Wie die Finanzspekulation die armen Länder in die Hungersnot treibt (aus Lutte de Classe - Klassenkampf - Februar 2011)

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Wie die Finanzspekulation die armen Länder in die Hungersnot treibt
Januar 2011

Es sind Hungerrevolten, die seit Anfang 2011 in vielen arabischen Ländern zu Massenunruhen und Volksaufständen führen. Die Jugendlichen begannen zuerst in algerischen und tunesischen Städten gegen die hohe Lebenshaltungskosten, die Preis- und Mietsteigerungen zu rebellieren, besonders wegen der Grundnahrungsmittel wie Zucker und Öl , deren Preise in die Höhe schießen, gegen die teuren Mieten und die Massenarbeitslosigkeit. Diese Revolten erinnern daran wie es 2008 in einer großen Zahl verarmter Länder zu Hungeraufständen kam. 2010 hat das kapitalistische System mit der dazu gehörenden Spekulation Preiserhöhungen bei den Nahrungsmitteln herbeigeführt, die das schiere Überleben der ärmsten Bevölkerungsteile in Gefahr bringen.

Im Sommer 2010 gab es auf den "Märkten" der ganzen Welt einen massiven Kursanstieg für Getreide. Die Waldbrände in Russland, ebenso wie die Trockenheit in weiten Teilen Nordeuropas und Kanadas machten geringere Ernteerträge voraussehbar, was zu einem Hochschnellen der Preise auf den Weltmärkten führte. Doch waren diese klimabedingten Effekte nur von untergeordneter Bedeutung: Tatsächlich haben diese Kurssteigerungen tiefere Ursachen. Sie haben längst vor dem Bekanntwerden der Brände und Trockenheit begonnen. Insbesondere aber haben sie sich nach dem Sommer fortgesetzt, als trotz der Klimabedingungen die Aussichten auf höhere Ernten als der Weltbedarf, klar wurden. Im Gefolge von Weizen, Mais, Soja sind schließlich alle an den Börsen der Welt notierten Nahrungsmittel völlig unabhängig von Angebot und Nachfrage im Kurs gestiegen. Die wirkliche Ursache für die aktuellen Kursanstiege der Roh- und Grundstoffe findet sich in der Finanzspekulation.

Sehr beträchtliche Kapitalmengen konzentrieren sich auf die Roh- und Grundstoffspekulation. Diese Tendenz nimmt an Bedeutung zu und lässt schon auf kurze Sicht menschliche Katastrophen von großen Ausmaßen erwarten. In der Tat ist die Spekulation schon ganz allgemein schädlich für die Gesellschaft, doch diejenige, die Grundnahrungsmittel betrifft, ist besonders skandalös. Sie hat sofort dramatische Konsequenzen für die Bevölkerung der armen Länder, da es sich um die grundlegende Ernährung handelt. Jede noch so geringe Preiserhöhung von Getreide, Reis oder Mais führt bei einem großen Teil des verarmten Teils der Weltbevölkerung zu zusätzlichen Ernährungsschwierigkeiten.

Die Grund- und Rohstoffspekulation ist eine altbekannte Tatsache

Seit langer Zeit schon bedeutet das Aufkommen des Handels unweigerlich das Erscheinen aller möglichen Spekulationsarten. Vom 16. Jahrhundert an hat der Gewürzhandel den Appetit der europäischen Händler angeheizt und in dessen Folge zu einem Aufblühen der Schiffart, und zum Aufblühen von Handel und Finanzwesen sowie aller Arten von Handelsversicherungen geführt. Ebenso war es in Venedig, Amsterdam und London beim Kaffee, Kakao, Getreide und allen Warenarten, bei denen es sich zu spekulieren lohnte. Die Beispiele von Kaufleuten, die sich bereicherten, indem sie sich beim Auftreten lokaler Trockenheitsperioden Getreidevorräte anlegten um in solch schwierigen Zeiten möglichst viel Gewinn an sich zu reißen, sind zahlreich genug, um sich solche Handelsoperationen überall, wo Handel sich entwickelte, vorzustellen zu können. Das 19. Jahrhundert war die Zeit der Entwicklung des industriellen Kapitalismus. Die Warenproduktion und die Warenwirtschaft dehnten sich auf neue Länder und neue Sektoren aus. Während die Landwirtschaft vorher hauptsächlich als Subsistenzwirtschaft auf den Eigenbedarf gerichtet war, wurde sie nun von der kapitalistischen Warenwirtschaft und dem Aufschwung der Marktwirtschaft erfasst. Der technische Fortschritt führte zu einem Anwachsen der Produktion, die sich auf immer größere und entferntere Märkte ausdehnte. Der Kornhandel gewann wachsende Bedeutung und wuchs über den Rahmen der traditionellen Märkte hinaus. 1848 entstand in Chicago die erste Getreidebörse. Anfangs handelte es sich nur um einen regionalen Markt, der das Zusammentreffen und entsprechend den Verträgen zwischen Händlern erleichterte, die an der Schnittstelle der großen Flüsse Kanadas und der USA und der weitläufigen landwirtschaftlichen Regionen der nördlichen USA lag. Doch sehr schnell wurde Chicago in Bezug auf die Preisbildung von Getreide zur bedeutendsten Börse der Welt, was sich bis heute nicht geändert hat. Seitdem bilden die dort ausgehandelten Preise die Referenz für die ganze Welt.

Seit dem 19. Jahrhundert versuchten die kaufenden und verkaufenden Getreidehändler an dieser Börse Mittel, um sich gegen unliebsame Überraschungen des Handels zu versichern. Dabei tätigten sie das was die Ökonomen "Termingeschäfte" nennen. Ihr Ursprung reicht bis ins Mittelalter zurück. Es handelt sich um die Verpflichtungen der Käufer und Verkäufer, eine bestimmte Getreidemenge zu einem vorher festgelegten Preis an einem späteren Zeitpunkt zu liefern. Zum Beispiel wurde am 1. Januar ein Termingeschäft über die Lieferung von 1.000 Tonnen Getreide für den 1.September zum Preis von 200 Dollar die Tonne vertraglich festgelegt. Zum vereinbarten Zeitpunkt liefert der Produzent oder Verkäufer die Ware zum festgelegten Preis. Doch in der Zwischenzeit können sich die Preise nach oben oder unten verändern. Diese Termingeschäfte erlauben es also den Händlern und auch den Produzenten sich gegen Kursschwankungen abzusichern. In gewissem Sinne handelt es sich um Wetten um den zukünftigen Warenpreis. Letztlich muss einer der beiden verlieren: Wenn sich durch schlechte Ernten die Getreidepreise erhöhen und von 200 auf 250 Dollar pro Tonne ansteigen, so wird die Ware trotzdem zum festgelegten Preis von 200 Dollar pro Tonne verkauft, und der Verkäufer hat das Nachsehen. Wenn im Gegenteil eine außerordentlich gute Ernte den Preis auf 150 Dollar pro Tonne fallen lässt, so hat der Käufer das Nachsehen. Aus diesem Grund versuchen die Händler sich gegen das mit dem Termingeschäft eingegangene Risiko zu versichern. Mit diesen Termingeschäften vermehren sich also die Versicherungsverträge sowohl im Falle des Sinkens als auch des Steigens der Preise. Die Finanzleute am Ursprung dieser Verträge sind dabei in beiden Fällen die Gewinner.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm der Rohstoffhandel außerordentlich an Umfang zu, einerseits wurde er strukturierter, andererseits komplexer. Seit 1919 wurden in Großbritannien und den USA diese Verträge so standardisiert, dass nur noch die Preise auszuhandeln waren, und die einmal abgeschlossenen Verträge konnten schnell von Hand zu Hand weiterverkauft werden. So wurde der Termingeschäftemarkt zu einem Teil unabhängig vom realen Getreidemarkt und bot so eine offene Flanke für alle möglichen Manipulationen und Spekulationen. Das Entscheidende war erreicht: Die Verträge der Termingeschäfte wurden zu Finanztiteln, und dieser Markt entsprechend ein spekulativer Markt.

Die Finanzspezialisten, besonders die Banken, hatten sich so in den Rohstoff- und Agrarmarkt eingebracht, indem sie die Händler gegen die Risiken der Termingeschäfte versicherten. Die Versicherungs- und Rückversicherungsverträge für den Terminhandel, anfänglich um die Händler vor den Risiken der Kursschwankungen zu schützen, wurden aber selbst wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen zu Spekulationsobjekten, die sich kaufen und verkaufen ließen. Dies ist es was man "Derivatenhandel" nennt.

Von nun an kauften und verkauften von den Banken besoldeten Finanzhändler von Tag zu Tag auf Veränderungen der Warenpreise spekulierend, ohne sich im Geringsten um die tatsächlichen Produkte und deren Lieferungen und Transaktionen kümmernd. So konnte die Spekulation anschwellen, und der Rohstoff- und Agrarmarkt wurde zum Ursprungsort einer Vielzahl von Finanztiteln, wie den "Finanzderivaten", deren spekulatives Ansteigen in den letzten drei Jahrzehnten eine entscheidende Rolle spielte.

Von den Rohstoffspekulationen zu den Hungerrevolten 2008

Im Zusammenhang mit der Finanziarisierung der Wirtschaft entwickelt sich die Spekulation aktuell, besonders bei den Rohstoffen. Seit Anfang der siebziger Jahre hat die Wirtschaftskrise die Aufnahmekapazität der Märkte reduziert und hat dadurch die Verkäufe und mit ihnen die Profite sinken lassen. Um ihre Profite wieder zu erhöhen haben die Kapitalisten von ihrem Standpunkt aus gesehen, interessantere Kapitalanlagemöglichkeiten gesucht, als diejenigen in der Produktionssphäre. Von Anfang der achtziger Jahre an, ist die kapitalistische Krise durch einen wachsenden Zustrom von Kapital nach profitableren Investitionsfeldern auf den Finanzmärkten gekennzeichnet: Soweit man von Investitionen reden kann, wo nichts Reales produziert wird. Dieses Aufblähen der Kapitalmengen auf den Finanzmärkten hat in den letzten dreißig Jahren zu einer Serie von Finanzkrisen geführt. Nach jeder Krise hat das Kapital nach neuen Anlagemöglichkeiten für die Spekulation gesucht. Angefangen bei der Immobilienblase in Japan der neunziger Jahre über die Krise der neuen Technologien - der Internetblase bis zur Subprimes-Krise. Seit 2008 greifen die Spekulanten sehr heftig die Staaten an, indem sie auf deren Unfähigkeit die Staatsschulden zurück zu zahlen spekulieren. Aber auch auf die Grundnahrungsmittel wird immer heftiger, in bisher unbekannter Größenordnung spekuliert. Von 2002 bis 2008 hat dort die Zahl der Terminverträge um 500 % zugenommen. Zwischen 2003 und März 2008 haben die auf den Terminmärkten in Rohstoffen angelegten Beträge von 13 auf 260 Milliarden Dollar zugenommen. Ganz offensichtlich ist dieses weiterhin zunehmende Auftauchen von Spekulationshaien auf den Getreidemärkten nicht ohne Konsequenzen geblieben. "Die hier investierten Geldmengen sind von einer solchen Größenordnung, dass sie die Warenpreise von der Realität entfernen", erklärt der Verantwortliche der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Etwas deutlicher ausgedrückt führte der Ansturm des Spekulationskapitals zu einem Aufflammen der Agrarpreise. Selbst die Geschäftsbank Merrill Lynch schätzt, dass die Spekulation zu einer "Zunahme der Warenpreise für Agrarprodukte geführt hat, die um die Hälfte höher ist, als es dem tatsächlichen Verhältnis von Angebot und Nachfrage entspricht."

Wie ersichtlich begann der massive Ansturm von Spekulationskapital auf die Grund- und Rohstoffmärkte nicht erst 2010. Von 2005 an begannen die Preise für Grundnahrungsmittel erheblich zu steigen. Diese "Hausse", das Ansteigen ging kontinuierlich bis Frühjahr 2008 weiter, als die Spekulation zu einem schwindelerregenden Kursanstieg führte. Zu dieser Zeit erreichten die Preise für Getreide, Mais und Reis ihren höchsten Stand seit 30 Jahren. Die Preise der Grundnahrungsmittel für einen sehr großen Teil der Menschheit verdoppelten sich im Zeitraum von nur wenigen Monaten. In den reichen Ländern führten die Folgen dieses Preisanstiegs bei den ärmsten Teilen der Bevölkerung dazu, dass die einfache Tatsache, sich ernähren zu wollen, zu einem echten Problem wurde. Es entstanden besondere Armenmärkte. Armenspeisungen und Suppenküchen sahen ihre Nachfrage geradezu explodieren.

Doch in den armen Ländern bedeutete dieses Aufflammen der Preise für sehr viele Menschen das Todesurteil. In zahlreichen Ländern brachen daher Hungerrevolten aus. Wenn man bedenkt, dass laut UNICEF 50 % der Haushalte im subsaharischen Teil Afrikas von weniger als einem Dollar pro Tag leben, dann versteht man leicht, dass eine Preiserhöhung von nur 1 % der grundlegenden Getreidepreise dazu führt, dass laut der "Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen" (FAO), 16 Millionen Menschen in Ernährungsnot stürzten. So hat sich 2008 die Zahl der unterernährten Menschen auf der Welt von 854 Millionen fast schlagartig um 150 Millionen auf über 1 Milliarde Menschen erhöht. 150 Millionen Menschen zusätzlich wurden aufgrund der Irrationalität des kapitalistischen Systems und die Profitwünsche einer Handvoll Spekulanten, die sich um jeden Preis bereichern wollen, in die Hungersnot gestürzt, auch wenn dies den Hungertod für tausende dieser Menschen bedeutet. Und heute gibt es immer noch ungefähr 1 Milliarde Menschen, die in Gefahr sind, dass dieses System unfähig ist, sie vor dem Hunger zu schützen!

Nach 2008 wurden zahlreiche Gründe genannt, um die Nahrungsmittel-Krise zu erklären: Die allgemeine Klimaerwärmung, Missernten 2007 und 2008, der Gebrauch von Mais für Biosprit, ja sogar... die Entwicklung Chinas, wo ein Bruchteil der Bevölkerung begonnen hat, mehr Fleisch zu essen, was den Rest der Welt zum Hunger verurteilte! Wenn verschiedene dieser Gründe einen realen Einfluss auf die Grundnahrungsmittelpreise gehabt haben, so bedeutet das nur, dass die Experten die Rolle der Spekulation als Ursache der Krise herunterspielen wollen. Denn man kommt nicht umhin, festzustellen, dass die Ernten sich seit 2008 verbesserten, und dass das reale Angebot die Nachfrage weltweit wieder übersteigt... doch die Preise sind nur ganz minimal gesunken und bleiben deutlich über der vorhergehenden Periode. Dies bedeutet, dass die Schwierigkeiten sich überhaupt ernähren zu können, für die armen Bevölkerungen auch nach dem Preisanstieg von 2008 bestehen bleiben.

Die Märkte für Grundnahrungsmittel bleiben für die Finanzleute sehr attraktiv. Mit dem ihnen eigenen Zynismus wissen sie genau, dass die Agrarmärkte nicht unbegrenzt verfallen können: Die Ernährung ist von überlebenswichtiger Bedeutung für die Menschheit. In diesem Bereich zu spekulieren bedeutet klar, mit dem zu spekulieren, was von grundlegender Bedeutung für das Überleben der Bevölkerungen ist.

In einer Situation, wo die Finanzkapitalisten unaufhörlich auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten sind, bietet gerade dieser Markt verlockende Perspektiven. Jährlich werden 200 Millionen Tonnen Getreide auf dem Weltmarkt gehandelt, das sind 10 % der gesamten Weltproduktion. 150 Länder importieren Getreide, und diese zählen oft zu den ärmsten Ländern. Die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln betrifft also sehr bedeutende Handelsvolumina. Die zynische Reklame einer Fachzeitschrift gibt ein kleines Beispiel für das wachsende Interesse der Spekulanten, an den Grundstoffmärkten: Die online-Zeitung "L'Édito matières premières et devises" (Leitartikel Rohstoffe und Devisen) schrieb im letzten Herbst: "Zahlreiche Faktoren verursachen auf den Rohstoffmärkten der letzten Jahre einen Boom von bisher nicht bekanntem Ausmaß, und der auch keine Neigung zeigt, sich abzuschwächen. Bei uns, ,Édito des matières premières' ist das Ziel simpel: Wir wollen ihnen zeigen, wie man hier wirklich profitieren kann.....Gold, Öl, Getreide, Mais, usw. bieten zahlreiche Möglichkeiten, und diese Märkte werden von uns unter die Lupe genommen, damit Sie alle notwendigen Informationen bekommen, um hier außergewöhnliche Gewinne zu machen." Dieser kleine Text präzisiert nicht, was in diesem Milieu jeder weiß, dass diese "außergewöhnlichen Gewinne" direkte Konsequenzen haben: nämlich den Tod tausender von Hungernden.

Seitdem sind die Rohstoffmärkte zum Lieblingsterrain der internationalen Spekulanten geworden. "Gold, Dollar, Öl, Getreide, Mais...", es ist klar, es sind nicht diese Rohstoffe an sich, die das Interesse der Spekulanten wecken, sondern die Profite, die dieser oder jener von ihnen zu realisieren gestattet. Dies kann sowohl die Gesamtheit der weltweit an den Börsen notierten Grundnahrungsmittel oder Rohstoffe betreffen, und ebenso auch die industriellen Rohstoffe Kupfer, Zink, Öl oder auch Gold. Letzteres ist gerade dabei eine spektakuläre Hausse zu erleben: 300 % in 10 Jahren. Mitte Dezember 2010 erreichte der Preis des gelben Metalls das historische Hoch. Die französische Wirtschaftszeitung "La Tribune" schrieb schon ganz lyrisch, dass der Preis der Unze Gold, von nun an "über völlig unbekannte Grenzen vorstößt".

Was die Grundnahrungsmittel betrifft, so kalkuliert ein Bericht der Uno-Behörde UNCTAD, von 2009, dass die Spekulanten heute 65 % der den Mais betreffenden Verträge und 80 % derjenigen des Getreides halten. Gegenwärtig entsprechen nur 2 % der Transaktionen auf diesen Märkten einem realen Produktaustausch, während 98 % rein spekulative Transaktionen sind.

Die furchtbaren menschlichen Folgen der Finanzspekulation

Seit Juni 2010 hat die Rohstoffspekulation noch viel stärker zugenommen. Das Getreide hat sich um 60 bis 80 % verteuert, Mais um 40%, Reis um 45 %, Zucker um 30 %; Und dieser Preisanstieg hat sich seit dem Sommer 2010 fortgesetzt. Aber niemand kann es mehr wagen zu behaupten, dass der Mangel durch Missernten verursacht sei: Wenn die Waldbrände in Russland vielleicht auch zu Engpässen in Russland selbst führen können, so bleiben im Weltmaßstab die Aussichten auf gute Ernten bestehen, und die Vorräte auf der Welt sind ausreichernd um die Nachfrage zu befriedigen.

Die Kursanstiege beschränken sich nicht nur auf Getreide. Der Börsenkurs für Kaffee hat ein seit 1997 nicht gesehenes Hoch erreicht, trotzdem es außerordentlich gute Ernten in Brasilien gab. Doch die Preise bleiben unvermindert hoch. Die Baumwollpreise befinden sich zurzeit auf dem höchsten Niveau seit 15 Jahren, und bei Mais ist der Preis seit Oktober 2010 um 15 % gestiegen.

Der symbolträchtigste spekulative Kursanstieg bei den Rohstoffen betrifft wohl den Kakao. Im Juli 2010 hat die Armajaro-Geschäftsgruppe für über 1 Milliarde Dollar, mehr als 240.000 Tonnen Kakao aufgekauft, was ungefähr 7 % der Weltproduktion entspricht. Diese Operation zielt darauf, durch Spekulation den Kakaopreis zu erhöhen und entsprechende Profite zu kassieren. Der Gründer dieser Gruppe hatte schon einmal - 2002 - über 200.000 Tonnen Kakao aufgekauft, um den Kurs steigen zu lassen. Damals stieg der Preis für Kakaobohnen von 1.400 Dollar auf 1.600 Dollar pro Tonne. Heute hat der Preis schon die 3.000 Dollar Marke überschritten.

Offensichtlich nützen diese Kursanstiege den afrikanischen Kakao-Produzenten in keiner Weise. Wie immer auch die Kursschwankungen auf den Weltmärkten aussehen mögen, die afrikanischen Produzenten kennen keine Verbesserung ihres Schicksals, denn ihre Ernten sind schon im Voraus bezahlt, als der Kurs noch niedrig war. Dagegen müssen sie sich mit immer schwierigeren Bedingungen auseinandersetzen. In der Elfenbeinküste zum Beispiel. hat die jahrzehntelange Überausbeutung des Bodens, die Entwaldung und der Mangel an technischen Möglichkeiten, um von den schlimmen politischen Umständen sogar schon vor der Wahl, gar nicht zu reden, zu einer Verminderung der Kakaoproduktion geführt, die diese Produzenten in immer tieferes Elend reißt.

Die seit Juni 2010 eingetretene Rohstoffverteuerung hat dramatische Konsequenzen: Für die Rohstoff exportierenden Länder hat sie ein ständiges auf und ab der Märkte und entsprechend unvorhersehbare Schwankungen ihrer Ressourcen zur Folge, was zusätzliche Schwierigkeiten bei der Haushaltsplanung und vorgesehenen Ausgaben verursacht.

Aber was z.B. das Getreide betrifft, so gibt es nur 5 große Exportländer. Dabei stehen die USA an erster Stelle. Dagegen hat die Zahl der Importländer in den letzten 50 Jahren enorm zugenommen. Und dabei handelt es sich sehr oft um ganz arme Länder, für die schon die geringste Preisschwankung eine Katastrophe darstellen kann. Sie sind unter dem Druck der kapitalistischen Länder in wachsendem Grade abhängig von Nahrungsmittelimporten. Die technische Unterentwicklung der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion wird deutlich, wenn nur 28 Millionen Produzenten über Traktoren verfügen, und nur die Hälfte der 2 Milliarden Produzenten verfügt über ein Zugtier. Die vielen Ländern durch die Kolonisation aufgezwungene Monokultur trägt zu dieser Nahrungsmittelabhängigkeit bei.

Die Geschichte des Kapitalismus hat überall darin bestanden, die eigenständige Ernährung, die Subsistenzwirtschaft, in der Welt zu zerstören, um sie durch den Markt zu ersetzen. Die Entwicklung des Kapitalismus in Westeuropa bestand darin, die Bauern in den Geldkreislauf, die Warenwirtschaft, zu integrieren. Dabei gab es sehr gewaltsame Perioden, zum Beispiel die berüchtigten "enclosures" (Einzäunungen) in Großbritannien, die mehrere Jahrhunderte andauerten. Im Rest der Welt haben oft die Kolonisatoren die gleiche Rolle gespielt: Sie haben den Bauern die Auferlegung hoher Natural- oder Geldsteuern und die Fronarbeit aufgezwungen, um sie dazu zu zwingen, für den Export zu produzieren, und schließlich den zwangsweisen Verkauf ihres Landes, und sich selbst als Ware Arbeitskraft zu verkaufen. So haben die Briten China den Handel mit Opium mit Kanonenbooten erzwungen, das sie in Indien produzieren ließen. Überall haben die Kolonialmächte die kleine, sich selbstversorgende Landwirtschaft vernichtet, um die notwendigen Arbeitskräfte für ihre Plantagen zu erhalten.

Die Kolonialisierung hat auch bedeutsame Änderungen in der Ernährungsweise hinterlassen, die erneut die Abhängigkeit der Kolonien vom Weltmarkt verstärkten. Z.B. war der Reis in Afrika jahrhundertelang unbekannt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde er zu einem der Grundnahrungsmittel, da in den 30'er Jahren Frankreich Absatzmärkte für seinen indochinesischen Reis suchte, während die Weltwirtschaft sich kontrahierte. So wurden die afrikanischen Kolonien zu einer weiteren Form ökonomischer Abhängigkeit gezwungen.

Die afrikanischen Länder importieren heute 85 % ihrer Nahrungsmittel, und reagieren daher ganz besonders empfindlich auf Preisanstiege der Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt. Im November 2010 befürchtete die FAO, dass die Kurssteigerungen der Grundnahrungsmittel für die verarmten Importländer eine Erhöhung ihrer Lebensmittelrechnung von 11 % bedeutet. Die Gesamtheit dieser Rechnung auf dem Weltmarkt überschritt die Höhe von 1.000 Milliarden Dollar: Ein absoluter Rekord, der noch nie - nicht einmal 2008 - erreicht worden war.

Die importierenden Länder leiden besonders stark unter den Peitschenschlägen der Monopolisierung des internationalen Handels durch wenige, aber große Firmen: Cargill oder Louis Dreyfuss kontrollieren den übergroßen Teil des Getreidehandels dieser Welt und diktieren den armen Ländern ihren Willen und ihre Preise.

Mozambik, das nach 2 Jahrzehnten Bürgerkrieg fast sein gesamtes Getreide aus Südafrika bezieht erhöhte den Brotpreis auf einen Schlag um 25 %. Dem waren Preiserhöhungen von Elektrizität und Brennstoffen vorausgegangen. Diese Preiserhöhungen waren unmöglich von einer Bevölkerung zu ertragen, die zu 90 % von weniger als zwei Euro pro Tag lebt; Die Bevölkerung demonstrierte auf den Straßen gegen diese Preiserhöhungen, die sie in die Hungersnot trieben. Die Regierung antwortete auf die Hungerunruhen mit Gewalt und Repression, die Armee schoss und... offiziell gab es gab es 13 Tote und 400 Verletzte.

Im Januar 2011 war Algerien an der Reihe. Andere Länder werden zwangsläufig folgen, so unerträglich sind die Lebensumstände für die Masse der Armen in diesen Ländern.

Ein System zum Zerstören verurteilt

Das kapitalistische System liefert tagtäglich den Beweis, seiner Unfähigkeit, der Wirtschaftskrise zu entkommen. Die Geldsummen, die in den Finanzkreisläufen zirkulieren, und nur der Spekulation dienen, lassen selbst die Lobredner des Systems panisch erschrecken.

Doch mit der Spekulation auf dem Nahrungsmittelsektor erbringt das kapitalistische System auch den Beweis, seiner Unfähigkeit, die Bevölkerung überhaupt am Leben zu erhalten, denn in dieser kapitalistischen Welt wird nicht für die Bedürfnisse der Menschheit produziert. Und in den kommenden Monaten besteht das Risiko, dass die Situation der Bevölkerungen in den armen Ländern sich noch verschlimmert. Vermittels der Spekulation und der daraus folgenden Preissteigerung der Grundnahrungsmittel, ermorden die Kapitalisten kaltblütig Millionen von Menschen.

Die ganze Welt krepiert am kapitalistischen System: Dieses entwickelt sein Schmarotzertum und erstickt damit die gesamte Wirtschaft. Aber keine einzige Regierung, denn alle sind sie den Spekulanten ergeben, keine Institution, kein Ökonom kann oder will dieser verrückten Situation ein Ende bereiten. Alle sind jener Handvoll Großaktionäre und ihrem Willen unterworfen, jenen großen Kapitalgruppen, die ihren Wahnsinnskurs für immer größere Profite weiter verfolgen, auch wenn ihr Weg mit Leichen bedeckt ist.

11. Januar 2011