Wer ist schuld an der Arbeitslosigkeit: die Roboter oder der Kapitalismus? (aus Lutte de Classe - Klassenkampf - von April 2017)

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April 2017

Benoît Hamon, der Präsidentschaftskandidat der französichen sozialdemokratischen Partei hat in seinem Wahlkampf die Einführung eines Grundeinkommens vorgeschlagen und dies mit der "unvermeidbarem Verknappung der Arbeit" begründet. Er berief sich auf die wachsende Rolle der Digitalisierung und der Roboter, die seines Erachtens zur Zerstörung "hunderttausender Arbeitsstellen in den westlichen Wirtschaften" führen würde. Er hat ebenfalls vorgeschlagen, eine Robotersteuer einzuführen. Die Europaabgeordneten haben ihrerseits im vergangenen Januar darüber diskutiert, ob "die Unternehmen dazu verpflichtet werden sollten offenzulegen, wie viel Robotertechnik sie einsetzen und welchen Anteil diese an dem finanziellen Ergebnis des Unternehmens habe, damit man dies als Besteuerungsgrundlage und zur Berechnung von Sozialabgaben nutzen" könne. (Les Echos vom 13. Januar 2017). Die Idee, dass Maschinen und Roboter die menschliche Arbeit ersetzen und man irgendwann vor dem unvermeidlichen Ende der Arbeit steht, ist wieder in Mode. Handelt es sich dabei um eine Realität oder bloß um Gedankenspielereien von Pseudo-Experten, ist es eine gute Nachricht für die Menschheit oder die Ankündigung einer Katastrophe? Alle Diskussionen über diese Frage sind sinnlos, wenn man das Wesentliche dabei nicht berücksichtigt: Dass alle Produktionsmittel zwar gesellschaftlich, kollektiv und im Rahmen einer weiten internationalen Arbeitsteilung eingesetzt werden, aber das Privateigentum einer sehr kleinen Minderheit an Kapitalisten verbleiben.

Um ihre Vorschläge zu rechtfertigen, stützten sich Hamon und die Europaabgeordneten auf verschiedene Studien wie die von France Stratégie, einer Denkfabrik der französischen Regierung, nach der 3,4 Millionen Arbeitsplätze in Frankreich in den zehn nächsten Jahren bedroht seien. Im Jahre 2013 behaupteten zwei Forscher der Universität Oxford, Carl Benedict Frey und Michael Osborne, dass 47 % der amerikanischen Arbeitsplätze "in großer Gefahr sind". Sie seien "an einem nicht genau bestimmbaren Datum, aber wahrscheinlich in ein oder zwei Jahrzehnten potentiell automatisierbar". Sie stützten sich auf die angekündigten Fortschritte der Robotertechnik und der automatischen Lernprozesse, die es den Maschinen erlauben würden, Aufgaben zu erledigen, die bislang dem menschlichen Gehirn vorbehalten bleiben, weil sie weniger Routinecharakter haben. Die Robotertechnik würde sich sogar auf die Arbeitsplätze in der Pflege, auf die Arbeit zum Beispiel in Altersheimen ausdehnen. Die älteren Menschen werden Robotern anvertraut!

Bernard Stiegler, Philosoph, Mitglied des "Forschungsinstituts für Innovation" und verschiedener anderer Diskussionszirkel vertritt dieselben Thesen. Er hat das Buch L'emploi est mort, vive le travail ! (Das Arbeitsverhältnis ist tot, es lebe die Arbeit!) veröffentlicht, in dem er schreibt: "Durch die vollständige und verallgemeinerte Automatisierung, [...] werden lohnabhängig Beschäftigte zu Überresten eines vergangenen Zeitalters. Er wird sicherlich noch Arbeitsplätze geben, weil man in bestimmten Bereichen weiterhin menschliche proletarisierte Arbeitskräfte benötigen wird, aber sie werden die Ausnahme sein." Stiegler zieht daraus den Schluss, dass alle Lohnabhängigen Zeitarbeiter werden, dass man die Beschäftigung vom Einkommen trennen und ein "Unterstützungsgeld" oder ein "Beitragseinkommen" zahlen und die Aktivitäten entlohnen sollte, die der Gemeinschaft nutzen, aber die heute nicht oder kaum entlohnt werden.

Aus der Luft gegriffene Studien und parteiische Schlussfolgerungen

Diese so genannten "zukunftsorientierten" Analysen sind umstritten. So sagt zum Beispiel ein im Jahre 2016 veröffentlichter Bericht der OECD [1]: "Nur bei 9% der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie automatisiert werden, und nicht bei 47%, wie es Frey und Osborne angeben". Jean Gadret, Akademiker und Mitarbeiter der Zeitschrift Alternatives Économiques stellt fest, dass "die Arbeit, die in einem Bereich durch die Maschinen verschwindet, durch neue Aktivitäten mehr als kompensiert werden kann". Nicht ohne Ironie erinnert er daran, dass solche Prognosen, die "das Ende der Arbeit" ankündigten, nicht neu sind. Sie sind immer zahlreicher geworden, je mehr Arbeiter die kapitalistische Wirtschaft in die Massenarbeitslosigkeit gestoßen hat.

Im Jahre 1978 hatten die damaligen Finanzinspektoren Alain Minc und Simon Nora einen aufsehenerregenden Bericht über die Digitalisierung der Gesellschaft veröffentlicht, in dem sie "wegen der enormen Produktivitätssteigerung einen Rückgang der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor um 30%" vorhersagten, insbesondere im Bankwesen, der Versicherungsbranche, bei der Sozialversicherung, der Post und der Büroarbeit und speziell bei den Sekretärinnen und Sekretären. Zwar vernichtete die Automatisierung dieser Bereiche tatsächlich viele Arbeitsplätze, doch sie schuf gleichzeitig neue. Heute siedeln sich 70% aller Arbeitsplätze in Frankreich im Dienstleistungssektor an. Trotz des ständigen Stellenabbaus ist die Zahl der Arbeitsplätze im Bank- und Versicherungswesen also seit den 2000ern gestiegen.

Im Jahre 1995 kündigte auch der amerikanische "Prospektivist" (!) Jeremy Rifkin mit viel Pomp "das Ende der Arbeit" an. Das war die Zeit, in der Wirtschaftsexperten verkündeten, die "New Economy" auf dem Gebiet der Informatik und des Internets würde dem Kapitalismus eine neue Expansionsphase bieten, da sie die Produktivität der gesamten Industrie revolutionierte. Aber krach bums, im Jahre 2001 platzte die um diese digitalisierte Wirtschaft entstandene Spekulationsblase. Die "New Economy" entging genauso wenig wie die alte den Widersprüchen des Kapitalismus. Rifkin, der sich von nichts entmutigen lässt, verspricht heute den Staatsoberhäuptern und großen Unternehmern der Welt eine "Revolution", die sich stützen würde auf die Informatik und auf die erneuerbaren Energien, die über das Internet gemeinsam genutzt werden könnten. Er nennt das die "dritte industrielle Revolution". Für Rifkin werden in der Zukunft alle Gebrauchsgegenstände auf Wunsch (an Ort und Stelle) durch 3D-Drucker hergestellt, bevor sie ausgetauscht oder repariert werden. Auch er sagt das Verschwinden der Lohnarbeit voraus.

Ganz abgesehen von dem mehr oder weniger frei erfundenen Charakter ihrer Schlussfolgerungen, verbergen diese angeblichen Experten das Wesentliche. Die wesentliche Ursache des Arbeitsplatzabbaus ist nicht die Automatisierung, sondern die Verschärfung der Ausbeutung in dieser kapitalistischen Wirtschaft, die die Grenzen ihrer Entwicklung erreicht hat und in der Krise steckt.

Kapitalismus und Maschinen

Die Einführung von Maschinen - die Roboter sind perfektionierte Maschinen -, die es erlauben, schneller und in größerem Maßstab zu produzieren, um die Produktionszeit jeder Ware, also letzten Endes ihren Preis zu senken, ist so alt wie der Kapitalismus. Sie wohnt ihm sogar inne. Der Maschinenbetrieb ruinierte die Handwerker und führte schon sehr früh zu Aufständen wie den der Ludditen in Großbritannien im Jahre 1812. In allen Arbeitszweigen, in denen der Maschinenbetrieb eingeführt wurde, zerstörte er Arbeitsplätze. Gleichzeitig dehnte sich der Kapitalismus in der Fläche und der Tiefe aus. Um die immer höheren Investitionskosten auszugleichen und rentabel zu sein, zwingt die Einführung neuer Maschinen dazu, mehr und in größerem Maßstab zu produzieren und den Marktanteil seiner Konkurrenten an sich zu reißen. Die Ausweitung des Maschinensystems brachte neue Branchen in der Wirtschaft hervor, steigerte den Bedarf an Rohstoffen und Zwischenprodukten und unterwarf weitere Sektoren der Wirtschaft dem kapitalistischen Markt. Mit ihrer Ausdehnung auf neue Wirtschafsbereiche und neue geografische Gebiete verwandelte die kapitalistische Produktion neue Kontingente von Bauern oder Handwerkern in Proletarier. Die Gesamtzahl der lohnabhängig Beschäftigten wuchs im selben Maße wie die Produktivkräfte.

Diese Veränderungen waren immer mit Schmerzen und Leiden für die Arbeitenden verbunden. Die Einführung der Maschinen hatte nie zum Ziel, die Beschwerlichkeit der Arbeit zu verringern, sondern den Profit der Kapitalisten zu erhöhen. Nur selten finden die Arbeiter, die in einem überflüssig gewordenen Sektor entlassen werden, Arbeit in den neuen Industrien. Wie es Marx im dem Kapitel schrieb, das dem relativen Mehrwert gewidmet ist: "Die von der Maschinerie verdrängten Arbeiter werden aus der Werkstatt hinaus auf den Arbeitsmarkt geworfen und vermehren dort die Zahl der schon für kapitalistische Ausbeutung disponiblen Arbeitskräfte." Er fügte hinzu: "Sobald die Maschinerie einen Teil der bisher in einem bestimmten Industriezweig beschäftigten Arbeiter freisetzt, wird auch die Ersatzmannschaft neu verteilt und in andern Arbeitszweigen absorbiert, während die ursprünglichen Opfer in der Übergangszeit großenteils verkommen und verkümmern." [2]

Und die Arbeiter, die eingestellt werden, um die neuen Produktionsmittel zu betreiben, werden noch mehr ausgebeutet. Die menschliche Arbeit ist nämlich die einzige, die zusätzlichen Reichtum schafft. Die Kapitalisten versuchen also mit allen Mittel, die Arbeit zu intensivieren, den Arbeitstag zu verlängern, die Löhne zu senken. Sie wollen die kostspieligen Maschinen zu amortisieren, bevor sie veraltet sind und versuchen sie daher so lang und so viel wie möglich laufen zu lassen. "So erweitert die Maschinerie von vornherein mit dem menschlichen Exploitationsmaterial, dem eigensten Ausbeutungsfeld des Kapitals, zugleich den Exploitationsgrad.", wie es Marx im Kapital schrieb.

Trotzdem bewirkt nicht die Maschine an sich das Unglück der Arbeiter, sondern die Tatsache, dass sie sich in den Händen der Kapitalisten befindet. Schon Marx stellte fest: "Es ist eine unzweifelhafte Tatsache, dass die Maschinerie an sich nicht für die Freisetzung der Arbeiter von Lebensmitteln verantwortlich ist. Sie perfektioniert und vermehrt das Produkt in dem Zweig, den sie ergreift, und lässt die in andren Industriezweigen produzierten Warenmasse zunächst unverändert. Nach wie vor ihrer Einführung besitzt die Gesellschaft also gleich viel oder mehr Lebensmittel für die deplatzierten Arbeiter, ganz abgesehen von dem enormen Teil des jährlichen Produkts, der von Nichtarbeitern vergeudet wird." Die Maschinen werden weder dazu eingesetzt, um die harten und sich wiederholenden Arbeiten abzuschaffen, noch um die Zeit zu verringern, die die Arbeitenden brauchen, um die für die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft notwendigen Produkte herzustellen. Sie dienen einzig dazu, den Profit der Kapitalisten zu erhöhen.

Massenarbeitslosigkeit, Stagnation und Verschärfung der Ausbeutung

Seit der Kapitalismus seinen Einfluss auf alle Wirtschaftsbereiche und alle Länder ausgedehnt hat, seit die Konzentration des Kapitals ein nie erreichtes Niveau erreicht hat und sich mächtige Monopole gebildet haben, die durch das aufgeblähte Finanzwesen beherrscht werden, verschlimmerten sich diese Tendenzen und Widersprüche noch.

Der Anstieg der Arbeitsproduktivität hat sich verlangsamt. Zu diesem konjunkturellen Rückgang gesellt sich ein zweiter, grundlegenderer Widerspruch: die Grenzen des Marktes. Der Produktionsapparat kann mehr Waren herstellen, als Kaufkraft hierfür vorhanden ist. Dies rührt nicht daher, dass Roboter alles produzieren würden, die selber keine Kaufkraft haben. Es rührt daher, dass die Kaufkraft der Arbeitenden stagniert oder sogar zurückgeht, während die Kapitalisten selber ihre Investitionen in die Produktion beträchtlich verringern und ihr Kapital in das Finanzwesen stecken. Die kapitalistische Klasse erwirtschaftet mehr denn je ihre Profite dadurch, dass sie die Ausbeutung der Arbeiterklasse verschärft.

Das Beispiel der Automobilindustrie ist vielsagend. Um ein Auto herzustellen, bedarf es heute viermal weniger Arbeiter als Anfang der achtziger Jahre. Natürlich sind diese Produktivitätsgewinne zum Teil die Folge technischer Innovationen, der Automatisierung und Mechanisierung bestimmter Produktionsabläufe. Aber die, die nur die Roboter sehen, verschweigen aus Unwissenheit oder Klassenstandpunkt die Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiter. Die Produktivitätsgewinne wurden erzielt durch die Einführung der "Just-in-Time-Produktion", durch das "Lean manufacturing", durch ergonomische Berechnungen an allen Arbeitsplätzen, deren Ziel es ist, bei jedem Handgriff wertvolle Sekunden zu gewinnen, durch die Verringerung der Pausen, die Verlängerung der Arbeitszeit und die Senkung der Löhne. Dazu kommen noch die Auslagerungen und der massenhafte Einsatz von Subunternehmen, die eine weitere Steigerung der Profitrate möglich gemacht haben. Wenn also hochentwickelte Roboter in bestimmten Abschnitten des Produktionsablaufs eingesetzt, wie viele besonders schwierige Posten werden auf der anderen Seite mit unterbezahlten Leiharbeitern besetzt oder an Subfirmen vergeben? Der Kapitalismus war immer eine Mischung aus außergewöhnlichen technologischen Glanzleistungen und ärgster Ausbeutung des Menschen.

Während der Kapitalismus einerseits die Produktionsmittel der Menschheit unglaublich steigerte, schloss er gleichzeitig hunderte Millionen Menschen aus der gemeinschaftlichen, organisierten Produktion aus: all die Arbeitenden, die überall auf der Welt in die Arbeitslosigkeit geworfen werden und ebenso die weiteren Millionen, die nur von Gelegenheitsjobs leben oder indem sie die Reste verkaufen oder verarbeiten, die auf dem Müll gelandet sind. Man denke nur an das Drama, das sich neulich in Addis Abeba (Äthiopien) ereignet hat, wo 65 Menschen beim Einsturz einer riesigen öffentlichen Müllhalde starben - einer Müllhalde, auf der sie Tag und Nacht gelebt hatten, um weiterverkäufliche Reste zu sammeln. Von Lateinamerika über Afrika bis Asien überleben Millionen Menschen nur dank der "Abfallverwertung" auf Müllhalden oder dem Zerlegen und der Entsorgung von Schiffen voller Asbest oder von Elektrogeräten voller Giftstoffe, oder dank anderer solcher Jobs der "informellen Wirtschaft".

Dass Teile der Menschheit aus der produktiven Sphäre oder zumindest aus dem am meisten entwickelten und industrialisierten Teil dieser Sphäre ausgestoßen werden, ist nicht die Folge der Mechanisierung, sondern der ungleichen und widersprüchlichen Entwicklung des Kapitalismus. Dieses Phänomen ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Die Verschärfung der Massenarbeitslosigkeit in den Industrieländern drängt neue Kontingente an Arbeitern in die informelle Wirtschaft. Wer einen Arbeitsplatz hat, wird immer stärker ausgebeutet und verbraucht, während Millionen sich durchschlagen müssen, um ohne einen festen Job zu überleben. Diejenigen, die das Ende der Arbeit oder das Ende der Lohnarbeit als Folge der Mechanisierung voraussagen, theorisieren nur den Zustand, den wir hier beschreiben und rechtfertigen ihn damit schließlich auch.

Patrick Braouezec, ein ehemaliger Funktionär der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), der sich Macron angeschlossen hat, hat im Gemeindeverband Plaine commune, dessen Vorsitzender er in Seine-Saint-Denis ist, das "Beitragseinkommen" von Bernard Stiegler eingeführt und dies in den Medien bekannt gemacht. Worum handelt es sich da? "Von den 30.000 Trainern, die ständig mit den Jugendlichen in den Amateurvereinen arbeiten, bekommen nur 3.000 einen Lohn gezahlt. Aber diese Trainer leisten eine gemeinnützige Arbeit. [...] Es gibt auch andere informelle Aktivitäten, die eine Anerkennung verdienen. Ich denke an die Straßenköche und Straßenmechaniker, die nicht mit den kommerziellen Restaurants oder Werkstätten in Konkurrenz stehen", erklärte Braouezec der Tageszeitung Libération. Was für ein Geistesblitz! Laut Braouezec besteht die Alternative zur Massenarbeitslosigkeit darin, tausenden Menschen ein kleines Einkommen zu gewähren, die die fehlenden finanziellen Mittel der Sportvereine durch ihre Hingabe ersetzen oder die zu überleben versuchen, indem sie Autos auf der Straßen auf den Straßen reparieren. Und wie kann man ein solches Einkommen finanzieren? "Das ist noch zu klären [...] aber wir haben eine Partnerschaft mit den Firmen Orange und Dassault Systèmes", fährt Braouezec fort. Wenn Braouezec zweifellos auch nie vorhatte, den Kapitalismus zu bekämpfen, so endet er nun damit, bei Dassault um einige Brosamen zu betteln, um sein Beitragseinkommen zu finanzieren.

Das Beitragseinkommen von Braouezec und das Grundeinkommen von Hamon sind gleicher Natur. In beiden Fällen geht es darum, ein bisschen Geld (am besten aus den Sozialversicherungen oder anderen auf dem sogenannten Solidarprinzip basierenden Budgets) dafür zu verwenden, um all jenen, die definitiv vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, ein Almosen zu beschaffen. Die Kapitalisten können sich einem solchen Grundeinkommen - das ihnen erlaubt, Arbeitende nach ihren Bedürfnissen einzustellen und ihnen dafür nur ein minimales Gehalt als Ergänzung des Grundeinkommens zu bezahlen - problemlos anpassen.

Eine notwendige soziale Revolution

Marx konstatiert schon im Kapital: "Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten". Die Massenarbeitslosigkeit ist ebenso alt wie der Kapitalismus.

Für Marx und Engels besteht der grundlegende Widerspruch der kapitalistischen Wirtschaft darin, dass die Produktion eine gesellschaftliche Handlung geworden ist, die Millionen Produzenten über die Landesgrenzen hinweg in Beziehung setzt, während das Eigentum an den Produktionsmittel wie auch an den so produzierten Waren privat geblieben ist. Sie stellten fest, dass "die unglaubliche Entwicklung der produktiven Kräfte, der Überschuss des Angebotes über die Nachfrage Überproduktion, Marktüberschwemmung, Krisen [...] bewirkt: hier Überschuss von Produktionsmitteln und von Produkten; dort Überschuss Arbeiter ohne Arbeit und ohne Existenzmittel." [3]

Für die Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus bestand die einzige Möglichkeit, diesen Widerspruch zu lösen darin, die Produktionsmittel in Gemeinschaftseigentum zu verwandeln. Dafür ist eine politische und soziale Revolution nötig, während der "das Proletariat die öffentliche Gewalt ergreift und vermöge dieser Gewalt, die den Händen der Bourgeoisie entgleitenden gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum verwandelt." Die proletarische Revolution werde dann "eine gesellschaftliche Produktion nach vorherbestimmtem Plan möglich" machen. "[...] In dem Maß, wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein. Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst - frei." [4]

Die von Engels erwähnte Freiheit ist die Freiheit, weder einer entfremdeten oder ungewollten Arbeit unterworfen zu sein, weder der Arbeitslosigkeit oder dem erzwungenen Müßiggang, noch dem Hunger oder der Armut. "Nach einem im Voraus festgelegten Plan gesellschaftlich" produzieren ist die einzige Art, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, ohne die Menschen und die Natur zu zerstören, ohne die Rohstoffe aufzubrauchen zu erschöpfen - indem man hierfür das Beste der Technik, einschließlich der Roboter nutzt. Es bedeutet, jedem Menschen zu ermöglichen, seinen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft zu leisten, indem man die für diese Aufgaben notwendige Zeit auf ein Mindestmaß reduziert. Es bedeutet, dass man der ganzen Menschheit ermöglichen, gemeinschaftlich zu entscheiden, welche Aufgaben sie Maschinen oder Robotern anvertrauen will oder kann, und welche Aufgaben weiterhin Menschen übernehmen müssen, zum Beispiel bei der Pflege der verletzlichsten Menschen. Entgegen den Vorurteilen des grünen Milieus oder der sogenannten Wachstumsgegner, die sich der Mechanisierung widersetzen, weil sie Technologie grundsätzlich ablehnen, waren die Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus keine Befürworter eines unbegrenzten Wachstums um jeden Preis.

Die Zukunft besteht darin, die gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit unter allen aufzuteilen, sie auf ein Mindestmaß zu reduzieren und es jedem Menschen - egal wie alt er ist und welche Fähigkeiten er hat - zu ermöglichen, seinen Platz in diesem Arbeitsprozess zu finden. Wie es Marx im Kapital ausgedrückte: "Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn." [5]

Diese Aufteilung der Arbeit, die für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist, unterscheidet sich von der Anarchie und dem Gesetz des Dschungels, die alle gesellschaftlichen Verhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft bestimmen. Aber für Marx ist man da noch weit weg vom "Reich der Freiheit". Er sagt an anderer Stelle: "Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung."

Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, der Automatisierung und der Mechanisierung vieler Aufgaben, die entweder mühsam sind oder einfach (wie bestimmte heikle chirurgische Operationen) besser von Robotern durchgeführt werden können, ermöglicht schon heute die Verkürzung der Arbeitszeit. Aber nichts von alledem kann verwirklicht werden, ohne dem Großbürgertum die Kontrolle über die Gesamtheit der Produktionsmittel zu entreißen.

28. März 2017

 

Fußnoten

[1] Herr Arntz, T. Gregory, U. Zierahn, Die Risiken der Automatisierung für die Beschäftigung in den OECD-Länder, OECD, 2016.

[2] Karl Marx, Das Kapital, Band I (1867), 4. Sektion, Kapitel 13.

[3] Friedrich Engels, Utopischer Sozialismus und wissenschaftlicher Sozialismus, 1880.

[4] Idem.

[5] Karl Marx, Das Kapital, Band III, 1894.