Am 5. August 2024 gab General Waker-uz-Zaman, Stabschef der Armee Bangladeschs, die Flucht der seit fünfzehn Jahren amtierenden Premierministerin Sheikh Hasina bekannt. Ein Volksaufstand hatte sie aus dem Amt vertrieben – und das, obwohl der Aufstand blutig unterdrückt wurde. Bereits drei Tage später übernahm Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Oppositionsführer, die Leitung einer von der Armee unterstützten Übergangsregierung. Sein Versprechen? Dem Wunsch nach Demokratie gerecht zu werden, der während des Volksaufstands zum Ausdruck gebracht worden war. Was ist ein Jahr später aus den Hoffnungen geworden, die die „Revolution vom Juli” geweckt hatte?
Zu dieser Frage veröffentlichen wir die Übersetzung eines Artikels aus der Zeitschrift Lutte de Classe (Nr.250, September/Oktober 2025)
Bangladesch entstand aus der Teilung des britischen Kolonialreichs Indien. Diese führte zur Gründung neuer unabhängiger Staaten: zunächst Indien und Pakistan bei der Teilung 1947, dann Bangladesch 1971. Beide Male kam es dabei zu Kriegen, die Millionen an Toten und Vertriebenen forderten. Grund hierfür waren die von den Briten 1947 künstlich gezogenen Grenzen, auf deren Grundlage die Teilungen vollzogen wurden. Diese Grenzen sollten angeblich religiöse Grenzen zwischen mehrheitlich muslimischen oder hinduistischen Gebieten sein. Sie ignorierten jedoch die tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Verbindungen ebenso wie den Willen der von der Teilung betroffenen Bevölkerungsgruppen.
Die künstlich geschaffenen Grenzen sind seitdem die Ursache für ständige Grenzkonflikte zwischen den aus der Dekolonisierung hervorgegangenen Staaten. Die Kolonialherren hatten ethnische oder religiöse Gruppen gegeneinander ausgespielt, um ihre Herrschaft zu sichern. Die nationalistischen Politiker, die ihre Nachfolge antraten, traten in ihre Fußstapfen. Drei Jahrhunderte Kolonialismus hinterließen außerdem eine Geschichte von Hungersnöten – 1943 ließ der britische Premierminister Winston Churchill drei Millionen Bengalen verhungern – sowie zerstörte, total rückständige Volkswirtschaften, die der Bevölkerung kein würdiges Leben sichern konnten.
Die ehemalige Region Bengalen gehörte zu den Gebieten, die 1947 geteilt wurden: Westbengalen wurde Teil Indiens, Ostbengalen wurde zum östlichen Teil Pakistans, 2.000 Kilometer vom westlichen Teil (dem heutigen Pakistan) entfernt. 1971 wurde Ostpakistan zum unabhängigen Bangladesch, nach einem grausamen Krieg, den die pakistanische Armee mit Zustimmung der Vereinigten Staaten gegen die Bevölkerung Ostpakistans geführt hatte und nachdem Indien seinerseits militärisch gegen die pakistanische Armee vorgegangen war.
Seitdem ist das politische Leben in Bangladesch geprägt von gewalttätigen Auseinandersetzungen, der Ermordung von Aktivisten und Politikern sowie Militärputschs. Wenn nicht gerade eine Militärdiktatur regierte (was hauptsächlich in den Jahren 1975-1990 der Fall war), wechselten sich zwei rivalisierende bürgerlich-nationalistische Parteien an der Regierung ab: die konservative Bangladesh Nationalist Party (BNP) und die Awami League (Volksliga) von Sheikh Hasina, die sich von ihrer Geschichte her als progressiv, ja sogar als sozialdemokratisch darstellt. Nach ihrer Rückkehr an die Macht im Jahr 2009 führte Hasina ein autoritäres Regime ein.
Ein unterentwickeltes, vom Imperialismus geprägtes Land
Bangladesch wird heute wegen seines großen Wirtschaftswachstums manchmal als „Wirtschaftswunder” bezeichnet. Doch tatsächlich ist das Land mit seinen 170 Millionen Einwohnern, von denen die Hälfte jünger als 26 Jahre ist, nach wie vor von Armut und Unterentwicklung geprägt. Diese Missstände sind ein Erbe der Kolonialzeit, aber mehr noch das Ergebnis der aktuellen Herrschaft des imperialistischen Großkapitals über die weltweite Wirtschaft. So ist Bangladesch seit 2010 zwar der zweitgrößte Textilexporteur der Welt (hinter China). Doch es ist in der Weltwirtschaft ein Zulieferer untergeordneten Rangs und den Entscheidungen der US-amerikanischen und europäischen Bekleidungskonzerne H&M, Zara, Adidas und Gap unterworfen.
Diese Konzerne beherrschen den Markt und streichen den Löwenanteil des Reichtums ein, der in den 4.000 Textilfabriken Bangladeschs erwirtschaftet wird. 4,5 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter (60% von ihnen sind junge Frauen) stellen dort unter oft gefährlichen Bedingungen Kleidung und Schuhe her. Der Tod von 1.138 Arbeiter*innen beim Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes im Jahr 2013 wurde dies auf tragische Weise verdeutlicht.
Für einen Monatslohn von etwa 90 Euro (Stand Ende 2024) arbeiten sie 9 bis 14 Stunden pro Tag, bei Auftragsspitzen sogar noch mehr, und das an 7 Tagen in der Woche. Auf diese Weise produzieren sie 82% des Warenwerts, den Bangladesch exportiert: 36 Milliarden Dollar im Jahr 2023. Auf diesem Reichtum basiert auch das Vermögen der Kapitalisten und der politischen und militärischen Führer Bangladeschs. Für ihre Rolle als Helfershelfer des imperialistischen Großkapitals dürfen sie sich einen kleinen Teil dieses Reichtums abzweigen, entweder direkt oder indem sie die Staatskasse plündern.
Die große Masse der Bevölkerung – unter ihnen 18 Millionen arbeitslose, junge Leute – müssen versuchen, in der informellen Wirtschaft das Notwendige zum Überleben zu finden. Oder sie müssen auswandern: Jedes Jahr verlassen 500.000 Einwohner Bangladeschs das Land und schließen sich der Arbeiterklasse der Welt an, vor allem in den Nachbarländern Asiens und den Golfstaaten. Der Kapitalismus erweist sich als unfähig, der Bevölkerung auch nur einen Arbeitsplatz und einen Lohn zu garantieren, von dem sie leben kann. Er ist ebenso wenig in der Lage, Bangladesch aus der Unterentwicklung zu befreien. Zwar hat sich der Wert der Textilproduktion dort in den letzten fünfzehn Jahren vervierfacht, doch die Zahl der Arbeitsplätze in der Industrie stagniert. Die Ausbeutung ist in den letzten Jahren nicht weniger grausam, sondern sogar noch grausamer geworden. Das ist das „Wirtschaftswunder”, das die Juli-Revolte 2024 hervorgebracht hat.
Vom Kampf gegen Quoten zur Revolte gegen das Regime
Unmittelbarer Auslöser der Revolte war ein Quotensystem, das als ungerechte Begünstigung der Anhänger von Hasinas Regierungspartei Awami-Liga empfunden wurde. Lange Zeit waren 30% der Stellen im Öffentlichen Dienst waren für Zivilisten reserviert, die im Unabhängigkeitskrieg 1971 gegen die pakistanische Armee gekämpft hatten, sowie für ihre Kinder und seit 2010 auch für ihre Enkelkinder. Diese Quoten wurden 2018 nach jahrelangen Studentenprotesten abgeschafft. Doch am 5. Juni 2024 wurden sie vom Obersten Gerichtshof wieder eingeführt.
Sofort wurde die Anti-Quoten-Bewegung wieder aufgenommen. Am 1. Juli gründeten die Studierenden eine Organisation zur Leitung ihrer Proteste, die Studierenden gegen Diskriminierung (SAD). In den Städten kam es zu Demonstrationen und Blockaden von Straßen und Eisenbahnstrecken (die „Bangla Blockade”) durch Zehntausende Studierende. Zunehmend schlossen sich ihnen junge Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an, die sich ihrer Zukunft beraubt fühlten.
Sheikh Hasina begnügte sich nicht damit, die Demonstranten als „Verräter der nationalen Befreiung“ zu bezeichnen. Mitte Juli begann sie damit, die Proteste brutal zu unterdrücken. Die Repression wurde von Studentengruppen und Funktionären der Awami-Liga durchgeführt, die mit Knüppeln und Schusswaffen bewaffnet wurden, sowie von den staatlichen Sicherheitskräften.
Zu den Gruppen, die am brutalsten vorgingen, gehörten die Anti-Terror-Einheiten der Rapid Action Battalions, die in den Jahren 2000-2010 von den Vereinigten Staaten und Großbritannien ausgebildet worden waren. Diese Einheiten waren dafür bekannt, dass sie bereits Tausende Oppositionelle hatten verschwinden lassen. Hinzu kamen Polizei und Armee.
Besonders geprägt hat alle der Tod von Abu Sayed, einem Studenten, der am 16. Juli von der Polizei getötet wurde, als er mit ausgestreckten Armen dastand. Die Videoaufzeichnung seines Mordes verbreitete sich schnell, ebenso wie seine Geschichte. Abu Sayed war ein junger Mann aus einer armen Arbeiterfamilie, dessen Dorf zusammengelegt hatte, um ihm das Studium zu finanzieren. Sayed war einer von mehr als 1.400 Menschen, darunter Dutzende Kinder, die bei Razzien der staatlichen Sicherheitskräfte oft in ihren eigenen Häusern getötet wurden. Mehr als 10.000 Menschen wurden verhaftet und oftmals gefoltert. Doch statt die Proteste zu ersticken, fachten sie sie im Gegenteil an.
Das Gefühl von Ungerechtigkeit über die Quoten war nicht die einzige Quelle, aus der die Bewegung ihre Kraft schöpfte. Hinzu kam eine tiefe Wut, geschürt durch den Kontrast zwischen den offiziellen Reden über die triumphale Entwicklung Bangladeschs und der vollkommen anderen Realität. Die große Masse der Bevölkerung kann diese Realität selber feststellen: die Verschärfung der sozialen Ungleichheiten, eine zweistellige Inflation, die Ausbreitung von Elend und immer größere Schwierigkeiten, genug Geld für Essen zusammenzubekommen. 38 Millionen Menschen waren 2023 offiziell von Ernährungsunsicherheit betroffen. Hinzu kommen Massenarbeitslosigkeit, die weit verbreitete Korruption beim Zugang zu Arbeitsplätzen und schließlich der unverhüllte autoritäre Charakter der Hasina-Regierung. Weit über die Quotenfrage hinaus wurde die von den Studierenden ins Leben gerufene Bewegung eine Möglichkeit für Alle, die ihre angestaute soziale und politische Wut zum Ausdruck bringen wollten. Als der Oberste Gerichtshof am 21. Juli in der Frage der Quoten einlenkte, war es bereits zu spät: Die Bewegung hatte sich zu einer Revolte gegen das Regime entwickelt.
Die Arbeiterklasse in der Juli-Revolte
Der Mut der Studierenden und das Gefühl, dass sie gegen eine Gesellschaft des Elends und einen autoritären und korrupten Staat kämpften, hatte breitere Schichten der Gesellschaft in den Kampf hineingezogen. Die Rikscha-Fahrer verwandelten ihre Fahrradtaxis in Krankenwagen, um den von der Repression betroffenen Demonstranten zu helfen. Tagelöhner, kleine Händler, Arbeiter der informellen Wirtschaft und der Textilindustrie (von denen ebenfalls mehrere Hundert getötet wurden) schlossen sich der Revolte an – umso mehr, da die meisten Studierenden, die sich dem Regime widersetzten, wie Abu Sayed selbst aus Arbeiterfamilien stammten.
Die Arbeitenden hatten vielfach dieselben Gründe, sich zu erheben, wie die Studierenden. Und sie hatten auch ihre eigenen Gründe. In den Industriebezirken rund um die Hauptstadt Dhaka, unter anderem in dem größten Industriebezirk Gazipur, organisierten Arbeiter- und Studentenaktivisten seit dem 16. Juli geheime Treffen, um den Kampf auf die Arbeiterklasse der Textilindustrie auszuweiten. Teilweise fanden diese Treffen im Wald statt.
In Gazipur wurden zwischen dem 16. und 17. Juli Tausende von Flugblättern verteilt. Die Textilarbeiter*innen mobilisierten damit die Studierenden und andere Arbeiter*innen: Am 17. versammelten sich 10.000 Menschen. Am nächsten Tag führte die Polizei Razzien und Massenverhaftungen in Häusern, Schulen und Fabriken durch. Gleichzeitig schossen Hubschrauber der Armee auf die Demonstranten. Ein Textilarbeiter, Nazrul Islam, wurde getötet, viele andere verletzt. Am 25. Juli tauchten neue Flugblätter auf. In ihnen schlossen sich die Arbeiter*innen den Forderungen der Studierenden an, forderten Gerechtigkeit für die getöteten Arbeiter, die Einstellung der Strafverfolgung, ein Ende der Unterdrückung von Versammlungen sowie einen Mindestlohn von 30.000 Taka (230 Euro) und die Veröffentlichung der Gewinne der Fabriken.
Die politische Führung der Revolte in den Händen der SAD-Studierenden
Zwar nahmen zahlreiche Arbeiterinnen und Arbeiter an den Demonstrationen teil, und hier und da versuchten einige Aktivisten unter ihnen, ihre eigenen Forderungen zu formulieren. Doch die Arbeiterklasse hatte nie eigene Kampforgane, kein eigenes Programm und schon gar keine führende Rolle in der Revolte. Die Forderungen, Parolen und Aufrufe gingen von der studentischen Führung der SAD ab. Diese übernahmen nach einigem Zögern die Führung einer Bewegung, die zu einer Volksrevolte gegen das Regime geworden war. Aber sie stellten niemals Forderungen in den Vordergrund, die die Bedürfnisse der Arbeiter betrafen oder die Profite und die Macht der Kapitalisten angingen. Sie beschränkten die Revolte auf ihre kleinbürgerlichen demokratischen Bestrebungen: Appelle an die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sowie des Fortschritts. Auch wenn diese die Gefühle der Massen widerspiegelte, waren sie dazu verdammt, leere Worte zu bleiben, da sie die kapitalistische Herrschaft und die imperialistische Ordnung akzeptierten.
Nachdem sie die Rücknahme der Quoten durchgesetzt hatten, beschränkte sich die Führung der Studierenden darauf, Gerechtigkeit für die Opfer der Revolte und den Rücktritt verschiedener führender Politiker zu fordern. Am 3. August nahm die Revolte noch größere Ausmaße an, ja geradezu einen aufständischen Charakter: 450 der 600 Polizeistationen des Landes wurden angegriffen oder in Brand gesteckt. Dies veranlasste die SAD-Führung jedoch nur dazu, eine einzige weitere Forderung zu stellen: den Rücktritt von Hasina. Um dieses Ziel zu erreichen, legten sie einen sogenannten „Plan zur Verweigerung der Zusammenarbeit” vor, dessen Schwerpunkt darauf lag, Steuern, Abgaben und öffentliche Einrichtungen zu boykottieren.
Dieser Plan rief auch die Arbeitenden, insbesondere in den Textilfabriken und im Hafen von Chittagong dazu auf, nicht zur Arbeit zu gehen. Die Führung der Studierenden hoffte, das wirtschaftliche Gewicht der Arbeiterklasse als Druckmittel für ihre politischen Forderungen nutzen zu können. Und schließlich erklärte am 4. August einer der Studentenführer, Nahid Islam: „Wenn Knüppel nicht ausreichen, sind wir bereit, zu den Waffen zu greifen. […] Bildet in jedem Viertel, in jedem Dorf Widerstandskomitees. […] Von nun an werden die Studierenden das Land regieren.“ Die folgenden Ereignisse sollten zeigen, dass sie trotz dieser revolutionären Worte dazu nicht in der Lage waren.
Die Armee lässt Hasina fallen
Denn auch wenn Hasina autoritär regierte, tat sie dies im Namen und im Interesse der wahren Machthaber: der kapitalistischen Klasse, die sich auf den Staatsapparat stützte. Die studentische Führung hatte diese Macht jedoch nie im Visier. In diesem Fall nämlich hätte es nicht nur darum gehen dürfen, zu boykottieren oder zu blockieren, um Druck auszuüben. Man hätte sich als Ziel setzen müssen, die Herrschaft der Kapitalisten zu beenden und sie durch eine andere zu ersetzen: durch die Herrschaft der Arbeiterklasse, die als einzige Klasse die Mittel für einen solchen wirklichen Machtwechsel in der Hand hält. Doch keine politische Kraft in ihren Reihen strebte dieses Ziel an.
Der Führung der besitzenden Klassen wurde klar, dass die Bewegung nicht allein durch Repression, durch Ausgangssperren und die Abschaltung des Internets eingedämmt werden konnte. Am 3. und 4. August hatten sich erneut mehr als eine halbe Million Demonstranten versammelt, ohne sich von der Repression, die ihren Höhepunkt erreicht hatte, einschüchtern zu lassen. Es musste eine Lösung gefunden werden, um den Aufstand zu entschärfen, bevor er sich in eine Revolution verwandelte. Anstatt es mit noch brutaleren Repressionen mit ungewissen Folgen zu versuchen, wurde beschlossen, demokratische Illusionen zu schüren.
Bereits am Abend des 4. August erklärte General Waker-uz-Zaman, der oberste Militärführer, dass die Armee – die noch am selben Tag an der Unterdrückung beteiligt war – „immer auf der Seite des Volkes stehen werde“. Am selben Tag forderten pensionierte Offiziere die Armee auf, „ihre Truppen von den Straßen abzuziehen“. Ein ehemaliger Stabschef fügte hinzu: „Wir sind zutiefst besorgt, beunruhigt und betrübt über all die Morde, die Folter, die Verschleppungen und Massenverhaftungen. […] Unsere Streitkräfte sollten unter keinen Umständen denen zu Hilfe kommen, die die derzeitige Situation verursacht haben.“ Sie ließen Hasina fallen. Am nächsten Tag musste Hasina nach fünfzehn Jahren an der Macht Hals über Kopf nach Indien fliehen. General Zaman gab dies bekannt. Hunderttausende Demonstrierende waren bereits auf dem Weg zum „Langen Marsch nach Dhaka“, zu dem die SAD aufgerufen hatte: Was laut dem Studierendenführer Asif Mahmud die „finale Schlacht“ werden sollte, verwandelte sich in ein spontanes Volksfest.
Hasina geht, die Generäle bleiben
Die Revolte hatte die besitzende Klasse zu massiven Zugeständnissen gezwungen, jedoch nicht zu entscheidenden. Das Bewusstsein darüber war jedoch genau das, was fehlte. Hasina hatte Vertraute an die Spitze der Armee und des Staatsapparats gesetzt. General Zaman selbst war durch Heirat mit der Familie Hasinas verbunden. Viele Kapitalisten der Textilbranche sind mit der Awami-Liga verbunden. Manche sind Mitglied, einige sogar Abgeordnete. Bei Hasinas Sturz hielten es einige für klug, ihre Fabriken zu schließen und ins Ausland zu fliehen. Aber die Interessen der kapitalistischen Klasse gingen über Hasina und den Niedergang einzelner Kapitalisten hinaus. Um das Wesentliche zu bewahren, musste man Federn lassen und das Risiko einer oberflächlichen Umwälzung eingehen.
Es musste dringend gehandelt werden, da sich immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter an der Revolte beteiligten und Gefahr bestand, dass sie dem Aufruf zur Bildung von Komitees zu folgen würden. Unter den Wehrpflichtigen und jungen Offizieren der Armee zeigten sich Anzeichen von Unzufriedenheit über die Brutalität der Unterdrückung, ja sogar von Sympathie für die Revolte. Vor allem mussten wieder stabile Verhältnisse hergestellt werden, damit die Ausbeutung der Textilarbeiter*innen weitergehen werden konnte. Ende Juli verloren die Textil-Kapitalisten laut eigenen Angaben nämlich täglich 150 Millionen Dollar durch die Revolte. Der Aufstand und der Versuch seiner Unterdrückung hatten die Produktion durcheinandergebracht. Und für die Auftraggeber, die US-amerikanischen und europäischen Bekleidungskonzerne, kam Warten nicht in Frage. Wenn die Kapitalisten in Bangladesch nicht in der Lage wären, fristgerecht zu liefern, dann würden die westlichen Konzerne die Aufträge einfach an ihre Konkurrenten in Indien oder Vietnam weitergeben. Im weltweiten Konkurrenzkampf misst sich die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes nicht nur an den Löhnen, sondern auch an der Fähigkeit des jeweiligen Staates, die Ordnung und die Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Da Hasina dies nicht mehr gelang, wurde sie fallen gelassen. Und die Generäle machten sich daran, einen Plan B zu finden.
Yunus und die Übergangsregierung
Auch die Studierenden organisierten sich, allerdings mit anderen Zielen. Hasinas Flucht hatte die 200.000 Polizisten des Landes dazu veranlasst, sich zu verstecken – aus Angst vor der Rache derjenigen, die sie gerade noch unterdrückt hatten. Die reaktionärsten Elemente der Gesellschaft nutzten diese Situation aus, um gewalttätige Ausschreitungen zu begehen, insbesondere gegen die hinduistische Minderheit. Die Studierenden organisierten sich über ihre Komitees, um den Verkehr zu regeln, die Straßen zu säubern und die Stadtteile, das Eigentum und die Kultstätten zu schützen. Aber zwischen diesen Tätigkeiten und „das Land zu regieren“ lag ein weiter Weg.
In dieser Frage hingegen lag die Initiative bei der Armee, die die Straßen nie verlassen hatte. Sie verfügte über langjährige Erfahrung. Bereits am 6. August fand ein Treffen zwischen der Armeeführung und den Oppositionsparteien statt. Am selben Tag lud die Armee die Führung der Studierenden zu Verhandlungen über die Zusammensetzung einer neuen Regierung ein. Zur großen Zufriedenheit aller Ausbeuter Bangladeschs boten diese der Armee, die nach einer blutigen Unterdrückung als Garantin der Demokratie auftrat, ihre Unterstützung an. Sie einigten sich auf einen Namen: Muhammad Yunus.
Bereits am 8. August bildete dieser seine Übergangsregierung. Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis und den Beinamen „Bankier der Armen“ erhalten hatte, weil er sich auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert hatte, kann auf eine lange Karriere in verschiedenen bürgerlichen Institutionen zurückblicken.
Er war ein Gegner von Hasina und gehörte keiner Partei an. Er war also geeignet, als demokratische Fassade zu dienen, um sicherzustellen, dass dahinter die Herrschaft der imperialistischen und bengalischen Bourgeoisie über das Proletariat weitergehen kann. Und er verstand es geschickt, den Studierenden zu schmeicheln. So bezeichnete er ihre Revolte als „Juli-Revolution“ – wo doch seine Aufgabe genau darin bestand zu verhindern, dass aus der Revolte eine Revolution wird.
Yunus bildete seine Übergangsregierung aus ehemaligen Bankern, Staatsanwälten, Botschaftern und hohen Armeeoffizieren. An die Spitze der Zentralbank berief er einen Ökonomen, der 27 Jahre lang für den Internationalen Währungsfonds gearbeitet hatte – also die Institution, dessen Interventionen zur Verarmung Bangladeschs beigetragen haben. Das Innenministerium übertrug er einem ehemaligen hohen Armeeoffizier, der darauf bestand, dass die Demonstrierenden die Schusswaffen, die sie während der Revolte beschlagnahmt hatten, so schnell wie möglich zurückgegeben werden müssten. Schließlich bot er zwei der wichtigsten Studentenführern, Nahid Islam und Asif Mahmud, untergeordnete Ministerposten an, um die Illusion zu schüren, dass die Übergangsregierung auch die Juli-Kämpfer repräsentieren würde – und damit in Wahrheit genau umgekehrt dazu beizutragen, die Juli-Bewegung einzuschläfern und zu beenden.
Die Übergangsregierung gegen die Textilarbeiter*innen
Die Arbeitenden aber hatten weiterhin mit Hungerlöhnen, ausstehenden Löhnen, Arbeitslosigkeit und ständig steigenden Preisen zu kämpfen. Deshalb kam es über Monate hinweg, ab August 2024 und erneut im März 2025 immer wieder zu Streiks und Demonstrationen der Arbeiter*innen. Unter ihnen herrschten zwar Illusionen in die provisorische Regierung. Ihr Versprechen, für soziale Gleichheit und Gerechtigkeit zu sorgen, weckte die Hoffnung, dass sie sich um die Probleme der Arbeitenden kümmern würde. Doch als Ausdruck eines gewissen Misstrauens warteten die Arbeiter*innen nicht ab: Sie handelten. Durch Hasinas Vertreibung hatten sie Vertrauen in ihre eigene Stärke gewonnen. Und wenn sie glaubten, mit Hasinas Abgang demokratische Rechte errungen zu haben, dann wollten sie diese auch nutzen, um ihre Lage zu verbessern, sich zu organisieren und für ihre Forderungen zu kämpfen: für höhere Löhne und Arbeitszeiten, für unbefristete Arbeitsverträge, für ein Ende der Entlassungen und der schwarzen Listen sowie für die Anerkennung ihrer Gewerkschaften.
Ihnen gegenüber standen erneut die von den Bossen bezahlten Schlägertrupps, die Führer der gelben Gewerkschaften und – wie immer – die Polizei und die Armee. Yunus beschuldigte die kämpfenden Arbeiter*innen, im Dienste des Auslands oder der Awami-Liga zu stehen und Feinde der „Juli-Revolution“ zu sein”. Ende August 2024 erhielt die Armee Sonderbefugnisse und wurde in den Industriebezirken eingesetzt, um dem ein Ende zu setzen, was ein Berater von Yunus als „subversive Aktivitäten” bezeichnete. Seitdem wurden mindestens zwei Arbeiter von den staatlichen Sicherheitskräften getötet, wie schon während der Arbeiterkämpfe in den Jahren 2013 und 2023. Der entschlossene Kampf der Textilarbeiter*innen hat den arbeiterfeindlichen Charakter der Übergangsregierung entlarvt. Diese konnten überprüfen, dass sie es unter Hasina wie unter Yunus mit denselben kapitalistischen Ausbeutern, denselben Polizisten und demselben Staat zu tun haben.
Der Ausgang der Kämpfe ist noch nicht entschieden
Die soziale und politische Krise ist noch nicht vorbei. Die Awami-Liga wurde verboten, und 12.000 ihrer Mitglieder wurden im Februar und März dieses Jahres im Rahmen der Operation „Dämonenjagd“ verhaftet. Zwischen den verschiedenen politischen Fraktionen der Bourgeoisie tobt seitdem ein Kampf um die frei gewordenen Positionen. Die BNP, der Islamische Kongress und nun auch die Nationale Bürgerpartei (gegründet von Studierenden an der Spitze der SAD) vertreten wie die Übergangsregierung nationalistische und kriegerische Positionen (insbesondere gegenüber Indien). Bereits jetzt ersetzen die Banden der BNP die Banden der Awami-Liga im Dienst der Bosse. Die Islamisten gehen auf die Straße und beginnen, Frauen zu schikanieren, die ihr Haar nicht bedecken. Ende Mai drohte Yunus, dessen Beziehungen zur Armee angespannt sind, mit seinem Rücktritt. Die Drohungen der Generäle sind anderer Liga: Im Namen der „Souveränität und Einheit des Landes” könnten sie versuchen, die politische Krise durch einen Militärputsch zu lösen und dabei gleichzeitig die sozialen Unruhen zum Schweigen zu bringen.
Wie wird der Kampf ausgehen? Sicher ist, dass die bürgerliche Demokratie, noch bevor sie überhaupt formell existiert, bereits alles gegeben hat, was sie in einem unterentwickelten Land wie Bangladesch hervorbringen kann: eine politische Variante, die die Umstände hervorgebracht haben, damit die besitzenden Klassen ihre Ausbeutungsgesellschaft aufrechterhalten können. Und anders als die Studentenführer sowie Yunus und Konsorten behaupten, werden weder mögliche Wahlen im Februar 2026 noch eine Verfassungsreform „die Rückkehr des Autoritarismus” verhindern. Bangladesch nimmt einen Platz am untersten Ende der kapitalistischen Weltwirtschaft ein, die selber in der Krise steckt. Diese wirtschaftliche Stellung im Weltwirtschaftssystem bestimmt das Gesicht der Bourgeoisie und des Staates in Bangladesch und ist der Grund dafür, dass die Massen in Armut gehalten werden und die Arbeiterklasse einer gnadenlosen Ausbeutung unterworfen wird. Die Brutalität des Staates unter Hasina war nicht das Ergebnis ihrer Persönlichkeit, sondern das Ergebnis dieser unüberbrückbaren sozialen Widersprüche. Im Rahmen des Kapitalismus kann es nicht anders sein. Das ist der Grund, warum die Richtung, in den die Studierendenführung der SAD die Juli-Revolte geführt haben, eine Sackgasse ist. Und das ist der Grund, warum die Regierung Yunus auf die Kämpfe der Textilarbeiter*innen mit Verleumdung, Knüppeln und Kugeln reagiert hat.
Lehren für die Zukunft
Ob nun die Armee die Offensive wieder aufnimmt, die studentische Jugend erneut die Initiative ergreift oder die noch verstreuten Kämpfe der Arbeiterklasse sich ausbreiten und zu einer neuen Revolte werden: In jedem Fall stehen entscheidendere Kämpfe als die vom Sommers 2024 noch bevor. Und für diese Kämpfe wird es entscheidend sein, die Lehren aus der Juli-Revolte gezogen zu haben.
Wie in den letzten Jahren in Burma oder Sri Lanka mangelte es den Aufständischen in Bangladesch nicht an Kampfgeist. Was fehlte, war eine Führung, die das kapitalistische System und die vom Imperialismus aufgezwungene Arbeitsteilung der Welt in Frage stellte. In diesem Sinne beginnt ab jetzt ein entscheidender Kampf: Es gilt, eine revolutionäre kommunistische Partei aufzubauen, damit die Arbeiterklasse in zukünftigen Kämpfen ihre Interessen und ihr Programm verteidigen kann und sich in ihnen zum Ziel setzt, selber die Macht zu übernehmen und die Kapitalisten und ihren Staat zu stürzen. Indem die Arbeiterklasse Bangladeschs den Arbeitenden in Asien und der ganzen Welt damit den Weg weisen würde, würde sie den ersten Schritt aus Elend und Unterentwicklung machen. Die Arbeitenden und Studierenden, die in der Juli-Revolte 2024 gekämpft haben und sich nicht mit Versprechungen und leeren Phrasen über Freiheit oder Fortschritt zufrieden geben wollen, können ab heute damit beginnen, diese Perspektive in der Arbeiterklasse zu verwirklichen.
20. August 2025