Sudan: Die Armee beschützt die imperialistische Ordnung (aus Lutte de Classe - Klassenkampf - von Juli 2019)

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Juli 2019

Seit dem 3. Juni wird im Sudan mit aller Härte gegen die Regimegegner vorgegangen, die weiter in großer Zahl demonstrieren. Die Bewegung hatte sechs Monate zuvor mit Protesten gegen die Verdreifachung der Brotpreise begonnen. Sie hat dann schnell einen politischen Weg eingeschlagen und schließlich im April die Abdankung des Diktators Omar al-Baschir erreicht. An seiner Stelle hat eine Militärjunta die Regierungsgeschäfte übernommen. Seitdem verlangen die Demonstranten, dass die Militärjunta durch eine zivile Regierung ersetzt wird. Sie waren jedoch überhaupt nicht darauf vorbereitet, mit der Armee und anderen Repressionskräften zusammenzustoßen, obwohl dies durchaus vorauszusehen war.

Der Sudan, dreimal so groß wie Frankreich, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Er gehörte zum britischen Kolonialreich, hatte dabei jedoch für Großbritannien nur ein strategisches Interesse, da das Gebiet an der Grenze zu den französischen Kolonien Ubangi Scharis lag - heute Zentralafrika und Tschad. So hinterließen die Kolonialherren nach der Unabhängigkeit quasi keine Infrastruktur und schenkten diesem 1956 frisch unabhängig gewordenen Staat noch ein vergiftetes Erbe: den Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Wie überall haben die britischen Kolonialherren sich auf die herrschenden Kasten in einem Teil des Landes gestützt, damit sie sie bei der Unterdrückung der übrigen Bevölkerung unterstützen. Im Sudan haben sie sich auf den arabischen, muslimischen Norden gestützt, um insbesondere die schwarzen und nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen im Süden des Landes zu unterdrücken.

Diese Situation bestand in dem Regime fort, das mit der Unabhängigkeit entstanden ist, und dies hat zu einem langen Bürgerkrieg geführt. Zunächst in Darfur im Westen und dann im Süden. Dieser Konflikt hat zu hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen innerhalb des Landes geführt, so dass ganze Regionen zu menschlichen Wüsten wurden. Das Ganze ging so weiter bis zur Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011, im dem kurz darauf ein neuer Krieg begann - nun unter den Führern des neuen Staates. In diesem Krieg ohne Ende haben die imperialistischen Länder und insbesondere die USA eine Rolle gespielt, und zwar vor allem seit Öl in der Region entdeckt wurde.

Der Sudan war aber nicht nur ständig im Krieg, sondern zusätzlich lebten die Menschen dort fast immer unter Militärdiktaturen. Nicht mal zwei Jahre nach der Unabhängigkeit hat General Abbud mit Unterstützung von Großbritannien und den USA die Macht übernommen. Er hat politische Parteien und Gewerkschaften verboten und den Ausnahmezustand ausgerufen. 1964 wurde er durch einen Generalstreik gestürzt, aber die zivile Regierung, die seinen Platz einnahm, hielt sich nicht lange. Sie wurde 1969 durch General Numairi gestürzt. Dieser berief sich auf die "freien Offiziere", die Nasser in Ägypten an die Macht gebracht hatten, und konnte sich so eine Zeitlang die Unterstützung der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften sichern.

Die Sudanesische Kommunistische Partei wurde 1946 auf Anregung der ägyptischen Kommunisten gegründet. Sie wurde eine der mächtigsten kommunistischen Parteien der arabischen Welt. Der Sudan war damals offiziell ein englisch-ägyptisches Kondominium: Diese heuchlerische Bezeichnung bedeutet, dass Ägypten dort die Verwaltung und die Polizei organisierte und bezahlte und das Land zwar unabhängig war, aber immer noch faktisch zum Herrschaftsgebiet Großbritanniens zählte und britische Offiziere die Kommandoposten besetzten. Die Kommunisten hatten von Anfang an einen großen Einfluss bei der sudanesischen arbeitenden Bevölkerung. Dies führte 1950 zur Gründung einer Gewerkschaft, in der sich die Halbpächter aus Al-Dschasira organisierten. Dieses Verwaltungsgebiet hatten die Briten eingerichtet, um dort Baumwolle anzubauen. Die Industriestadt mit dem sudanesischen Hafen zum roten Meer wurde ebenfalls zu einer Bastion der sudanesischen Kommunistischen Partei. Ihre Kader organisierten auch die Bahnarbeiter in der Stadt Atbara nördlich von Karthum, wo sich der Sitz der Partei befindet. Eben diese Bahnarbeiter lösten 1964 einen Generalstreik aus, der drei Tage lang das Land lahm legte.

All die Arbeit der kommunistischen Aktivisten wurde jedoch zu Nichte gemacht durch die Unterstützung der Kommunistischen Partei für den Diktator Numairis. Die sudanesische kommunistische Partei folgte der stalinistisch inspirierten Politik, die die kommunistischen Parteien - und damit auch die Arbeiter, die ihr folgten - dazu aufforderte, Regime zu unterstützen, die sich als Antiimperialisten ausgaben, und seien diese noch so schlimme Diktaturen. Auf diese Weise sollten sie die diplomatischen Interessen der Bürokratie unterstützen, die in der UdSSR an der Macht war. Diese Politik hat nichts mit einer Klassenpolitik zu tun. Sie hat die kommunistischen Parteien in die Rolle des linken Flügels der nationalistischen Führer gebracht. Diese verloren jedoch nie ihr tiefes Misstrauen gegenüber den Kommunisten, oder genauer gesagt gegenüber der bei ihnen organisierten einfachen Bevölkerung. Dies hatte im Sudan dieselben tragischen Folgen wie in wie in Ägypten, dem Irak oder anderen arabischen Ländern. Nachdem er weidlich von der Unterstützung der Kommunisten profitiert hatte, wandte Numairis sich 1971 gegen sie und begann, sie auf blutige Weise zu verfolgen und zu unterdrücken. Am 28. Juli wurden der Generalsekretär der kommunistischen Partei, Abd al-Chaliq Mahdschub, und der Vorsitzende des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes, Schafi' al-Schaich, hingerichtet. Danach richtete Numairi seine Außenpolitik auf die USA und die Innenpolitik auf die muslimischen Fundamentalisten aus.

Wieder war es ein Generalstreik, der Numairi 1985 zu Fall brachte. Ein anderer General namens Dahab nahm seinen Platz ein und machte dann 1986 Platz für eine zivile Regierung. Auch dieses Zwischenspiel dauerte nicht lange. Am 30. Juni 1989 riss General Omar al-Baschir mit Hilfe der muslimischen Fundamentalisten die Macht an sich ... und behielt sie bis April dieses Jahres.

Auch wenn das Regime meistens eine Militärdiktatur war, ist die Geschichte Sudans gleichzeitig immer wieder von Volksaufständen gekennzeichnet. 1964 und 1985 waren es besagte Generalstreiks, die zum Sturz der jeweiligen Diktatur geführt haben. Diese Bewegungen, die anfangs Proteste gegen steigende Preise waren, weiteten sich schnell zu Bewegungen für einen politischen Wandel aus. Unter Omar al-Baschir waren es die steigenden Preise für Sprit und wesentliche Produkte des täglichen Bedarfs, die schon 2013 zu einem Aufstand führten, der in Blut erstickt wurde. Nun konnten wir erleben, wie er wieder auflebte.

Vom Protest gegen Preiserhöhungen zum Sturz von Omar al-Baschir

Am Morgen des 1. Dezembers 2018 verkündete die Regierung Omar al-Baschirs ihre Entscheidung, die Brotpreise zu verdreifachen. Die Proteste breiteten sich wie ein Lauffeuer aus, und schon am selben Abend überschwemmten riesige Demonstrationen die Straßen der großen Städte und erreichten sogar die abgelegenen Gebiete. Die Bewegung nahm bald eine politische Form an und forderte die Abdankung des Diktators. Die Demonstranten riefen Slogans wie "Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit" oder "Stürz vom Thron, und das war's dann".

Die angekündigten Preiserhöhungen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte: Die Bevölkerung hatte das Gefühl, dass ihr nun endgültig die Luft abgedreht würde. Schon vorher hatte sie keinen Zugang mehr zu lebenswichtigen Gütern gehabt. Es gab keinen Sprit mehr an den Tankstellen, kein Geld in den Banken und in den Bäckereien wurde das Brot schon knapp. Die Preise der Medikamente waren in den letzten Monaten um 50 % gestiegen. Die Inflation erreichte nach offiziellen Angaben einen jährlichen Anstieg von 70 %, in Wirklichkeit war sie noch deutlich höher. Die Krise der gesamten sudanesischen Wirtschaft hatte sich seit der Unabhängigkeit Südsudans weiter verschlimmert, da das Land hierdurch keinen Zugang mehr zu den Einnahmen aus der Ölförderung hat.

Allerdings, der ärmste Teil der Bevölkerung hat von den Einkünften aus der Ölförderung niemals profitiert. Diese dienten vor allem dazu, die Bankkonten Omar al-Baschirs und seines Clans zu füllen und die Ausgaben für Waffen zu bestreiten. Nur ein winziger Teil fiel für eine gewisse Schicht des Kleinbürgertums ab. Für die Bevölkerung gab es nichts. Parallel zu dieser Korruption trugen auch die Forderungen des Internationalen Währungsfonds zu diesem Abstieg in die Hölle bei. Die internationalen Finanzinstitutionen haben Omar al-Baschir zu seinem Sparplan inspiriert, als sie das Ende der Subventionen für lebensnotwendige Güter verlangten. Eben diese Subventionen aber hatten es der ärmsten Bevölkerung gerade noch ermöglicht, nicht zu hungern.

Trotz der Repression demonstrierte die Bevölkerung weiter. Im Dezember 2018 hatte der Aufstand spontan begonnen. Allerdings hat sich ziemlich schnell der sudanesische Berufsverband (Sudanese Professional Association - SPA) an die Spitze der Proteste gestellt. Dieser ist nicht in den Protesten entstanden, sondern setzt sich aus Vertretern acht kleinbürgerlicher Berufsgruppen zusammen, die sich nach den Aufständen von 2013 zusammengeschlossen hatten. Diese Berufsgruppen sind unter anderem Ingenieure, Anwälte, Ärzte und Hochschullehrer. Sie hatten es geschafft, sich zu organisieren und im Untergrund oder im Ausland zu überleben. Sie bekamen nun eine ziemlich große Unterstützung von den Demonstranten, weil sie immer wieder zur Fortführung der Bewegung aufriefen.

Der SPA schien ein Garant für die Einheit der Bewegung zu sein und dies schien sich am 1. Januar zu bestätigen, als er mit den größten politischen Parteien des Landes die "Allianz für Freiheit und Veränderung" (ALC) gründete. Die Gründungserklärung dieser Allianz forderte vor allem die Abdankung von Omar al-Baschir, der für vier Jahre durch eine Übergangsregierung ersetzt werden sollte, bevor es dann Wahlen geben sollte. Das Programm sah auch fortschrittliche Maßnahmen vor. Darunter ist besonders eine zu nennen: "Die Bekämpfung jeglicher Form der Diskriminierung und Unterdrückung, denen die sudanesischen Frauen ausgesetzt sind". Dies ist besonders bemerkenswert in einem Land, in dem seit langer Zeit die Regeln des islamischen Gesetzes (der Scharia) gelten. Doch in der jetzigen Volksbewegung hatten sich eben die Frauen besonders zahlreich beteiligt. Auf wirtschaftlichem Gebiet hingegen gab es kaum Forderungen. Obwohl die mörderisch hohen Preise und die Lebensmittelknappheit ja überhaupt erst die Demonstrationen ausgelöst hatten, war hier nur die Rede davon, "die wirtschaftliche Verschlechterung zu stoppen und das Leben der Bürger in allen Bereichen zu verbessern".

Neben der SPA war unter den Erstzeichnern die Umma Partei, eine religiöse islamische Partei, deren Parteiführer Sadek al-Mahdi 1986 die kurze zivile Regierung geleitet hatte (eine Regierung aus einer Koalition bewaffneter Gruppen bestanden hatte, die Gegner des vorherigen Regimes waren). Eine weitere Erstunterzeichnerin war die Sudanesische Kommunistische Partei (SKP). Die Aktivisten der SKP wurden aus den Gefängnissen freigelassen, und die Bewegung konnte an einigen Orten von ihren organisatorischen Fähigkeiten profitieren. Aber indem die SKP diesen Text unterzeichnete, bestätigte sie erneut, dass sie auf jede unabhängige Politik für die Arbeiterklasse verzichten würde. Ja, sie stellten nicht einmal die lebenswichtigen ökonomischen Forderungen auf, die doch der Auslöser der Bewegung gewesen waren. Damit haben sie auch den Mut ihrer Aktivisten verraten, die möglicherweise eine andere Politik hätten vorschlagen und damit Gehör hätten finden können. Das war jedoch leider kein Novum. Das ganze Dasein und die gesamte Geschichte der Kommunistischen Partei ist von der Teilnahme an solchen Einheitsfronten geprägt - wenn sie nicht gar innerhalb des Militärs nach einem Verbündeten gesucht haben, an den sie sich dranhängen konnten, wie im Falle Numairis.

Die Demonstrationen gingen trotz des Ausnahmezustands und der Repression im ganzen Land weiter. Bis die ALC am 6. April dazu aufrief, vor den Sitz des Generalstabs in Khartum zu ziehen, um hier Tag und Nacht eine ständige Protestversammlung abzuhalten. Da Omar al-Baschir sich als unfähig erwies, den Druck der Straße zu beruhigen, zwangen ihn die Militärführer zum Rücktritt. Sie, die bis gerade noch die engsten Vertrauten des Diktators gewesen waren, bildeten nun einen Militärrat als "Übergangsregierung".

Nach Omar al-Baschirs Sturz

Nach der Vertreibung Omar al-Baschirs hat sich die Politik der ALC und des SPA darauf beschränkt zu versuchen, auf diesen militärischen Übergangsrat Druck auszuüben. Sie riefen die Demonstranten dazu auf, weiter vor dem Sitz des Generalstabs auszuharren und hielten so die Illusion aufrecht, dass sie den militärischen Übergangsrat auf diesem Weg überzeugen und dessen Generäle dazu zwingen könnten, einem Übereinkommen zuzustimmen. Zu keinem Zeitpunkt hatte der SPA, die die Führung der Bewegung geworden war, die Absicht, diese Bewegung auf einen Zusammenstoß vorzubereiten. Und das, obwohl sich deutlich abzeichnete, dass dieser unvermeidlich sein würde. Schlimmer noch, sie haben sogar jegliche Initiative verurteilt, die sich auch nur in diese Richtung hätte entwickeln können.

Eine Zeit lang konnte es so scheinen, als hätte ihre Taktik Erfolg. Denn die Militärs wollten Zeit gewinnen, und so taten sie eine Zeit lang so, als würden sie Zugeständnisse machen. Zum Beispiel entfernten sie den Vizepräsidenten Omar al-Baschirs, General Ibn Awf, dessen Ernennung zum Vorsitzenden des militärischen Übergangsrates wütende Empörung bei den vor dem Stabssitz versammelten Massen ausgelöst hatte. Bei ihm war die Verbindungen zum alten Regime doch zu offensichtlich. General al-Bourhane, der ihn ablöste, hatte den Vorteil, dass er weniger bekannt war, auch wenn er wie alle hohen Dienstgrade der sudanesischen Armee an den regelmäßigen Blutbädern unter dem gestürzten Diktator beteiligt gewesen war. Und die Nummer zwei blieb weiterhin General Hemetti: Er, dessen Dschandschawid-Milizen in der Region um Darfur Terror verbreitet hatten, bevor sie unter Omar al-Baschir unter dem Namen "schnelle Unterstützungskräfte" (FSR) zur Speerspitze der Repression wurden und das bis zu seinem Sturz auch blieben!

Der militärische Übergangsrat begab sich außerdem in endlose Verhandlungen mit der ALC, bei dem der ALC auf dem Papier die Bildung von gemeinsamen Gremien zugestanden wurde, in denen Militärchefs und Zivilisten gemeinsam das Land regieren sollten. Dabei war es jedoch offensichtlich, dass das Militär dabei die Zügel in der Hand behalten und in diesen Gremien die Mehrheit und die entscheidenden Posten besetzen wollte. Um das Militär zum Nachgeben zu bewegen, rief die ALC für Donnerstag, den 3. Mai, zu einer Massendemonstration auf. Auch für den 28. und 29. Mai rief sie wieder zu solchen Massendemonstrationen auf. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Stab bereits entschieden, dass es jetzt mal reiche mit dem Zeitschinden und man die Bewegung beenden müsse.

Am Freitag, den 31. Mai, organisierten sie eine Gegendemonstration, für die Tausende Dorfbewohner nach Khartum transportiert wurden, um dort Slogans wie "Die Macht dem Militär" oder "Die Macht dem Islam" zu rufen. Außerdem wurden immer mehr bewaffnete Einheiten rund um die Protestversammlung vor dem Stabssitz sichtbar. Und schließlich stürmten am 3. Juni "schnellen Unterstützungskräfte" Hemettis, Teile der Sicherheitsdienste und Handlanger fundamentalistischer Parteien das Protestcamp und verübten zahlreiche Gräueltaten an den Demonstranten.

Eine revolutionäre Politik ist nötig

Wie viele vor ihnen bezahlt nun die einfache, arbeitende Bevölkerung des Sudans mit ihrem Blut dafür, dass es keine revolutionäre Führung gab, die es der Bewegung hätte ermöglichen können, sich auf den Zusammenstoß mit dem Militärapparat vorzubereiten. Denn dieser konnte kein anderes Ziel haben, als die Nachfolge der vorherigen Diktatur anzutreten. Stattdessen war die einzige Politik, die ihnen angeboten wurde, nach einem Kompromiss mit den Anführern des Unterdrückungsapparats zu suchen.

Natürlich konnte man nicht von den Leuten des SPA erwarten, dass sie eine andere Politik vorschlagen würden. Diese Organisation ist aus dem schwachen sudanesischen Kleinbürgertum entstanden und ihre Politik spiegelte zwangsläufig die zarten Hoffnungen dieser sozialen Schicht wider, sich an der Macht und der Aufteilung der Reichtümer beteiligen zu können. Da es keine andere potenzielle Führung gab, wurden sie durch ihren Widerstand gegen die Repression unter Omar al-Baschir und ihre Aufrufe zur Weiterführung der Demonstrationen zu Beginn der Proteste an die Spitze der Bewegung katapultiert. Sie waren jedoch von Grund auf unfähig, auch nur darüber nachzudenken, wie man den Kampf der Massen bis zum Sieg führen könnte.

Wie zahlreiche ähnliche Organisationen vor ihnen in vergangenen Revolutionen haben sie so dazu beigetragen, den Demonstranten die Hände zu binden. Selbst nach der Repression am 3. Juni erklärte ein Sprecher des SPA noch (zitiert in der französischen Zeitung l'Humanité): "Der Pazifismus bleibt unsere Stärke und unser Leitmotiv. Der SPA und die Mitglieder der Allianz für die Freiheit und Veränderung (ALC) halten generell daran fest, dass unsere Bewegung auf diesem Weg weitergeht. Denn für die Milizen des alten Regimes ist dieser Weg verwirrend. Angesichts unserer Entschlossenheit fühlen sie sich entwaffnet. Es wäre nur in ihrem Interesse, uns dazu zu bringen, zu den Waffen zu greifen, um unsere Revolution zu zerstören. Nur mit pazifistischen und bürgerlichen Aktionen wie dem Generalstreik und Blockaden können wir unseren Kampf gewinnen. Mit Gewalt auf Gewalt zu antworten ist eine Falle, in die die sudanesische Bevölkerung nicht tappen wird." Diese Sätze fassen eine Politik zusammen, die sich als selbstmörderisch erwiesen hat und die Henker, die entschlossen waren Blut zu vergießen, nicht im Geringsten "verwirrt" hat.

Über den SPA hat das sudanesische Kleinbürgertum versucht, seinen Trumpf auszuspielen. Es hat gehofft, als Repräsentant der Protestbewegung an einer zivilen Regierung teilnehmen zu dürfen. Die Aufgabe der Protestbewegung hätte demnach darin bestanden, die Regierung zum Rückzug zu drängen, zumindest solange, wie die mobilisierten Massen die Illusion in eine mögliche Veränderung hatten. Dies hat sich als Sackgasse herausgestellt. Angesichts des Aufstands waren die Militärchefs zwar durchaus bereit, Konzessionen zu machen, Omar al-Baschir fallen zu lassen und mit der zivilen Opposition zu verhandeln. Aber es konnte für sie niemals in Betracht kommen, die Macht abzugeben oder dauerhaft zu teilen. Zunächst einmal, weil sie natürlich versuchen ihre Privilegien und Reichtümer zu schützen, die ihnen ihre Position an der Spitze des Staates bieten. Sie klammern sich bis zuletzt an ihre Posten und zögern nicht, Armee und Polizei, die sie ja unter ihre Kontrolle haben, zu diesem Zweck einzusetzen.

Aber dann ist es auch und vor allem so, dass das Militär - im Interesse der Bourgeoisie und des Imperialismus - seit Jahrzehnten regiert. Es hat in dieser Zeit sehr viele Erfahrungen mit Massenbewegungen gesammelt und damit, wie man sie am besten beendet. Und daher wissen sie ganz genau, dass ein SPA und eine ALC sich vielleicht mit einem Kompromiss zufrieden gegeben hätten. Eine solche tiefgreifende Bewegung der Bevölkerung jedoch, wie sie Ende letzten Jahres begonnen hat, lässt sich nicht so einfach mit Worten wieder einschläfern. Zumal es weder für die einheimische Bourgeoisie noch für den Imperialismus in Frage kommt, den Demonstranten bezüglich ihrer materiellen Forderungen auch nur ein wenig entgegen zu kommen. In der katastrophalen Lage, in der sich der Sudan befindet, war es also aus Sicht der Militärs sinnvoller, direkt die einzige Antwort auf die Forderungen zu geben, die ihnen letztlich zur Verfügung steht: ihre blutige Unterdrückung.

Mit ihrer Sorge über die Bewegung der Bevölkerung sind die sudanesischen Armeechefs im Übrigen nicht allein. In der dramatischen wirtschaftlichen Lage, in der sich zahlreiche arme Länder vor allem in Afrika und der arabischen Welt befinden, ist das Verhalten dieser Armeechefs auch eine Warnung an alle, die versucht sein könnten aufzubegehren. Hinter den Generälen von Khartum stehen die Paten des Sudans: die Herrschenden der arabischen Welt, insbesondere Saudi-Arabiens, Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch die Führer der internationalen Bourgeoisie und des Imperialismus.

Die allerletzte Antwort, die die herrschenden Klassen den kämpfenden sudanesischen Massen gegeben haben - die blutige Repression - ist dieselbe Antwort, die die Herrschenden immer auf die Aufstände der ausgebeuteten Klassen gegeben haben, selbst wenn sie dabei wahre Massaker verüben mussten. Die Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom Juni 1848 in Paris war bereits ein erstes Beispiel hierfür. Damals wurden die Arbeiter von einer Soldateska niedergeschlagen, die durch ihre vorherige Zeit in Algerien in der Repression (im Zuge der Kolonialisierung) Übung hatten. So ähnlich wie die Truppen des General Hemetti, die erst in den Massakern von Darfur ausgebildet worden waren, bevor sie nun gegen die Demonstranten von Khartum eingesetzt wurden. Für die herrschende Bourgeoisie besteht immer die Gefahr, dass die Arbeiter die Mittel und Wege finden, den Kampf für ihre Klasseninteressen bis zum Ende führen können. Und sie schützt sich, indem sie ihren Klassenkampf mit Entschlossenheit führt und sich dafür der Machtmittel bedient, die ihr zur Verfügung stehen: Und das sind im Grunde die des Staatsapparats und seiner bewaffneten Banden.

Die Warnung hiervor ist nicht neu. Bereits in seinem berühmten "Londoner Toast" von 1851 warnte Auguste Blanqui davor. Zur Revolutionen von 1848 und ihrer Niederschlagung bemerkte er: "Man wirft sich vor den Bajonetten nieder, man fegt die entwaffneten Menschenmassen hinfort." Und er erklärte: "Waffen und Organisation sind das entscheidende Element des Fortschritts, das ernsthafte Mittel, um dem Elend ein Ende zu setzen. Wer Eisen hat, hat Brot." Er bekräftigte bereits die Notwendigkeit einer Partei und einer revolutionären Politik des Proletariats, um es gegen die Bourgeoisie zu bewaffnen. Dies zu tun, ist heute umso unverzichtbarer, da die Krise der kapitalistischen Wirtschaft immer größere Massen ins Elend stürzt und sie vor die zwingende Notwendigkeit stellt, ein System und herrschende Klassen zu stürzen, deren Zeit abgelaufen ist.

27. Juni 2019