen begrenzt, sondern dauerte auch nur eine Zeit lang. Und doch war er einer der stärksten.

Die russische Revolution und der Kampf gegen religiöse Vorurteile

Die revolutionäre Arbeiterbewegung war in Wirklichkeit die einzige materialistische internationale politische Strömung. Die sozialistische Bewegung vor 1914 verbreitete materialistische Ideen unter den Arbeitenden vieler Länder. Aber in Russland, in einem Land, in dem die orthodoxe Kirche Staatsreligion war, und in dem es den Revolutionären 1917 gelang, die Macht zu übernehmen, ist die Erfahrung am reichsten.

Im zaristischen Russland war das Gewicht der Kirche auf dem Land offensichtlich am größten. Die russischen Kommunisten hatten natürlich die Trennung von Kirche und Staat und Religionsfreiheit in ihrem Programm. In einer kleinen Broschüre von 1903 an die Bauernschaft gerichtet, schrieb Lenin:

"Die Sozialdemokraten [d.h. die Kommunisten] fordern für jeden das Recht, in völliger Freiheit sich zu der Religion zu bekennen, die ihm gefällt. (...) Jeder muss die volle Freiheit haben, nicht nur die Religion auszuüben, die er will, sondern auch jede Religion zu propagieren und die Religion zu wechseln. (...) Es darf weder eine ,herrschende' Religion noch eine ,herrschende' Kirche geben. Alle religiösen Glaubensrichtungen und alle Kirchen müssen vor dem Gesetz gleich sein."

Neben dieser klaren Position der Religionsfreiheit waren die Kommunisten militante atheistische Materialisten. In einem Artikel über Religion sagte derselbe Lenin:

"Für die Partei des sozialistischen Proletariats ist die Religion keine Privatsache. Unsere Partei ist ein Bund klassenbewusster, fortgeschrittener Kämpfer für die Befreiung der Arbeiterklasse. Ein solcher Bund kann und darf sich nicht gleichgültig verhalten zu Unaufgeklärtheit, zu Unwissenheit oder zu Dunkelmännertum in Form von religiösem Glauben."

Aber im Gegensatz zu den französischen bürgerlichen Antiklerikalen wurde der Kampf gegen religiöse Vorstellungen nicht nur durch atheistische Propaganda geführt. Diese Propaganda musste sich der grundlegenden Aufgabe unterordnen, nämlich der Entwicklung des Klassenkampfes der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter. Am Beispiel eines Streiks ging Lenin im selben Artikel weiter:

"Ein Marxist ist notwendigerweise verpflichtet, den Erfolg der streikenden Bewegung in den Vordergrund zu stellen, in diesem Kampf entschlossen gegen die Spaltung der Arbeiter in Atheisten und Christen zu reagieren, diese Spaltung entschlossen zu bekämpfen. Unter diesen Umständen kann sich atheistische Propaganda als überflüssig und schädlich erweisen, nicht aus Angst, die rückständigen Schichten zu erschrecken, ein Mandat bei Wahlen zu verlieren usw., sondern aus der Sicht des wirklichen Fortschritts des Klassenkampfes, der unter den Bedingungen der modernen kapitalistischen Gesellschaft die christlichen Arbeiter hundertmal besser zur Sozialdemokratie und zum Atheismus zur Sozialdemokratie führen wird als irgendeine eine atheistische Predigt".

Als die Russische Revolution die Kommunisten an die Macht brachte, haben sie ihre Versprechen gehalten. Im Januar 1918 verkündete ein einfaches Dekret, von Lenin selbst geschrieben, dass "die Kirche vom Staat getrennt ist" und "die Schule von der Kirche getrennt ist". Das Eigentum religiöser Organisationen wurde zum Staatseigentum erklärt. Aber religiöse Vereinigungen konnten Gebäude für den Gottesdienst kostenlos nutzen, sofern sie diese Gebäude instand hielten.

Im Feuer der Ereignisse war der Rückzug religiöser Vorurteile fast selbstverständlich. Der Weltkrieg, die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg haben an sich dazu beigetragen, dass Millionen von Arbeitern und Bauern ihre religiösen Gefühle abgelegt haben. Schon in den ersten Jahren des Regimes gab es nicht einmal eine spezifische Überprüfung der atheistischen Propaganda. Im Jahre 1922, fast fünf Jahre nach der Machtübernahme, anlässlich der Gründung eines der ersten materialistischen Propagandamagazine, räumte Lenin ein, dass das Regime "zu unserer Schande" noch nicht die atheistische materialistische Literatur des 18. Jahrhunderts übersetzt hat, der es große Bedeutung beimaß.

Es geschah erst später, dass die Macht an der Spitze der sowjetischen Gesellschaft einen zweiten Versuch machte, in der Gesellschaft, die viel Rückständigkeit vom Zarismus geerbt hatte, nicht nur religiöse Vorurteile durch materialistische Propaganda zu bekämpfen, sondern mindestens ebenso sehr das tägliche Leben der Bevölkerung zu verändern. Trotzki schlug 1925 vor:

"Öffentliche Speisesäle und Kinderkrippen können das Bewusstsein der Hausfrau einen revolutionären Impuls geben und ihre Ablehnung der Religion stark beschleunigen. Die chemischen Methoden, die von der Luftfahrt zur Heuschreckenvernichtung angewendet werden, können gegenüber den Landwirten die gleiche Rolle spielen. Die einfache Tatsache, dass Arbeiterin und Arbeiter am Leben eines Clubs teilnehmen, indem man sie aus dem kleinen Familienkäfig mit seiner Ikone und Kerze holt, eröffnet einen der Wege zur Freiheit von religiösen Vorurteilen."

Trotzki setzte auch stark auf Kinos, um mit den Kirchen zu konkurrieren.

Offensichtlich dachten die russischen Kommunisten zu keiner Zeit, dass sie die religiösen Vorurteile in ihrem Bereich, in diesem Russland, das tiefe Spuren seiner Rückständigkeit behielt, isoliert vom allgemeinen Sturz der kapitalistischen Gesellschaft, beseitigen könnten. Sie taten ihr Bestes mit den Mitteln, die sie hatten. Dennoch muss man sagen, dass in Sowjetrussland die Religion über mehrere Jahrzehnte hinweg stark nachgelassen hat.

Fazit

Heute haben sich die Dinge in der ehemaligen Sowjetunion und auf der ganzen Welt deutlich zurückentwickelt. Dieser Rückgang materialistischer Ideen ist Teil eines allgemeinen gesellschaftlichen Abstiegs. Obwohl die Technologie immer weiter voranschreitet, steckt die Gesellschaft in einem Sumpf von schmutzigen, veralteten Ideen, die die Entdeckungen des menschlichen Geistes längst entmystifiziert haben. Denn auf Grund des Fehlens neuer Perspektiven, die nur eine bewusste Arbeiterbewegung bringen kann, herrschen diese mehr oder weniger modernisierten Vorstellungen der Vergangenheit. All dies ist das ideologische Spiegelbild der Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft außer der Barbarei keine Zukunft für die Menschheit hat.

Angesichts dieses Rückschlags verteidigen wir Marx' materialistische Gedanken und geben sie an alle weiter, die diese Gesellschaft verstehen und bekämpfen wollen.

Außerdem befinden sich hinter dem Banner der Religion manchmal mehr als nur der Glaube an Gott, sondern reaktionäre politische Strömungen. Wie jene protestantischen Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten oder Katholiken in Frankreich, die Frauen, die abtreiben wollen oder Ärzte, die Abtreibungen durchführen, verprügeln. Das gilt auch für jüdische Fundamentalisten in Israel, die an Samstagen jeden Verkehr verbieten wollen, und für muslimische Fundamentalisten, die den Frauen den islamischen Schleier aufzwingen wollen. Alle diese Interventionen sind zudem nur die ersten Schritte einer Politik, die darauf abzielt, dem Denken eine Diktatur aufzuzwingen, bevor sie ganz allgemein eine Diktatur aufzwingen.

Die Religion ist für diese politischen Strömungen, die Gegner der Arbeiterklasse sind, nur eine Maske, und stellt auch und gerade eine tödliche Gefahr für die dar, die die gleiche Religion haben. Es wäre kriminell, wenn eine revolutionäre kommunistische Organisation nicht vor dieser Gefahr warnen und die Arbeiter nicht darauf vorbereiten würde, sich dagegen zu stellen.

Angesichts der Ausbeutung fühlen sich die Armen von heute genauso machtlos wie die Armen des Römischen Reiches angesichts ihrer damaligen Unterdrückung. Und deshalb bedeuten all diese Monotheismen, jüdische, christliche oder muslimische, die mehrere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alt sind, immer noch etwas für Hunderte Millionen, ja Milliarden von Ausgebeuteten auf der ganzen Welt.

Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied. Die heutigen Arbeiterinnen und Arbeiter sind nicht wie die Sklaven des Römischen Reiches. Damals war der Horizont blockiert: Das Imperium konnte nur zusammenbrechen und die Gesellschaft musste warten, bis sie sich erholte, bevor sie wieder von vorne beginnen konnte. Heute gibt es objektive Bedingungen, um die Produktion nach den Bedürfnissen aller und auf internationaler Ebene zu organisieren. Der Fortschritt von Wissenschaft, Technologie, Produktion und die zunehmende Internationalisierung des Handels weisen alle in diese Richtung. Und damit diese objektive Möglichkeit wahr wird, damit das Vernünftige Wirklichkeit wird, wie Hegel sagen würde, muss die Arbeiterklasse die Kontrolle über die Gesellschaft übernehmen.

Jenseits religiöser Vorurteile kann das Bewusstsein für diese historische Rolle die Grundlage für die Einheit des Proletariats sein. Und es wird dann an den kommunistischen Arbeiterinnen und Arbeitern liegen, andere auszubilden, die, wenn die soziale Explosion eintreten wird, nach Programmen und Ideen suchen werden.