Kapitalismus: Ein Wirtschaftssystem im Todeskampf - eine Gesellschaftsordnung, die gestürzt werden muss

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Februar 2019

Vortrag des Leo-Trotzki-Zirkels (Paris) vom 22. Februar 2019

Zehn Jahre sind seit der Finanzkrise von 2007-2009 vergangen, die die große Rezession auslöste und bis jetzt hat sich die kapitalistische Wirtschaft noch nicht erholt. Die Ökonomen freuen sich zwar über den „längsten Wachstumszyklus der USA“ seit den 50er Jahren, sie betonen jedoch gleichzeitig die Schwäche dieses Wachstums. Der Produktionsindex hat nicht wieder das Niveau von 2007 erreicht. Die New Yorker Börse feierte im Sommer „den längsten Zyklus ohne Crash“, bevor im Herbst ein schwerer Abschwung erfolgte. Und alle Beobachter erwarten schicksalsergeben den nächsten Crash.

Auf unserer Seite des Atlantiks war das Wachstum noch viel schwächer. Im Januar schrieb die Wirtschaftszeitung Les Echos: „Die wirtschaftliche Aktivität ist auf ihr niedrigstes Niveau seit 2013 gefallen“. In den 2000er Jahren wurden noch die so genannten sich entwickelnden Länder China, Brasilien und Indien als Wachstumsmotoren der Weltwirtshaft präsentiert, heute aber sorgt sich des IWF (Internationaler währungsfond) wegen ihrer wirtschaftlichen Lage.

Die bürgerlichen Ökonomen und die Pressesprecher der Statistikämter teilen den gleichen Pessimismus bezüglich der wirtschaftlichen Weltlage. Instabilität, das Auf und Ab, die übergroßen Staatschulden, das lahmende Wachstum der Produktivität, die Schwäche der Investitionen in die Produktion, die Abnutzung und Schwäche der Infrastruktur: Um nur einige ihrer immer wiederkehrenden Formulierungen zu nennen. Sie haben sogar den Begriff „säkulare Stagnation“ erfunden, um der derzeitigen Lage einen Namen zu geben.

Die Arbeiter brauchen keine Statistiken, um am eigenen Leib und in ihrem täglichen Leben die Auswirkungen dieser Stagnation zu spüren. In Frankreich fasst eine einzige Zahl alles zusammen: Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts ist die Zahl sämtlicher beim Arbeitsamt erfasster Kategorien Arbeitsloser von 3,7 auf 6,2 Millionen gestiegen. Und in den Ländern, in denen die offizielle Arbeitslosenzahl niedrig ist (wie in den USA), sind Millionen Arbeitslose aus den Statistiken gestrichen: Zu kaputt oder zu sehr ausgegrenzt, haben sie aufgehört, nach einer richtigen Arbeit zu suchen. Millionen von Arbeitern arbeiten als Zeitarbeiter oder in Teilzeit, während Millionen anderer mehrere Jobs gleichzeitig machen, weil die Löhne nicht ausreichen. In allen entwickelten Ländern ist das Lebensniveau der unteren Bevölkerungsschichten gesunken. Und was soll man zu den 800 Millionen Menschen der armen und der als „sich entwickelnd“ bezeichneten Länder sagen, die mit weniger als zwei Dollar pro Tag überleben müssen?

Ganz offensichtlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Verarmung der unteren Bevölkerungsschichten und den von Aktionären kassierten Rekordprofiten. Die Ausbeutung der einen führt zum Wachstum der Vermögen der anderen. Und so kommt es dazu, dass 26 Milliardäre so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit. In Frankreich haben die Aktionäre von den 40 größten Konzernen 57 Milliarden Euro eingesackt, d.h. 15% mehr als im Vorjahr. Die „Finanzindustrie“ ist ein Krebsgeschwür, das an der ganzen Gesellschaft nagt.

Dreißig Jahre nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und den Wahnvorstellungen des Francis Fukuyama, der das „Ende der Geschichte“ und den Triumpf des Liberalismus über den Kommunismus verkündete, wissen die glühendsten Anhänger des Kapitalismus nicht, wo ihr System hinführt. Sie selbst sind gezwungen seinen Niedergang mit seinen immer schwereren Zuckungen festzustellen.

Christine Lagarde, Direktorin des Weltwährungsfonds, machte sich im Dezember 2018 Sorgen, dass die „Ungleichheiten bis 2040 das Ausmaß der glorreichen Zeiten des Kapitalismus überschreiten werden, und zu einem Zeitalter der Revolten führen“.

Patrick Artus, Chefökonom der Geschäftsbank Natixis und Vorstandsmitglied der Ölgesellschaft Total, erklärte vor einem Jahr, die „Dynamik des heutigen Kapitalismus ist genau die, die Karl Marx vorhergesehen hat.“ Er stellte „eine sinkende Leistungsfähigkeit der Unternehmen" fest, d.h. eine sinkende mittlere Profitrate der Ökonomie. Er konstatierte, dass die Kapitalisten die Löhne „bis auf das Existenzminimum hinunterdrücken“, um trotz allem gleichbleibende Gewinne zu erzielen. Mit demselben Ziel stürzen sich die Reichsten unter ihnen in Spekulationsgeschäfte, die zu Finanzkrisen führen.

Worin besteht diese "Dynamik des Kapitalismus", die Marx beschrieb?

Warum ist dieses System mehr denn je „eine Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte“ geworden, so wie es Marx seit 1847 voraussah und wie es Trotzki 1938 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs im Übergangsprogramm feststellte?

Warum ermöglicht nur eine soziale Revolution diese Fessel des Privateigentums an Produktionsmitteln aus dem Weg zu räumen, und sie in wirklich rationeller und kollektiver Weise einzusetzen, um die Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu befriedigen?

 

Die Dynamik des Kapitalismus…… und seine Widersprüche

 

Die menschliche Arbeit als Quelle des Mehrwerts

Für die bürgerlichen Ökonomen wird die Gesundheit der Wirtschaft an der Rate des Produktionswachstums gemessen. Seit über 40 Jahren erzählen sie uns, dass der Wachstum von heute die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen seien. Und wir warten immer noch...

Der Gradmesser zur Messung des Wachstums, der am häufigsten verwendet wird, ist das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP. Dieses soll die jährliche Wertschöpfung eines Landes darstellen.

Selbst wenn man weiß, was tatsächlich produziert wird, ist dieser Indikator unzuverlässig: Er beinhaltet materielle Güter, Kunstwerke, Wohnungen, Infrastruktur und Dienstleistungen aller Art. Diese Dienstleistungen, die sich die Wirtschaftsakteure in Rechnung stellen, können einer tatsächlichen Arbeit entsprechen. Aber oft handelt es sich um eine einfache Übertragung von Eigentum auf dem Papier, um Produkte oder Dienstleistungen zwischen zwei Unternehmen, zwischen einer Tochtergesellschaft und ihrem Mutterkonzern - ohne dass der geringste Wert hinzugefügt wird. Und das BIP berücksichtigt auch keine Abschreibungen oder die Abnutzung von Anlagen oder der Infrastruktur.                                                                  

Auf einer anderen Ebene spiegelt das BIP die bürgerliche Vorstellung der Wirtschaft wider, in der sämtliche Produktionen gleich sind, weil sie nur ein Umweg sind, um Profit zu erzielen. Zum BIP zählen also genauso Güter, die nichts zur Gesellschaft beitragen, wie die Spielzeuge der Reichen, die Luxusindustrie, ihre Privatjets und vor allem alle Rüstungsgüter, aber auch Lebenswichtiges wie Wohnungen oder Medikamente. Das BIP ignoriert die Erschöpfung der Rohstoffe, die Verschmutzung und die Umwelt- oder Klimaverschlechterung. Er berücksichtigt nicht all die kostenlosen, sozial nützlichen Arbeiten, wie z.B. Arbeiten im häuslichen Bereich oder die Betreuung von Kindern oder älteren Verwandten.

Ökonomen haben einen zusätzlichen Gradmesser vorgeschlagen, den Human Development-Index, der neben dem BIP auch die Lebenserwartung und das Niveau des Zugangs zu Bildung für 15-Jährige berücksichtigt. Der Staat Bhutan hingegen nutzt das BNP oder Bruttonationalglück… Das regt einen etwas eher zum Träumen an als das BIP!

Aber im Grunde ist die Frage des Gradmessers zweitrangig.

Die treibende Kraft menschlicher Gesellschaften ist, dass die Menschen in der Lage sind, der Natur mehr Reichtum zu entnehmen, als sie sofort zum Leben und zur Fortpflanzung brauchen. Dies ist das soziale Mehrprodukt. Im Laufe der Zeit haben sie die Produktivkräfte entwickelt und perfektioniert, d.h. alles, was zur materiellen Produktion beiträgt: Produktionsmittel, mehr oder weniger qualifizierte Arbeitskräfte zu ihrer Nutzung und die Arbeitsorganisation. Ab einem gewissen Entwicklungsstand haben es diese Produktivkräfte ermöglicht, ein soziales Mehrprodukt zu schaffen, das ausreicht, um bestimmte Personen wie Künstler, Wissenschaftler oder ... Soldaten von produktiver Arbeit zu befreien und eine Arbeitsteilung zu ermöglichen.

Zur gleichen Zeit als dieses Mehrprodukt zunahm, begann ein Kampf innerhalb der Gesellschaft, um dieses zu verteilen. Es sind soziale Klassen entstanden, von denen einige diesen Überschuss produzieren, während andere ihn sich aneignen. Wie Marx und Engels im kommunistischen Manifest schrieben: "Bis heute ist die Geschichte jeder Gesellschaft nichts anderes als die Geschichte von Klassenkämpfen".

Im Laufe ihrer Geschichte erlebte die Menschheit viele Zivilisationen mit verschiedenen Formen sozialer Organisation. In den meisten Fällen war die Verteilung des sozialen Mehrprodukts einfach und transparent. In Sklavenhaltergesellschaften gehörte die gesamte Arbeit des Sklaven - wie der Sklave selbst - seinem Besitzer. Im Feudalismus arbeitete der Leibeigene mehrere Tage in der Woche kostenlos für den Herrn.

 

Das Geheimnis des Kapitals

Im Kapitalismus stellt der Mehrwert eine besondere Form der Plünderung des sozialen Mehrprodukts dar. Dieser Diebstahl verbirgt sich hinter dem sogenannten freien Vertrag zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Ein Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft auf dem Markt, weil er keine andere Möglichkeit zu leben hat. Der Kapitalist hingegen besitzt das Kapital. Er investiert in die Produktionsmittel: Maschinen, Rohstoffe, etc. Er kauft die Arbeitskraft des Arbeiters für einen Tag Arbeit im Austausch gegen Lohn. Autos, Waschmaschinen oder Smartphones, die vom Arbeiter produziert werden, gehören von Rechts wegen dem Kapitalisten, da er es ist, der das Kapital eingebracht hat. Mit seinem Lohn kann der Arbeiter seine Verpflegung, seine Miete, seine Fahrten, verschiedene Rechnungen usw. bezahlen. Der Vertrag erscheint fair. Es gibt keinen offensichtlichen Diebstahl.

Das Geheimnis des Kapitals ist, dass deutlich weniger als ein Tag Arbeit notwendig ist, um den Lebensunterhalt des Arbeiters zu produzieren. Um ein vereinfachendes Beispiel zu nehmen: Bei einem 8-Stundentag dienen nur die ersten vier Stunden dazu den Gegenwert, der mit dem Lohn eingekauften Waren zu produzieren. Die folgenden vier Stunden, die der Arbeiter seinem Unternehmer schuldet, sind Gratisarbeit. Das während dieser Zeit vom Arbeiter produzierte Mehrprodukt ist der Mehrwert.

Selbst wenn die Arbeiter akzeptable Löhne erhalten, produzieren sie diesen Mehrwert und werden demnach bestohlen. Der Lohn schwankt um das Existenzminimum. Er erlaubt es dem Arbeiter, seine Arbeitskraft wiederherzustellen. Er hängt vor allem vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern ab und der Existenz einer mehr oder weniger großen Reservearmee Arbeitsloser.

Die Angestellten des öffentlichen Dienstes, Lehrer, Krankenhaus- oder Pflege-Personal etc. produzieren keinen Mehrwert; sind nicht direkt produktiv. Sie sind aber nicht weniger unersetzlich für den Gesamtprozess der Produktion. Sie nehmen an der Ausbildung, dem Erhalt und der Wiederherstellung der Arbeitskraft teil. Sie werden selbst ausgebeutet und gehören zur großen Arbeiterklasse.

Was die Kapitalisten der Zeitarbeitsfirmen, der Banken, Versicherungen und vieler anderer betrifft, die keine industrielle Produktion betreiben, so zweigen sie ihren Anteil aus dem großen Topf des Gesamtmehrwerts ab. Wenn ein Spekulant beim Kauf und dann teureren Verkauf einer Ladung Öl einen Gewinn erzielt - selbst wenn der Öltanker noch gar nicht seine Reise beendet hat - so fügt er keinerlei Wert hinzu. Aber er kassiert seinen Anteil am Mehrwert, den die Arbeiter in den verschiedenen Etappen der Ölproduktion geleistet haben.

Der Mehrwert wird von der Arbeiterklasse kollektiv im Produktionsprozess erzeugt. Und die Kapitalisten liefern sich einen hartnäckigen Kampf, damit jeder von ihnen den größtmöglichen Teil davon für sich abzweigen kann. Welch ausgeklügeltes Spiel auch immer die Kapitalisten in den zwei Jahrhunderten der Funktion des Kapitalismus erfunden haben – und die Fantasie der Kapitalisten ist grenzenlos –, so hat die Mehrwertproduktion oder die Produktion des sozialen Mehrprodukts sich nicht geändert.

Für die Klasse der Kapitalisten ist die Warenproduktion - seien es Wohnungen oder Splitterbomben – nur ein Mittel, um Mehrwert zu produzieren. Die Qualität einer Ware besteht nicht in ihrer sozialen Nützlichkeit, sondern darin, dass der Kapitalist für sie einen Käufer findet, um durch den Verkauf den im Produktionsprozess geschaffenen Mehrwert zu realisieren. Vom Gesichtspunkt des Kapitalisten aus produziert der Arbeiter im Prozess der Warenproduktion Kapital.

 

Die Reproduktion des Kapitals und seine Widersprüche

Im Manifest der kommunistischen Partei schrieben Marx und Engels: „Die Bourgeoisie hat nur ein Ziel, Kapital zu bilden und zu vermehren“. Das investierte Kapital erlaubt es der Bourgeoisie den Mehrwert - und so den Profit - wieder zu verwerten. Die Vermehrung des Kapitals, das ist der Motor des Kapitalismus. Um sein Kapital zu vermehren und zusätzlichen Mehrwert zu produzieren, reinvestiert die Bourgeoisie das Kapital ohne Ende. Darum fügten Marx und Engels hinzu: „Das Kapital breitet sich über den gesamten Erdball aus (…), überall muss es sich einnisten, überall muss es anbauen, überall Verbindungen herstellen.“  

Die Globalisierung steckt in den Genen des Kapitalismus, genauso wie das Kapital zu reinvestieren, um es Früchte tragen zu lassen. Das Kapital kann nicht überleben, ohne seinen Einfluss auszuweiten und ohne Neuerungen zu schaffen, um neu produzierte Waren zu möglichst billigem Preis zu verkaufen. „Die Bourgeoisie hat massenhaftere und kolossalere Produktivkräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen“, heißt es weiter im Manifest.

Dieser Prozess der Reproduktion des Kapitals stößt auf eine Vielzahl von Hindernissen; in erster Linie die Anarchie der Produktion. Der Bau eines Autos benötigt Rohstoffe, Stahl und andere Metalle, elektrische Kabel, aus Erdöl hergestellte Plastikprodukte, Reifen und eine Vielzahl von Einzelteilen; nicht zu reden von Werkzeugmaschinen, Fließbändern und Elektrizität, um sie in Gang zu halten. Um ein Auto zusammenzusetzen müssen zum richtigen Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort und in der richtigen Menge all diese Komponenten vorhanden sein. Diese Bestandteile werden von anderen Kapitalisten produziert, die alle versuchen, in ihrem entsprechenden Bereich so viel wie möglich zu verkaufen. Dies tun sie, ohne vorher zu wissen, welchen Anteil des Marktes sie erobern werden. Außerdem sind die Produktionszeiten von Stahl und die Abschreibungszeiten der Anlagen für die Stahlproduktion nicht dieselben wie bei der Stromerzeugung und der Reifenproduktion. Das Gleichgewicht all dieser Faktoren ist daher sehr unwahrscheinlich. Das Ungleichgewicht führt unweigerlich zu Krisen.

Diese Widersprüche explodieren periodisch, wenn die möglichen Märkte zum Verkauf der Produktion nicht ausreichen. Um den im Auto verkörperten Mehrwert zu realisieren, muss es erstmal verkauft sein, bevor der Mehrwert in einem neuen Produktionszyklus reinvestiert werden kann. Jedes Auto, jede Waschmaschine, jedes Smartphone muss auf den Weltmarkt gebracht werden und einen interessierten Käufer finden, der dann auch noch eine ausreichende Kaufkraft haben muss. Da die meisten Käufer Arbeiter sind, deren Löhne nach unten gedrückt werden, ist der kaufkräftige Markt beschränkt. In jeder Branche liefern sich die Kapitalisten, die die gleichen Waren produzieren, eine erbitterte Konkurrenz, um den größtmöglichen Marktanteil an sich zu reißen. Trotz aller Fantasie der Werbung und talentierter Händler, die in der Lage sind, Eis an Eskimos zu verkaufen, besteht immer ein Überangebot in Bezug auf die kauffähige Nachfrage. Das ist der Hauptwiderspruch.

Seit dem Ursprung des Kapitalismus rufen die Anarchie der Produktion und die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten regelmäßig Krisen hervor, die Überproduktionskrisen genannt werden. Überproduktion nicht in Bezug auf die realen Bedürfnisse der Menschheit, sondern in Bezug auf den kauffähigen Markt. Während der letzten Immobilienkrise in den USA wurden zigtausend neue Häuser zerstört oder aufgegeben, während ganze Familien auf der Straße schliefen. Diese Krisen sind keine Zufälle oder Pannen. Sie bestimmen den Lebensrhythmus des Kapitalismus „vom Tage seiner Geburt an; sie werden ihn bis zu seinem Grab begleiten“, sagte Trotzki. Sie sind der einzige, im Nachhinein wirkende, brutale Regulator, um das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage wiederzufinden, um die Vorräte zu räumen, das überflüssige Kapital zu zerstören, und die nicht rentablen Unternehmen zu beseitigen.

 

Der Fall der Profitrate

Ein anderer Widerspruch des Kapitalismus ist der tendenzielle Fall der Profitrate.

Um seine Profite zu vergrößern versucht jeder Kapitalist seinen Marktanteil zu vergrößern. Wenn ein neues Verfahren, eine neue Maschine es ihm erlaubt, doppelt so schnell zu produzieren (also zweimal mehr für den halben Preis), dann investiert er in diese Betriebsanlage. Dies erlaubt ihm, einen Teil seiner Konkurrenten auszuschalten. Jeder Kapitalist denkt in dieser gleichen Art. Und früher oder später investieren die Konkurrenten ebenfalls in diese Maschine, oder in eine andere, noch bessere. Am Ende kommt es zu einem Anschwellen des in Maschinen und Rohstoffe investierten Kapitals, des fixen Kapitals. Da es aber die menschliche Arbeit ist - und nicht die Maschine - die den Mehrwert produziert, vermindert sich die mittlere Profitrate der gesamten kapitalistischen Wirtschaft. Diese Verminderung erfolgt nicht zur selben Zeit und in identischer Form in allen Bereichen der Wirtschaft; aber sie ist unabwendbar.

Jeder Kapitalist versucht diesem Fall zu entkommen, indem er die Ausbeutung der Arbeiter verschärft: Durch Beschleunigung des Arbeitstempos, durch Verlängerung der Arbeitszeit, durch Verlagerung von Fabriken oder durch das Anheuern von anderen Arbeitern, die gezwungen sind, niedrigere Löhne zu akzeptieren etc. Diese Methoden wurden im gesamten Verlauf der Geschichte des Kapitalismus angewendet. Die Arbeiter erleiden das seit Jahren, spüren es in ihren Muskeln, Sehnen und durch den Druck in den Abteilungen und Betrieben, immer produktiver zu sein. Doch diese Ausbeutung endet an biologischen Grenzen. Sie stößt auch auf die Fähigkeit der Arbeiter zu kollektivem Widerstand.

Die Kapitalisten liefern sich untereinander einen erbitterten Kampf, weil jeder den größtmöglichen Anteil aus der gemeinsamen Kasse des Mehrwerts für sich abzweigen will. Die mächtigsten, die über ein Monopol verfügen, zwingen ihre Bedingungen den Zulieferern und Subunternehmern auf. Sie können in größerem Maßstab zu niedrigeren Kosten produzieren und ihre Produkte unter ihrem Wert verkaufen. Die ganze Geschichte des Kapitalismus ist durch Vereinbarungen der Monopole unter sich bestimmt. Sich der Finanzspekulation zu widmen, ist ein anderes Mittel höhere Gewinne zu machen als den Durchschnittsprofit… Das funktioniert so lange die Kurse steigen und es ihnen gelingt, das Geld vor dem Crash rauszuziehen. Diejenigen Kapitalisten, die auf diese Weise einen höheren Profit erzielen als der Durchschnitt, machen ihn natürlich auf Kosten der Schwächeren.

Die einzige Möglichkeit den Durchschnittsprofit wieder zu steigern, ist das überschüssige fixe Kapital zu eliminieren. Das ist die reinigende Funktion der Krisen. Durch das Zerstören der weniger rentablen Firmen, und durch Schließung weniger produktiver Abteilungen, vernichten die Krisen Kapital. Diese Zerstörung lässt die Profitrate wieder ansteigen. Für die schwächsten Kapitalisten bedeutet die Krise ihr Verschwinden. Für die anderen ist es eine Möglichkeit, Konkurrenten zu billigen Preisen aufzukaufen. Die Größten werden noch ein bisschen größer. Bei jeder Krise nimmt die Konzentration des Kapitals zu.

Das Fallen der Profitrate und die Antworten der Kapitalisten darauf, diese einzudämmen, bestimmen den Alltag der Geschichte dieses Systems. Sie bestimmen den Rhythmus der Wirtschaftskrisen, die Konzentration und die Bildung der Monopole, des Kolonialismus, des Imperialismus und der Kriege. Sie verursachen auch die Finanzialisierung der Wirtschaft.

Dies alles ist die normale Funktionsweise des Kapitalismus; auch wenn das all jenen nicht gefällt, die vorgeben, sie könnten das System besser betreiben könnten, weil sie eine richtige Politik gefunden hätten.  

Bürgerliche Ökonomen sehen das genauso. Der oft von Präsident Macron zitierte Schumpeter spricht von der „schöpferischen Zerstörung“ der Krisen. Diese Ökonomen erklären hochgelehrt, dass die verlorenen Arbeitsplätze durch produktivere ersetzt werden. Selbst wenn dies für die Jugendzeit des Kapitalismus wahr ist, so waren die, die wieder neue Arbeitsplätze fanden, meist nicht jene, die mit dem Bankrott ihre alten verloren hatten. Die letzte „schöpferische Zerstörung“ von 2008 hat mehrere zig Millionen Arbeiter der Welt in Arbeits- und Obdachlose, und gut laufende Regionen in wirtschaftliche Wüsten verwandelt.

Wenn vom Standpunkt der kapitalistischen Wirtschaft die Krisen ein regelmäßiges Hilfsmittel sind, um das Fallen der Profitrate aufzuhalten, so sind sie, aus Sicht der Gesellschaft, eine menschliche Katastrophe und eine unermessliche Verschwendung.

 

Das Kapital ist ein kollektives Produkt

Dieser Fall der Profitrate ist für die Gesellschaft an sich kein Problem. Sie zeigt nur, dass zur Produktion der für die Gesellschaft notwendigen Bedürfnisse immer weniger Zeit der Menschen nötig ist, und dass sie dafür immer perfektere Mittel der Produktion und Organisation der kollektiven Arbeit verwenden. Die für den Unterhalt der Menschheit notwendige Arbeitszeit sinkt. Das ist ein großer Fortschritt. Das ist eine der Grundlagen unserer kommunistischen Perspektiven.

Aber damit dies ein wirklicher Fortschritt wird, müssen die Produktionsmittel von der Gemeinschaft kontrolliert und in rationeller und planvoller Weise eingesetzt werden. Solange sie der Kapitalistenklasse gehören, verwandeln sich die Produktionsfortschritte in Katastrophen.

Wenn der Abstand zwischen dem 1% der Reichsten und den 99 % der Gesellschaft von Jahr zu Jahr zunimmt, so ist dies keine Störung des Systems, die man durch gute Gesetze korrigieren kann. Weder „eine umverteilungsorientiertere Finanzpolitik“, noch eine „Umverteilung der Reichtümer“, wie es die Reformisten fordern, werden diese Tendenz unter Kontrolle bringen. Es ist die Grundlage eines Systems, in dem eine immer enger begrenzte Minderheit den Mehrwert schluckt und die Mehrheit, die ihn produziert, verarmt.

Das Kapital resultiert aus der akkumulierten, also angehäuften menschlichen Arbeit. Es ist die Frucht der kollektiven Arbeit aller Produzenten. Jeder Gegenstand muss, um produziert, ausgeliefert oder konsumiert zu werden, durch die gemeinsame Arbeit von Tausenden über die ganze Welt verstreuter Arbeiter geschaffen werden. Die Produktion ist vergesellschaftet. In dieser Hinsicht ist das Kapital das gemeinsame Gut der gesamten Gesellschaft, die auch kollektiv über seine Verwendung entscheiden müsste.

Dies ist ein anderer von Marx angeprangerter Widerspruch: “Das Kapital ist ein kollektives Produkt, das nur durch die gemeinsame Aktivität vieler Individuen… und in letzter Analyse nur durch die gesamte Gesellschaft in Bewegung gesetzt werden kann. Und dennoch ist es Privateigentum der Kapitalisten.“ Und weil es ihr Eigentum bleibt, entscheiden sie allein über seinen Gebrauch.

Es ist nicht die Verteilung der Reichtümer, die man ändern muss, sondern es ist die Organisation der Produktion, die geändert werden muss. Denn der Privatbesitz an Produktionsmitteln allein entscheidet über die Verteilung der Güter. Es ist der Privatbesitz an Produktionsmitteln, der abgeschafft werden muss.

In seiner Entwicklung hat der Kapitalismus die Waffen hervorgebracht, um diese Revolution zu verwirklichen. Auf der einen Seite sind Produktion und Verteilung der Güter schon kollektiv organisiert. Die technischen Instrumente sind bereits vorhanden, um mittels Internet, Informationstechnologie und Weltraumsatelliten die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen und die Vorräte oder die Kapazitäten abzuschätzen. Die Hauptsektoren der Wirtschaft befinden sich in den Händen großer Konzerne, die auch über die Mittel der Bestandsaufnahme und Organisation verfügen. Man kann den Weg eines Transportcontainers mittels GPS in Echtzeit verfolgen.

Auf der anderen Seite hat die Entwicklung des Kapitalismus zahlenmäßig und sozial eine Klasse gestärkt, die die Mittel und das Interesse hat, die Bourgeoisie zu enteignen. Es ist das Proletariat - die Klasse der Arbeiter. Weil sie alle Reichtümer gemeinsam produzieren, weil sie das gesamte Räderwerk der Gesellschaft funktionieren lassen, weil sie an den Produktionsorten konzentriert sind, bilden die Arbeiter eine soziale Klasse, die in der Lage ist, die bewusste Vergesellschaftung der Produktion durchzuführen. Sie ist eine Klasse, die überhaupt kein Interesse daran hat, die derzeitige soziale Ordnung zu erhalten.

 

Die soziale Revolution ist eine Notwendigkeit

Die Bourgeoisie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“, verkündete das Kommunistische Manifest 1847.

Aber unvermeidlich bedeutet nicht automatisch. Marx beschrieb das sehr genau: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch zu den vorhandenen Produktionsverhältnissen (….) Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.

Manche Reformisten bewundern die Seiten des Kapitals und machen sich gleichzeitig hochtrabende Gedanken über Marx’s „Irrtum“. Sie glauben, dass er den Zusammenbruch des Kapitalismus vorausgesagt hätte. Der Kapitalismus müsste doch wie eine zu reife Frucht unter dem Gewicht seiner Widersprüche zerquetscht werden ... aber dieses System existiert ja immer noch. Aber diese Leute lassen das Wesentliche aus. Damit die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ nicht auf das Schlimmste hinausläuft, muss jemand da sein, der das Ruder übernimmt: Eine soziale Klasse, die sich ihrer Kraft und ihrer Rolle bewusst ist.

Marx und Engels waren keine Stubengelehrten. Sie waren Kämpfer, die die Funktionsweise des Kapitalismus zu begreifen versuchten, um ihn niederzuschlagen! Ihr Ziel war, das Proletariat zu organisieren und politisch für dieses Ziel zu bewaffnen. Die Widersprüche des Kapitalismus machen eine Revolution unbedingt notwendig. Indem die Krisen alle sozialen Spannungen steigern, wird die Revolution möglich. Doch zwischen der Möglichkeit der Revolution und ihrem Sieg ist das bewusste Eingreifen der Arbeiterklasse notwendig.

Das war die Politik, die Marx und Engels im Verlauf der Revolution vertraten, die 1848 Europa erschütterte; und später dann während der Pariser Kommune. Nach ihnen haben sich mehrere Generationen, über August Bebel, Rosa Luxemburg und Lenin an die Arbeit gemacht, sozialistische Parteien aufzubauen, um das Klassenbewusstsein der Arbeiter zu erzeugen und zu stärken, die bewusstesten Arbeiter für die Übernahme der Macht zu vereinen, auszubilden und politisch zu bewaffnen.

 

Die Akkumulation des Kapitals… und seine Widersprüche

Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune vergingen ca. 50 Jahre, bevor die Revolution wieder auf der Tagesordnung stand. Während dieser Zeit hat der Kapitalismus seine Entwicklung fortgesetzt. Wie Marx schrieb: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind“.

Im Verlauf der Periode 1871-1914 haben sich die Produktivkräfte weiterentwickelt. Die europäischen Kapitalisten haben ihre Überfülle an Kapital gewinnbringend angelegt, indem sie den gesamten Erdball eroberten. Durch die Stärke ihrer Armeen, die Gerissenheit ihrer Händler und die Komplizenschaft ihrer Intellektuellen, die behaupteten Zivilisation und Fortschritt zu bringen, haben sie die Länder und Regionen unterworfen, die ihrer Herrschaft noch entkommen waren. Sie haben, um ihre Textilien und anderen Waren zu verkaufen, die einfache Warenproduktion zerstört und Millionen von Handwerkern ruiniert. Um Eisenbahnlinien zu bauen, die nur für die Bergwerke und Plantagen der Kapitalisten da waren, haben sie Millionen von Bauern in Asien und Afrika ihren Steuern unterworfen. So haben sie ihre Kapitalien mit einer guten Profitrate gewinnbringend angelegt. Der Kolonialismus war nicht einfach eine ideologische Entscheidung. Er war für die europäischen Kapitalisten eine Notwendigkeit, um die Reproduktion ihres Kapitals zu sichern.

Im Zuge dieses Prozesses und im Lauf der nie aufhörenden periodisch wiederkehrenden Krisen, hat sich die Konzentration des Kapitals gesteigert. Die Banken, die eine wichtige Rolle beim Horten des Mehrwerts, der Zentralisierung und dem Vorschießen des notwendigen Kapitals spielten, hatten einen zentralen Platz in der Wirtschaft. Sie standen im Mittelpunkt der Unternehmen und übernahmen deren Kontrolle. Um neues Kapital für Investitionen zu finden, gründeten die Kapitalisten Aktiengesellschaften und entwickelten neben den Banken die Börsen. Banken und Börsen haben es ermöglicht, die Aktivitäten der Unternehmen und des Kapitals vollständig zu trennen. Sie haben die Konzentration des Kapitals beschleunigt. In den wichtigsten Industriesektoren, von Stahl über Erdöl bis hin zu Chemie und Elektrizität, haben sich mächtige Monopole entwickelt. Der Kapitalismus hatte sein imperialistisches Stadium erreicht. Er war - nach Lenins Worten - vom reifen ins senile Lebensalter übergegangen.

Diese außerordentliche Kapital-Anhäufung, die durch die Ausbeutung der Kolonialländer erreicht wurde, ermöglichte es der europäischen Bourgeoisie den Anteil der sozialen Mehrproduktion, den sie der Arbeiteraristokratie überließ, ein wenig zu erhöhen. Angesichts der Arbeiterkämpfe konnte sie einige Sozialgesetze erlassen, Gewerkschaften legalisieren, Tarifverträge mit ihren Führern aushandeln und Gewerkschaftsführer und Abgeordnete der Arbeiterparteien in das öffentliche Leben integrieren. So konnte die Bourgeoisie die Gefahr von Revolutionen entschärfen. Aber das hat die Mechanismen der kapitalistischen Ausbeutung oder gar die Armut eines ganzen Teils der Produzenten nicht verändert; weder in den Kolonien noch in den großen kapitalistischen Städten.

Die Enge der nationalen Märkte in Europa und die Vollendung der Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Ländern verschärften den Wettbewerb zwischen den Monopolen. Der in erheblichem Umfang entwickelte Militarismus gab dem Kapital einen Absatzmarkt. Der Militarismus ermöglichte es nicht nur, die Gewinnrate von Krupp, Schneider und Co. künstlich hoch zu halten. Er bereitete den Krieg um eine Neuaufteilung der Märkte zwischen den imperialistischen Mächten vor.

Dieser Krieg, der in den Genen des Kapitalismus liegt, brach 1914 aus, bevor er eine mächtige revolutionäre Welle auslöste. Die von Marx beschriebene Ära der sozialen Revolution stand auf der Tagesordnung.

 

Ohne soziale Revolution geht die Verwesung weiter

Diese revolutionäre Welle ist nicht Gegenstand des heutigen Abends. Nur kurz dazu: Die proletarische Machtergreifung in Russland, die Enteignung der Besitzenden und der Wiederaufbau der sowjetischen Wirtschaft auf Grundlage eines Plans, hat es dem Sozialismus ermöglicht - trotz der dramatischen Bedingungen der Umsetzung - "sein Recht auf den Sieg zu beweisen, nicht auf der Seite des Kapitals, sondern in einer wirtschaftlichen Arena, die ein Sechstel der Erdoberfläche bedeckt“. Dies sind Trotzkis Worte. Aber das Scheitern der Arbeiterrevolution im Rest der Welt, das zur Isolierung der Sowjetunion und zur Bürokratisierung des ersten Arbeiterstaats führte, gab dem Kapitalismus einen Aufschub.

Der Kapitalismus war jedoch mehr als reif für die Revolution und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Dieses System hatte die Produktivkräfte so weit wie möglich entwickelt ... bevor es sie zerstörte. Aus wirtschaftlicher Sicht war der Kapitalismus zum Untergang verurteilt. Die europäischen Länder kamen hoch verschuldet und geschwächt aus dem Krieg; ihre Währungen wurden abgewertet, ihre Produktionskapazitäten waren bis auf den Kern verschlissen. Auch wenn die Vereinigten Staaten noch eine wirtschaftliche Entwicklung erlebten, so konnten sie nicht genügend Kunden für ihre Autos oder Radios finden, da der europäische Markt ausgeblutet war. Um den Überschuss zu absorbieren, entwickelten amerikanische Banken Verbraucherkredite. Die Fehlfunktionen des Systems blieben bestehen. Der Kampf um den Markt und die Investition von Kapital hat sich fortgesetzt. Eine neue Krise brach bereits aus.

Bei der Analyse dieser wirtschaftlichen Situation auf dem 3. Kongress der Kommunistischen Internationale im Juni 1921 stellte Trotzki fest, dass der Kapitalismus in die Zeit seines Niedergangs eingetreten war. In dieser Entwicklung haben die "Krisen einen langjährigen Charakter, der Aufschwung ist kurz, oberflächlich und spekulativ". Und doch hielt sich der Kapitalismus immer noch. Und die Bourgeoisie stärkte ihre Macht. Einige Wochen später erklärte Trotzki vor bolschewistischen Aktivisten in Moskau: "(…) bilden auch die Produktivkräfte die grundlegende bewegende Kraft der historischen Entwicklung, so vollzieht sich jedoch diese Entwicklung nicht außerhalb der Menschen, sondern durch sie (…). Aber es ist keineswegs immer so, dass, sobald die gegebene Gesellschaftsordnung sich überlebt hat (…), eine neue Klasse auftaucht, die bewusst, organisiert und stark genug wäre, um die alten Herren des Lebens zu stürzen (…)“. Kein System, so veraltet es auch sein mag, kann ohne das bewusste Eingreifen der Menschen fallen; in diesem Fall nicht ohne das bewusste Eingreifen der Arbeiterklasse.

Politisch gesehen war die Bourgeoisie bereit, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben. Trotzki sagte: „Tödlich bedroht von der proletarischen Revolution war sie bereit alle möglichen Methoden zu nutzen, um ihre Macht zu bewahren; von sanften Predigten der Priester und Professoren bis zum Erschießen Streikender mit Maschinengewehren“. Kaum war ihre Macht nach dem Ende der revolutionären Welle stabilisiert, brach die Krise von 1929 aus. Sie verschärfte den Wettbewerb und führte zu einem Aufschwung des Protektionismus. In Deutschland kamen die Nazis an die Macht und lösten den Marsch zu einem neuen Weltkrieg aus. Wieder einmal wurde das Größte an menschlicher Kreativität, Wissenschaft, Technologie und immenser Produktionskapazitäten für die systematische Zerstörung von Menschen durch Völkermord oder Bombardierungen eingesetzt.

Genau das brachte Trotzki 1938 am Vorabend des Krieges dazu, erneut zu schreiben: "Die Produktivkräfte der Menschheit haben aufgehört zu wachsen". Er erklärte: "Neue Erfindungen und neue technologische Fortschritte führen nicht mehr zu einem Anstieg des materiellen Reichtums“.

 

Der Kapitalismus heute

 

Eine kurze Phase des Wiederaufbaus der Produktivkräfte

Der Zweite Weltkrieg hat zusätzlich zu den Auswirkungen der Krise von 1929 und dem Ersten Weltkrieg so viel Produktivkräfte und angehäuftes Kapital der Welt in einem Ausmaß zerstört, wie es in keiner zyklischen Krise zuvor der Fall war. Diese Zerstörung, die nichts "Kreatives" mehr hatte, tötete ca. 100 Millionen Menschen und löschte buchstäblich ganze Städte und Länder von der Landkarte. Aber diese unermessliche Verschwendung von Produktivkräften und zerstörtem Reichtum ermöglichte den Wiederanlauf der kapitalistischen Wirtschaft mit einer Dynamik, die einige Menschen ihre grundlegenden Probleme vergessen ließ.

Der Wiederaufbau der zerstörten Länder unter Federführung der Staaten bot der Bourgeoisie einen Markt. Die Modernisierung von Anlagen und Infrastrukturen führte zu Produktivitätssteigerungen, die es ermöglichten, wieder hohe Profitraten zu erzielen. Die gegenseitige Absicherung von Versicherungen oder Renten unter der Federführung der Staaten - von Ökonomen herablassend als "Wohlfahrtsstaat" bezeichnet - ermöglichte es den europäischen Kapitalisten trotz Arbeitskräftemangel relativ niedrige Löhne aufrechtzuerhalten. Da Produktivitätssteigerungen die Preise für Konsumgüter senkten und die Löhne allmählich wieder stiegen, erweiterte sich der kauffähige Markt wieder. Die neue Generation lebte besser als die vorherige und verfügte allmählich über Waschmaschinen, Autos, Fernseher und komfortablere Wohnungen.

Diese Zeit, bekannt als "Wirtschaftswunder", war nur eine kurze Pause. Die Anhäufung des verfügbaren Kapitals, die ständig steigenden Kosten für neue Produktionsanlagen und ein zahlungsfähiger Markt, der an seine Grenzen gestoßen war, führten zwangsläufig zu einem Rückgang der Profitrate und lösten die Krise der 1970er Jahre aus.

In allen Branchen wurde die Weltwirtschaft von großen Monopolen beherrscht. Diese multinationalen Konzerne, und vor allem die Ölgesellschaften, haben sich auf die Krise mit Einfrieren von Investitionen vorbereitet. Sie reduzierten die Produktion, um die Preise massiv zu erhöhen. Bestehende Anlagen wurden bis zum Äußersten verschlissen. Diese multinationalen Konzerne waren in der Lage, ihre Profitrate auf dem Rücken der Arbeiterklasse und der kleinsten Kapitalisten wiederherzustellen. Sie vermieden den Bankrott, verursachten aber eine Rezession. Als die Wirtschaft 1975 wieder in Schwung kam, war es mit einem zweieinhalb Mal niedrigeren Industriewachstum als zuvor. Diese Verlangsamung führte zu Entlassungen und einem Aufflammen von Arbeitslosigkeit.

Die aktuelle Krise begann zu diesem Zeitpunkt. Trotz der Erholungsphasen hat die Massenarbeitslosigkeit seit 40 Jahren nicht aufgehört. In den besten Jahren wurde ein Bruchteil der Arbeitslosen zu prekären Arbeitern, während andere dauerhaft vom offiziellen Arbeitsmarkt ausgeschlossen oder scheinselbständig wurden.

 

Eine auf Kosten der Arbeiter wiederhergestellte Profitrate

In den entwickelten Ländern kam es in den 1980er Jahren in allen Bereichen zu Arbeitsplatzverlusten und Entlassungen. Von der Stahlindustrie über die Autoindustrie bis hin zum Bergbau. Die Staaten griffen in vielerlei Hinsicht ein, um den Kapitalisten zu helfen, ihre Profitraten wiederherzustellen. Sie verstaatlichten zu hohen Kosten veraltete Industrien, strukturierten sie auf Kosten der Allgemeinheit um und bauten Zehntausende von Arbeitsplätzen ab, bevor sie sie zu niedrigen Kosten reprivatisierten. Dies ermöglichte es alten bürgerlichen Familien wie den Wendels, ihr Kapital ohne Verluste in viel profitablere Sektoren zu investieren. In Frankreich privatisierten die Regierungen der Rechten und Linken große Unternehmen und öffentliche Banken (Saint-Gobain, Suez, BNP und Société Générale), um einen risikofreien Zugang für das verfügbare Kapital zu bieten. France Télecom, Air France, Thomson, EADS und die Autobahngesellschaften folgten einige Jahre später.

Gleichzeitig führten die Regierungen einen sozialen Krieg gegen die sozialen Unterschichten. Sparpolitik, Lohnstopps, Verschiebung des Rentenalters, Deregulierung der Arbeit und Legalisierung aller Formen prekärer Beschäftigung waren allesamt Mittel, um den Anteil des Mehrwerts, den die Arbeitenden bekommen, drastisch zu reduzieren.

Alle Statistiken zeigen den gleichen Rückgang. Im Juni letzten Jahres wurde in einem OECD-Papier festgestellt, dass "seit mehreren Jahren der Anteil der Einkommen aus wirtschaftlicher Tätigkeit, die in Form von Löhnen an die Arbeitenden gehen, in den meisten Ländern rückläufig ist". In einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel "Was ist, wenn die Arbeitenden revoltieren?", beschreibt Patrick Artus - der bereits erwähnte Bankier – die Verarmung von Arbeitskräften, die "alle Risiken tragen", mit Massenarbeitslosigkeit, zunehmend prekären Arbeitsplätzen und abgesenkten Löhnen. Er stellt fest, dass die in den entwickelten Ländern geschaffenen Arbeitsplätze in den Bereichen persönliche Dienstleistungen, Catering oder Logistik weniger qualifiziert, schlechter bezahlt und prekärer sind, als die in der Industrie verloren gegangenen Arbeitsplätze.

Seit Mitte der 80er Jahre wird die Profitrate der Kapitalisten wiederhergestellt, indem die Ausbeutung der Arbeiter verschärft wird. Dies geschieht auf verschiedenen Wegen, so werden direkt die Löhne gesenkt, aber auch der Anteil des Mehrwerts reduziert, der in Form von Schulen, Krankenhäusern, Zugang zu kostengünstiger Pflege oder angemessenen Renten zu den Arbeitenden zurückkommt. Wenn es noch nötig war, so zeigen die letzten dreißig Jahre die Dummheit der "Abflusstheorie". Es sei denn jemand meint, dass das Geld die seltsame Eigenschaft hat, von unten nach oben zu fließen!

 

Die Finanzialisierung der Wirtschaft

Trotz dieser Wiederherstellung der Profitraten suchte das Kapital nach profitableren Investitionsmöglichkeiten. Sie machten sich auf den Weg in die Finanzwirtschaft. Dies begann mit Krediten zu Wucherzinsen an Länder der Dritten Welt, bevor es in mehreren Etappen auf alle Bereiche ausgedehnt wurde.

Die Finanzialisierung der Wirtschaft beschleunigte sich nach jeder der Finanzkrisen, die die Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren erschütterten: Crash der Wall Street und dann im Rest der Welt 1987; Finanzkrise in Japan 1989; Asienkrise 1997-1998; Russlandkrise 1998; "langsamer" Absturz der "Neuen Ökonomie" 2000-2001; Subprimes-Krise und dann des globalen Bankensystems 2007-2008 ... Eine offizielle Stelle ermittelte zwischen 1970 und 2004 "117 systemische Bankenkrisen, die so definiert sind, dass sie eine fast allgemeine Rekapitalisierung der Banken erforderlich machten“. Nach jeder dieser Krisen spritzten Regierungen über die Zentralbanken öffentliches Geld in das Bankensystem, um die lahmen Enten zu retten, die Märkte zu beruhigen und die Kapitalisten zu Investitionen anzuregen. Der Rückgriff auf Kredite durch Unternehmen, Haushalte und Regierungen nahm immer mehr zu.

Gleichzeitig haben die Staaten die Finanzregelungen beseitigt, die die verschiedenen Finanzsektoren (d.h. Währungen, Anleihen, Aktien, Terminmärkte für Rohstoffe wie Agrarrohstoffe usw.) in einzelne, getrennte Teile aufgeteilt hatten, um einen fast einheitlichen globalen Finanzmarkt zu schaffen. Ein "Investor", der nach der besten Rendite sucht, kann von einer Euro-Aktie zu einer Dollar-Anleihe wechseln. Er kann seine Apple-Aktien weiterverkaufen, um amerikanische Schulden oder eine Kauf-Option auf eine Soja- oder Weizen-Ladung zu kaufen. Ganz zu schweigen von den vielen Derivaten - wie beispielsweise den berühmten Subprimes - die die Krise von 2008 ausgelöst haben.

Im Laufe dieser Jahrzehnte hat das Finanzwesen die talentiertesten Mathematiker angelockt, um Algorithmen für eine immer schnellere Spekulation und komplexere Finanzierungsmöglichkeiten zu entwickeln. Das menschliche Genie wird mobilisiert, um das so genannte "Finanzmanagement" zu verbessern, während Cholera, Tuberkulose oder Malaria weiterhin Menschen auf der ganzen Welt töten.

Die Finanzen sind zu einem Krebsgeschwür geworden, das die gesamte Wirtschaft zerfrisst. Ob sie dies nun billigen oder ablehnen: Ökonomen stellen diese Transformation der Wirtschaft als einen ideologischen Wandel dar, der von liberalen Ökonomen angetrieben wird, die innerhalb des Internationalen Währungsfonds oder in nationalen Regierungen die Macht übernommen hätten. Das hieße so zu tun, als ob eine andere Politik möglich wäre. Dies verschleiert die Tatsache, dass diese Politik der Finanzialisierung ein lebenswichtiges Bedürfnis der Kapitalisten ist. Sie brauchen die Finanzialisierung, weil man mit ihr die höchste Profitrate und größtmögliche Masse des von den Arbeitern herausgepressten Mehrwerts rauszuholen kann. Tatsächlich wurde diese Politik der Deregulierung, der Durchlässigkeit und Liberalisierung von allen Staaten, in allen Breitengraden und unabhängig von der politischen Farbe der Regierungen verfolgt. Und diese Politik setzte sich auch nach der Krise 2008 fort, obwohl Obama, Sarkozy oder Holland behaupteten, die Finanzen zu regulieren. Regeln, die es Banken verbieten, mit eigenen Rücklagen zu spekulieren oder sich an Spekulationsfonds und Hedgefonds zu beteiligen (die Baseler Regeln für Europa oder die sogenannte Volcker-Regel für die Vereinigten Staaten), wurden systematisch umgangen.

Die Finanzialisierung der Wirtschaft am Ende des 20. Jahrhunderts ist genauso wenig eine politische Option wie der Kolonialismus und Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts.

 

Die Politik der Zentralbanken

Mit der Krise von 2008 änderte sich das Ausmaß des staatlichen Eingreifens. Überall verteilten sie haufenweise Milliarden Euro, um die Industrie zu unterstützen. Am spektakulärsten war der Eingriff der Zentralbanken, die trotz ihrer formalen Unabhängigkeit an die Staaten gebunden sind, und die besonders eng mit den Finanziers verflochten sind.

Die Zentralbanken senkten die Zinssätze, zu denen sie Kredite an Privatbanken vergeben, von etwa fünf Prozent auf null. Bis jetzt hat nur die FED, die US-Bundesbank, begonnen, ihren Leitzins sehr zaghaft anzuheben. Private Banken nehmen Kredite nahezu zinslos auf. Noch besser: Unter dem Vorwand, dass die Banken in ihren Tresoren verschiedene wertlose Papiere, Anleihen, Derivate, Kredite, Schuldscheine, als wertlos geltende Wertpapiere bestimmter Staaten hatten und deswegen andere Banken ihnen gegenüber misstrauisch wären, wurden all dies von Zentralbanken als Zahlungsmittel akzeptiert. Alle diese Papiere nahmen sie im Austausch für Kredite an. Mit jeder Neuauflage der Krise von 2008 haben die Zentralbanken ihre Politik etwas lockerer gemacht ... im Dienst von Bankern und großen Kapitalisten. Das nennen sie "quantitative Lockerungspolitik". Das bedeutet die Annahme von allen möglichen fragwürdigen Wertpapieren im Austausch für einen Kredit, und zwar nicht nur von Banken, sondern auch von Unternehmen.

Diese Richtlinie wurde 2008 von der FED eingeführt und später von ihren Kollegen übernommen. Während der Euro-Krise im Jahr 2010 begann die EZB (Europäische Zentralbank) mit dem Rückkauf von Staatsschuld-Titeln, insbesondere von Griechenland. Dies war eine neue Möglichkeit, Banken von Forderungsausfällen zu befreien, um die Risiken auf die Allgemeinheit zu übertragen. Seit 2016 kauft die EZB auch Anleihen von Großunternehmen. Die EZB finanziert damit direkt und nahezu kostenlos große Pharmakonzerne, Fluggesellschaften, Automobilhersteller und sogar Versicherungsgesellschaften. Der Vorwand ist immer derselbe: die Kapitalisten sollen ermutigt werden zu investieren und die Wirtschaft angekurbelt werden.

Indem sie so viele wertlose Wertpapiere in ihren Bilanzen ansammeln, schwächen sich die Zentralbanken selbst. Das gesamte Bankensystem basiert auf Vertrauen. Es war das allgemeine Misstrauen, das 2008 die totale Lähmung des Bankensystems verursachte. Indem sie ihre Politik der Lockerung zu lange fortsetzen, werden die Zentralbanken anfällig für Spekulationen. Um es anders auszudrücken: Beim nächsten Crash wird das Geld, das sie versuchen werden einzuspritzen, in Misskredit geraten und damit unwirksam sein. Das beunruhigt selbst Bankiers, die Bücher über "den Wahnsinn der Zentralbanken" veröffentlichen ... ohne eine Alternative anzubieten.

Diese Politik der Nullzinskredite und des Rückkaufs von Finanztiteln ist die moderne Form des Drehens an der Notenpresse. Die Zentralbanken schaffen damit immer mehr Geld. Seit dem Verschwinden des Goldstandards umfasst die im Umlauf befindliche Geldmenge neben den Banknoten - die nur einen kleinen Teil davon ausmachen - alle Einlagen auf Bankkonten, Sparbüchern und verschiedenen Sparplänen, zu denen bestimmte auf den Geldmärkten handelbare Wertpapiere, einschließlich der von Regierungen gewährten Kredite, hinzukommen. Durch den Kauf von immer mehr Wertpapieren wandeln die Zentralbanken diese in Geld um. In 10 Jahren ist die Geldmenge um 15 Billionen Dollar gestiegen. Sie macht heute 125% des Welt-BIP aus, verglichen mit 100% zwischen 1990 und 2008 und 60% in den 1970er Jahren. Mit anderen Worten: Die im Umlauf befindliche Geldmenge ist viel schneller gewachsen als die tatsächlich in der Gesellschaft produzierten Güter.

Zum Erstaunen der Ökonomen, die alle Indikatoren wie verwirrten Wahrsager hinterfragen, verursacht dieser Geldfluss keine Inflation. Die sehr niedrigen Löhne, die Stagnation von Produktion und Konsum - indem die Preise für hergestellte Produkte relativ niedrig gehalten werden - sind u.a. Gründe dafür. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass sich dieses von den Zentralbanken geschaffene Geld in Richtung Börsen und Finanzmärkte bewegt. Es fördert die Spekulation und unbegrenzte Kredite für Kapitalisten. Dieses Geld, das zur Förderung von Investitionen ausgegeben wird, geht nicht in die produktive Wirtschaft. Dies hindert es aber nicht daran, verschiedene dramatische Auswirkungen auf das Leben der Menschen zu haben. Angefangen mit dem periodischen Anstieg der Rohstoffpreise - von den Ölpreisen bis hin zu den Lebensmittelpreisen - die jedes Mal Millionen von Menschen verarmen oder verhungern lassen.

 

Die allgemeine Verschuldung der Gesellschaft… und ihre Folgen

Die Gesamtverschuldung der Gesellschaft ist explodiert. Die Gesamtverschuldung von Regierungen, Unternehmen und Haushalten stieg in den reichen Ländern von 190 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 260 Prozent im Jahr 2016. Die Weltverschuldung ist höher als am Ende des Zweiten Weltkriegs!

Verbraucherkredite sind seit langem ein Mittel zur Erweiterung des Marktes. Die kapitalistischen Unternehmer zahlen nicht genügend Lohn, um zu leben. Auch leiten die Finanzkapitalisten in Form von Zinsen einen Teil davon in ihre Taschen. Es ist eine Falle, die die Arbeiterklasse einsperrt. Große Einzelhandelsketten haben das Kreditkartensystem mit Wucherzinsen verallgemeinert, um ihre Produkte trotz der am Monatsende leeren Geldbeutel zu verkaufen. Banken und andere Kreditinstitute nutzen ihre Talente, um Kredite anzubieten, um das Auto oder das Haus der Träume trotz zu niedriger Einkommen zu bezahlen. Automobilhersteller oder Supermärkte sind zu mächtigen Bankinstituten geworden.

Mit der Zeit hat sich die Laufzeit der Kredite verlängert, die Bonitätsbedingungen haben sich gelockert und immer mehr Menschen sind gezwungen, ihre Schulden endlos zurückzuzahlen. In den USA verschulden sich die 20-jährigen für über 40 Jahre, um ihr Studium zu finanzieren. Zehntausende von Rentnern zahlen immer noch ihre Studienkredite! Das sagt noch mehr über die Höhe der Löhne aus als über die Kreditwürdigkeit.

Der Run auf Kredite, verbunden mit Immobilienspekulationen und der Schaffung undurchsichtiger Finanzderivate, hat die Krise 2008 ausgelöst. Trotz des Konkurses mehrerer Banken und des Ruins von Millionen Familien, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, stieg die Verschuldung der amerikanischen Haushalte 2013 wieder an. Die Gesamtverschuldung der US-Haushalte übertraf erneut das Rekordniveau von vor 2008. Während Banken vorsichtiger bei der Vergabe von Wohnungsbaudarlehen zu sein scheinen, haben sie bei den Autokrediten nachgegeben. Wie ein Analyst der Bank JP Morgan der Zeitung Le Figaro sagte: "Seit der Krise gibt es verschiedene Pläne den Sektor zu unterstützen. Wir haben den Kauf wahrscheinlich ein wenig erzwungen, ohne mit der finanziellen Situation der Kreditnehmer sehr vorsichtig zu sein“. Diese Autokredite werden auch als "Car Subprimes" bezeichnet und sind gute Kandidaten, die Auslöser des nächsten globalen Finanzcrashs zu werden.

Durch die Rettung von Kapitalisten und Banken haben die Staaten sich selbst immer weiter verschuldet. Auf der einen Seite senken sie die Steuern für die Reichen und Unternehmen in Milliardenhöhe, wie es Trump in den Vereinigten Staaten und Macron in Frankreich tun. Andererseits gewähren sie ihnen Zuschüsse und Subventionen in vielfältiger Form. Die Steuern erdrücken die Arbeitenden, reichen aber nicht aus, um den Haushalt der Staaten ausreichend aufzufüllen, sodass sie massiv Geld von den Banken leihen. Die Schulden aller imperialistischen Staaten sind auf einem historischen Höchststand, angefangen bei den mächtigsten von ihnen. Der Dollar ist die Währung des internationalen Handels. Die wirtschaftliche und militärische Macht der USA garantiert seine Stabilität. Die USA können fast unbegrenzt Staatsanleihen ausgeben, um die sich Kapitalbesitzer der ganzen Welt reißen. Mit 21 Billionen Dollar im Jahr 2018 hat sich die öffentliche Verschuldung der USA in zehn Jahren verdoppelt.

Um ausstehende Kredite zurückzuzahlen, nehmen die Regierungen ständig neue Kredite auf den Finanzmärkten auf. In Frankreich liegt die Schuldenlast, d.h. die Rückzahlung von Jahreszinsen allein an die Banken, bei rund 43 Mrd. Euro. Dieser Betrag ist fast so groß wie das gesamte Bildungsbudget (50 Milliarden Euro) und übertrifft das der Armee! Die Staatsverschuldung ist zum wichtigsten Mittel für das Großkapital geworden, um seinen Anteil am Mehrwert zu erhöhen, ohne sich überhaupt die Mühe des Investierens zu machen, und damit ihr Kapital in der Produktion festzulegen. Marx hatte bereits darauf hingewiesen, dass "die Staatsverschuldung die kapitalistische Ära geprägt hat", und dass sie "einer der mächtigsten Hebel der Vermögensbildung" war. Die Krise hat die Staaten veranlasst, diese Hebelwirkung auf ein beispielloses Maß zu erhöhen.

Alle politischen Führer setzen diese Politik sklavisch um und wiederholen gleichzeitig, dass die Schulden "untragbar" sind. Schulden sind zu einem politischen Instrument gegen die Arbeitenden geworden. Sie dienen als ständiger Vorwand für Sparpolitik, Kürzungen bei den öffentlichen Dienstleistungen und sollen Opfer der unteren Bevölkerungsschichten rechtfertigen.

Dies führt dazu, dass verschiedene reformistische Strömungen "eine andere Politik" fordern. Souveränisten (Nationalstaatsanhänger) aller Art fordern, dass der Staat direkt bei der Zentralbank Kredite aufnehmen kann, ohne über private Banken zu gehen. Aber das wäre nur ein anderer Weg, um die Notenpresse anzukurbeln. Unabhängig davon, mit welchem technischen Verfahren der Staat Kapital in das System einspeist, ist es die Großbourgeoisie, die davon profitiert, und die Arbeitenden bezahlen die Rechnung, weil der Staat ein Apparat ist, der ausschließlich im Dienst der Kapitalisten steht.

Der Rückgriff auf Schulden ist ein starkes Bedürfnis, das sich aus dem gesamten Funktionieren der Gesellschaft ergibt und weit über die Entscheidungen einer bestimmten Regierung hinausgeht. Deshalb ist es wieder eine leere Formel, wenn einige Strömungen "Schuldenerlass" fordern, ohne die Kapitalisten zu enteignen und ihren Staatsapparat zu zerschlagen. Es gibt keine reformistische Lösung für die Staatsverschuldung.

 

Der Finanzbereich zieht den in der Produktion geschaffenen Mehrwert an sich

Die Verschuldung erdrosselt überschuldete Verbraucher und Bevölkerungen, die von der Sparpolitik ausgeblutet sind. Auf der anderen Seite profitiert die gesamte Kapitalistenklasse von günstigen Krediten und reichlich verfügbarem Geld.

Finanzoperationen können eine Rendite von 20% erbringen, wo Investitionen in die produktive Wirtschaft nicht mehr als 5% oder 10% bringen. Dies ist kein Wunder, sondern das Ergebnis eines Transfers von einem Wirtschaftssektor in einen anderen. Wie bereits gesagt, schafft nur menschliche Arbeit Mehrwert. Die Milliarden, die für Finanzgeschäfte abgezogen werden, sind daher von den Arbeitern im Lauf der Produktion erzeugt worden.

Sehr niedrige Zinssätze ermöglichen es den Unternehmen, ihre Investitionen durch Schulden zu finanzieren, anstatt ihre eigenen gesparten Gewinne zu reinvestieren. Die Verwendung von Krediten ist weit verbreitet. Dies erklärt, warum die Zentralbanken bei Zinserhöhungen so zurückhaltend sind. Denn ihre Manager und Experten sind sich der verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft sehr bewusst. Eine Erhöhung der Zinsen ist wie die Entziehung der täglichen Dosis für einen Drogenabhängigen. Es ist brutal das zu tun und kann ihn umbringen. Wenn du es nicht tust, wird er genauso sicher sterben.

Die liebsten "Investitionen" der Unternehmen, sind Übernahmen bestehender Unternehmen. Fusionen und Übernahmen erreichten 2018 mit 4 Billionen US-Dollar einen neuen Rekord, was dem Höchststand vor dem Crash 2008 sehr nahekommt. Die Summen, die auf den Tisch gelegt werden, um einen Konkurrenten aufzukaufen, sind manchmal irrsinnig: 54 Milliarden Euro, die Bayer für den Kauf von Monsanto bezahlt hat; 10 Milliarden Euro, die Sanofi für den Kauf der amerikanischen Bioverativ bezahlt hat ... Nicht nur, dass diese Käufe nicht den geringsten neuen Wert schaffen, sondern der neue Eigentümer entlässt außerdem noch Arbeitskräfte, um die geliehenen Summen zurückzuzahlen, Dopplungen in Arbeitsbereichen und weniger profitable Sektoren zu beseitigen. Er erhöht die Ausbeutung, ohne die allgemeine Arbeitsproduktivität zu verbessern. Die zusätzlichen Gewinne in den fusionierten Unternehmen resultieren nicht aus einer Erweiterung der Produktionsbasis. Sie entsprechen auch nicht Innovationen oder Investitionen, die es ermöglichen würden, neue Waren herzustellen.

Um ihre Aktionäre zu halten, ihre Aktienkurse nach oben zu treiben und spekulative Angriffe zu vermeiden, müssen die Unternehmen immer größere Dividenden ausschütten. Laut der Zeitschrift Alternatives économiques haben sich die Dividenden, die die Unternehmen in Frankreich an ihre Aktionäre ausschütten, innerhalb der letzten 20 Jahre verdreifacht. Es reicht nicht mehr die Kosten zu reduzieren, die Ausbeutung zu verschärfen, Arbeitsplätze zu zerstören. Die Unternehmen kaufen den Aktionären einen Teil ihrer eigenen Aktien zurück, um sie zu zerstören, um so automatisch den Wert der verbleibenden Aktien zu steigern. 2018 wurden von den 57 Milliarden, die den Aktionären der CAC 40 (die 40 größten französischen Firmen) ausgeschüttet wurden, über 11 Milliarden in Form von Rückkäufen von Aktien ausgegeben. Um hier eine Formulierung der Zeitung Alternatives économiques aufzunehmen: „Die Börse ist zu einem riesigen Staubsauger geworden, der die von den Unternehmen produzierten Werte aufsaugt.

 

Der Boom an der Börse und die Gafam

Historisch gesehen wurde die Börse genutzt, um Kapital für den Bau einer neuen Fabrik, die Finanzierung eines Kanals oder Tunnels zu beschaffen. Mit dem Kauf einer Aktie kauften die Kapitalisten das Recht auf zukünftige Gewinne. Wenn man so will, haben sie sich dem Risiko eines Unternehmers ausgesetzt. Heute wird die Börse hauptsächlich zum Tausch von "gebrauchten" Aktien genutzt, die mit einem Kapitalgewinn verkauft werden. Es ist eine Spekulation. Der Preis der Aktien eines Unternehmens ist vollständig vom Wert des Kapitals, der Gebäude oder Einrichtungen des Unternehmens getrennt. Somit können die im Finanzbereich erzielten Gewinne höher sein als die in der Produktion.

Der Fall der berühmten Gafam (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) spricht für sich. Im September 2018 waren sieben der acht größten Marktkapitalisierungen der Welt digitale Unternehmen; das achte die Finanzholding von Warren Buffet. Apple kam an erster Stelle mit einem Börsenwert von 1.070 Milliarden Dollar (plus 1.000% in zehn Jahren). Amazon folgte mit 943 Milliarden Dollar (plus 2.900% in zehn Jahren) und Microsoft mit 879 Milliarden Dollar. Im Vergleich dazu hatte der Ölkonzern Total zum gleichen Zeitpunkt einen Börsenwert von 174 Milliarden Dollar, was einem Anstieg von "nur" 50% in zehn Jahren entspricht.

Diese Marktkapitalisierung ist weitgehend virtuell. Ohne den Beitrag zu diskutieren, den die von den Gafam eingesetzten Technologien und Kommunikationsmittel für die Menschheit darstellen, haben ihre Börsenwerte nichts mit dem realen Kapital dieser Unternehmen zu tun. So entspricht der Börsenwert von Amazon dem BIP Argentiniens oder der Niederlande, während das Unternehmen nur Lager mit einem geringen festen Kapital besitzt. Google hat einen ähnlichen Börsenwert, ohne überhaupt Lager zu besitzen wie Amazon. An der Börse ist Amazon das 300-fache seines Jahresgewinns wert. Wie ein AMF-Banker bemerkte: "Mit einem Reingewinn von 3 Milliarden Dollar hätte ein Traditionsunternehmen eine Kapitalisierung von 40 bis 90 Milliarden“. Mit anderen Worten: Diejenigen, die Amazon-Aktien kaufen, streben nicht die am Ende des Jahres gezahlte Dividende an. Ihr einziger Zweck ist es, sie mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Sie spekulieren auf die mögliche Entwicklung dieser Unternehmen.

Diese irrsinnigen Börsenbewertungen spiegeln auch wider, dass die verfügbaren Kapitalmassen keine Absatzmöglichkeiten in anderen attraktiven Produktionssektoren finden.

Dies hindert diese weitgehend virtuellen Börsenwerte nicht daran, sehr reale Folgen zu haben. Die Finanzkraft der Gafam ermöglicht es ihnen, Monopole aufzubauen, indem sie ihre potenziellen Konkurrenten zu einem hohen Preis aufkaufen. So bezahlte Facebook 2014 19 Milliarden Dollar für den Kauf von WhatsApp und 2012 für Instagram 1 Milliarde Dollar – ein Unternehmen, das zu dem Zeitpunkt nur 13 Mitarbeiter hatte…

Diese globalen Monopole ermöglichen es den Gafam immer mehr Reichtum anzuziehen: durch bezahlte Werbung, durch die astronomische Masse der von ihnen erfassten personenbezogenen Daten, aber auch durch die Ausbeutung von Arbeitern auf der ganzen Welt - direkt oder durch Subunternehmen.

Diese Börsenwerte können jedoch genauso schnell sinken, wie sie in die Höhe geschossen sind. Im letzten Quartal 2018 verloren die Börsenwerte in wenigen Wochen insgesamt 11 Billionen Dollar! Alle Gafam sind zum 31. Dezember auf unter 800 Milliarden zurückgegangen. Facebook, das in den Vereinigten Staaten beschuldigt wird, personenbezogene Daten seiner Nutzer durchsickern zu lassen, verlor an einem einzigen Tag 120 Milliarden oder 20% seines Wertes.

Ohne hier Schwarzseher spielen zu wollen, wiederhole ich hier nur mal ein Sprichwort der Bankiers:  "Bäume wachsen nicht in den Himmel" und so sind die Gafam auch sehr gute Kandidaten, die den nächsten Crash auslösen können.

 

Die Schwäche der produktiven Investitionen

Der Börsenboom ist mit geringen Investitionen in Industrie und Infrastruktur verbunden. Kapitalisten zögern, Kapital in der Produktion zu blockieren, weil sie mehr durch Finanzen verdienen als in der Produktion, und weil sie keinerlei Vertrauen in die Zukunft ihrer eigenen Wirtschaft haben.

Der dramatische Einsturz der Brücke bei Genua im vergangenen August veranschaulicht den Zustand der italienischen Autobahnen. Der Zustand von Brücken und Straßen in Frankreich oder Deutschland ist nicht gerade besser. Die deutsche Presse prangert die Unterentwicklung der Telefonnetze an, die den Breitbandaufbau verlangsamt. In den Vereinigten Staaten haben veraltete Elektroinstallationen in Kalifornien tragische Brände verursacht.

Im Vergleich zu früheren Zeiten haben die Kapitalisten weniger Industrieanlagen gebaut, und wenn dann kleinere. Die produktiven Investitionen haben bisher nicht mehr das Niveau von vor der Krise 2008 erreicht. Kapitalisten verschleißen längst abgeschriebene Anlagen bis zum Letzten. Die Nutzungsdauer von Geräten in der Industrie hat sich in den letzten 30 Jahren um 1% pro Jahr (!) erhöht.

Diese Schwäche der produktiven Investitionen ist nicht neu. Sie war bereits vor dem Crash 2008 vorhanden. Sie ist mit der Entwicklung des Welt-BIP zu vergleichen. Während es zwischen 1961 und 1973 durchschnittlich um 5,5% pro Jahr zunahm, stieg es zwischen 1973 und 2000 nur um 3,1% pro Jahr und zwischen 2000 und 2017 nur um 2,9%. Alle diese Zahlen - so unverdaulich sie auch sein mögen - zeichnen das gleiche Bild: Die Produktivkräfte entwickeln sich immer langsamer.

Selbst das Auseinanderbrechen der Sowjetunion, die Wiedereingliederung Mittel- und Osteuropas in den westlichen Einflussbereich und die Wiedervereinigung Deutschlands ab 1990 haben die Investitionen nicht angekurbelt. Westliche Waren haben diese Länder überschwemmt, die von Carrefour, Auchan, Lidl und anderen verkauft werden. Aber auf der Investitionsseite beschränkten sie sich auf ein Minimum. Westliche Industrielle haben lokale Marken aufgekauft, um Fabriken zu schließen oder eigene Montagewerke zu installieren. Diese Reintegration, die inmitten einer Rezession stattfand, hat das Wachstum der kapitalistischen Wirtschaft nicht angeregt. Sie gab ihm keine neue Lebenskraft, die mit der des frühen 20. Jahrhunderts vergleichbar wäre, als europäisches Kapital im zaristischen Russland investiert wurde.

Bürgerliche Ökonomen wie Larry Summers, ehemaliger Minister und Berater von Clinton und Obama und erfolgloser Kandidat für die Präsidentschaft der Fed, fassen diesen anhaltenden wirtschaftlichen Abschwung als strukturell bedingte langfristige Wachstumsschwäche zusammen. Das zeigt, dass Revolutionäre bei weitem nicht die einzigen Pessimisten für die Zukunft der kapitalistischen Produktionsweise sind!

 

Sinken der Arbeitsproduktivität

Die Verlangsamung der Investitionen spiegelt sich in einer Verlangsamung des allgemeinen Fortschritts der Arbeitsproduktivität wider. Im Laufe der Zeit haben der technologische Fortschritt, verbesserte Fertigungsprozesse und die Automatisierung zu enormen Produktivitätssteigerungen geführt. Hat es beispielsweise 50 Stunden gedauert, um eine Waschmaschine oder einen Kühlschrank herzustellen, reichen jetzt zwei Stunden.

Wenn die Produktivität sich heute weiter verbessert, erfolgt dies weniger durch den Einsatz neuer und besserer Technologien als durch stärkere Ausbeutung. Man braucht heute viermal weniger Arbeiter, um ein Auto zu produzieren als Anfang der 80er Jahre. Diese Produktivitätssteigerungen sind zum Teil das Ergebnis von Automatisierung und Robotertechnik. Aber sie stammen noch mehr von der Einführung der Just-in-time-Abläufe, Lean Management, ergonomischen Berechnungen an allen Arbeitsplätzen und der Reduzierung von Pausen. Bei Renault werden die Minuten nicht in 60 Sekunden, sondern in 100 Hundertstel zerlegt, um jede Bewegung zu optimieren. Während es in einigen Bereichen Hochleistungsroboter gibt, werden viele schwierige Aufgaben von Zeitarbeitern übernommen oder an unterbezahlte Lieferanten ausgelagert.

Die Verlangsamung der allgemeinen Steigerung der Arbeitsproduktivität spiegelt sich in allen offiziellen Studien wider. Während die Produktivität in den entwickelten Ländern zwischen 1950 und 1973 um durchschnittlich 4 % pro Jahr und zwischen 1973 und 2003 um 2 % gestiegen ist, steigt sie heute nicht mal mehr um 1 %. In Europa soll sie sogar bei null liegen. Eine OECD-Mitteilung vom letzten Juni schlug Alarm: "Ein langsames Wachstum der Arbeitsproduktivität schadet den entwickelten Volkswirtschaften in der ganzen Welt und könnte die Verbesserung des Lebensstandards gefährden". In der gleichen Mitteilung wurde festgestellt, dass "die geschaffenen Arbeitsplätze wenig produktiv und damit niedrig bezahlt sind, und nicht viel zur Nachfrage beitragen". Mit der Krise gibt es weniger aktiv Arbeitende, sie sind weniger gut bezahlt, prekärer und deshalb verbrauchen sie weniger. Und ohne die Aussicht auf eine expandierende Kaufkraft am Markt wollen Kapitalisten nicht investieren. Der Kapitalismus ist in einem Teufelskreis gefangen.

Marx hatte diesen "neuen Widerspruch des kapitalistischen Produktionssystems (…), der die Entwicklung der Produktivität behindert“ bereits aufgedeckt. Dieser Widerwillen der Kapitalisten Investitionen zu tätigen, nimmt zwei Formen an. Die erste ist, dass ein Kapitalist nicht in eine hochentwickelte Maschine investieren wird, solange er einen sehr schlecht bezahlten Arbeiter die gleiche Aufgabe erfüllen lassen kann. Die zweite Voraussetzung für eine Investition ist, dass die erzielten Produktivitätsgewinne die Produktionszeit jeder Ware und damit ihren Preis so weit reduzieren, dass die Investition rentabel wird.

Im Laufe der Zeit ist der Wert einiger Waren auf ein solches Niveau gesunken, dass der durch die Produktion erzeugte Mehrwert nicht mehr ausreicht, um für die Kapitalisten interessant zu sein. Wenn ein Produktionszyklus zu Ende geht und es unumgänglich wird wieder zu investieren, verzichten die Kapitalisten darauf. Manchmal wird die Produktion auf schwächere Kapitalisten übertragen, die mit einer niedrigeren Profitrate zufrieden sind. Die großen Chemie- oder Pharmakonzerne haben ganze Produktionsbereiche an Subunternehmer verkauft und sich dabei auf die profitabelsten konzentriert. Teilweise werden Produktionszweige, die für die Bevölkerung nützlich sind - einschließlich einiger Medikamente - völlig aufgegeben.

Was für die Menschheit ein Fortschritt sein sollte - weniger Zeit für die Produktion nützlicher Güter aufzuwenden - ist für die Kapitalisten nur dann ein Fortschritt, wenn er ihnen erlaubt, ihren Profit zu steigern.

 

Künstliche Intelligenz und das Ende der Arbeit?

Es ist Mode, Arbeitslosigkeit und die Schaffung immer schlechter bezahlter Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor und nicht in der Industrie durch Robotisierung und künstliche Intelligenz zu erklären. Dies war eins von Benoît Hamons Argumenten zur Verteidigung des allgemeinen Grundeinkommens während des Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2017. Sein allgemeines Grundeinkommen, genauso wie das Staatsbürgerschaftseinkommen der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, ist nichts anderes als ein Almosen für all diejenigen, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Diese Almosen werden auch von den so genannten Solidaritätsbudgets abgezogen, d.h. von den Lohnnebenkosten aller Arbeiter.

Prognosen über "das Ende der Arbeit" oder "allgemeine Automatisierung" sind nicht neu. Solche Studien gibt es seit 50 Jahren, seit die kapitalistische Wirtschaft schrittweise immer mehr Millionen von Arbeitern in Massenarbeitslosigkeit gestürzt hat. Auch wenn sie nicht völlig frei erfunden sind, übersehen diese Studien das Wesentliche: Die Hauptursache für den Verlust von Arbeitsplätzen ist nicht die Robotik, sondern die Zunahme der Ausbeutung in der wirtschaftlichen Krise und Stagnation.

Die Einführung von Maschinen - denn Roboter sind ausgefeilte Maschinen - um schneller und in größerem Umfang zu produzieren, um die Produktionszeit zu verkürzen, war von Anfang an ein wichtiges Merkmal des Kapitalismus. Zu jeder Zeit wurde diese Einführung zum Leidwesen der Arbeiter durchgeführt. Einige von ihnen wurden in die Arbeitslosigkeit zurückgeworfen, während diejenigen, die für den Betrieb der neuen Anlagen eingestellt wurden, nur noch stärker als die bisherigen ausgebeutet wurden. Im Zuge der Erweiterung und Entwicklung des Systems fanden Arbeiter, die von veralteten Arbeitsplätzen rausgeschmissen wurden - oder zumindest ihre Kinder - Arbeit in neuen Branchen. Dies ist Schumpeters berühmte "kreative Zerstörung". Aber wenn die Wirtschaft stagniert, können weder Arbeiter, die von einem Job ausgeschlossen wurden, noch ihre Kinder einen neuen finden.

Es bedarf auch einer großen sozialen Blindheit, um nicht hinter den Robotern die zunehmende Ausbeutung der Arbeiter zu sehen. Umgekehrt, wo Roboter massenhaft eingeführt werden könnten, um schwierige Arbeitsplätze zu beseitigen, tun Kapitalisten dies nicht, weil die Löhne niedrig sind und der kauffähige Markt nicht expandiert. Der Kapitalismus war schon immer die Verbindung von außergewöhnlichen technologischen Leistungen mit der schlimmsten Ausbeutung des Menschen.

 

China, der Motor des globalen Wachstums?

Man will uns erzählen, dass dieses düstere Bild nur für die alten Industrieländer stimmen würde. Würden Investitionen, Schaffung neuer Anlagen und hier verloren gegangene Produktivitätsgewinne nicht auf die Schwellenländer, die berühmten BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) übertragen? Ist China nicht gerade der Motor des globalen Wachstums?

Die Wiedereingliederung Chinas in den kapitalistischen Markt, die Anfang der 80er Jahre begann, hat zweifellos Auswirkungen auf die Entwicklung der Weltwirtschaft gehabt. In den Jahren 1995 bis 2008, als sich die Globalisierung beschleunigte, produzierte China zwei Drittel der weltweiten Spielzeuge und Digitalkameras, die Hälfte aller Computer und Telefone und ein Drittel aller Haushaltsgeräte. Dieses Land ist zur Werkstatt der Welt geworden. Subunternehmer - chinesische oder taiwanesische - arbeiteten, um Schuhe für Nike herzustellen oder Computer und Smartphones für Apple, Nokia oder Samsung zu montieren. Diese Waren sind hauptsächlich für den Export in westliche Märkte bestimmt. Sie wurden - und werden immer noch - zu sehr niedrigen Kosten und mit geringer Wertschöpfung produziert.

Während das von Foxconn in China gefertigte iPhone ein technologisches Juwel mit hoher Wertschöpfung ist, werden die teuersten und komplexesten Teile, wie beispielsweise der Prozessor oder der GPS-Empfänger, in den USA und Deutschland hergestellt. Apple hat die internationale Arbeitsteilung so weit wie möglich vorangetrieben, um seinen Gewinn zu maximieren. Bei der Aufteilung des in China produzierten Mehrwerts kassieren die westlichen Kapitalisten den Löwenanteil.

China bleibt ein armes Land mit ganzen Regionen, die unterentwickelt sind. Der ehemalige Chefökonom der Agricultural Bank of China sagte kürzlich der Welt: "In meinem Dorf in Hubei gibt es immer noch keine modernen Toiletten oder Duschen, und der Zugang zu Gesundheit oder Bildung ist nach wie vor schwierig. Vergessen Sie die Statistiken der Weltbank; das einzige Kriterium für die Entwicklung eines Landes ist das Dorfleben". Von den 1,3 Milliarden Einwohnern Chinas sind viele noch Bauern, die in unterentwickelten Regionen gerade so überleben oder in Industriezentren wandern, wo sie die Zahl Arbeiter vergrößern, die in riesigen Werkshallen ausgebeutet werden.

Die Entwicklung Chinas hat sicherlich zur Entstehung einer Kleinbourgeoisie geführt, zusätzlich zu den roten Milliardären, die im Schatten des chinesischen Staates gediehen sind. Es handelt sich um 100 oder 150 Millionen Menschen, deren Lebensstandard dem der entwickelten Länder näher kommt. Um Autos für diese Kleinbourgeoisie zu produzieren, bauten westliche Kapitalisten Fabriken. Andere produzierten die von der chinesischen Regierung erworbenen Flugzeuge und Züge, um die Infrastruktur zu entwickeln. Die Industrialisierung des Landes hat multinationalen Unternehmen aus den Bereichen Stahl, Öl und vielen anderen Rohstoffen die Möglichkeit gegeben, sich zu etablieren. Unter diesem Gesichtspunkt hat China das globale Wachstum vorangetrieben.

Aber die Wiedereingliederung dieses Landes in die kapitalistische Wirtschaft hat weder ihre Widersprüche beseitigt noch ihre allgemeinen Tendenzen gebremst. China ist der Krise von 2008 nicht entkommen. Die Rezession hat zum Abschwung der chinesischen Exporte geführt. Zum Ausgleich hat die chinesische Regierung Tausende Milliarden Dollar für den Bau von Flughäfen, Hafenanlagen, Straßen, Gebäuden und sogar ganzen Städten ausgegeben. Diese exzessiven Investitionen, die nicht mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zusammenhängen, erhöhen künstlich die Wachstumsrate Chinas wie die Rohstoffimporte. Sie boten chinesischen und westlichen Unternehmen einen Markt. Aber sie verursachten schnell eine enorme Überproduktion. Riesige Fabriken, die zu viel Stahl und zu viel Beton produzierten, mussten schließen; brandneue Werften wurden dem Rost überlassen; riesige neue Städte blieben Geisterstädte. Wenn sich die Produktivkräfte entwickeln, geht es in China genauso wie anderswo nicht darum, die Bedürfnisse der Arbeiterklasse zu erfüllen. Sie sollen Spekulanten, Industrielle und Bankiers bereichern. Und letztlich verrotten sie sofort wieder in diesem Feuerwerk gigantischer Verschwendung. Selbst wenn sie keine Waffen produzieren, stellen die Kapitalisten keine Güter her, die für die Menschheit nützlich sind.

Wie alle seine westlichen Gegenstücke finanzierte auch der chinesische Staat dieses Konjunkturprogramm mit Krediten. Die Verschuldung des chinesischen Staates, wie die der Regionen, schlägt alle Rekorde. Die unteren Bevölkerungsschichten Chinas werden die Rechnung in Form von Steuern, Inflation, Unternehmenskonkursen und folgender Massenarbeitslosigkeit bezahlen. China ist nicht immun gegen das Krebsgeschwür der Finanzwirtschaft.

Die relative Entwicklung Chinas unter Führung des Staates hat zum Aufstieg einiger chinesischer Industriekonzerne geführt. Auch wenn keine dieser Gruppen in der gleichen Liga wie amerikanische multinationale Konzerne spielt, können einige davon als Konkurrenten westlicher Unternehmen auftreten. Die Hindernisse, die derzeit für das Eindringen von Huawei oder ZTE in den amerikanischen Markt existieren, verdeutlichen dies. Der Wettbewerb ist umso intensiver, da der chinesische Binnenmarkt, der sich aus den privilegierten Klassen zusammensetzt, sehr begrenzt ist und sich nicht erweitert. Dies erklärt die protektionistische Einstellung eines Donald Trump. Auch wenn es sich in erster Linie um politische Einstellungen handelt, so sind die allgemeine Stagnation der Weltwirtschaft und die Hektik der Spekulanten so groß, dass Aussagen von Politikern, die aus wahltaktischen Gründen gemacht werden, wirtschaftliche Auswirkungen haben. Sie provozieren spekulative Angriffe und eine reale Abschwächung des Handels. Gerade erst am 20. Februar, vor zwei Tagen, war die Zeitung Les Echos darüber beunruhigt, dass "der internationale Handel durch Handelsstreitigkeiten und Konjunkturabschwächung bedroht seien". Die gleiche Zeitung war besorgt über "das Ende des chinesischen Motors".

 

Informatik - eine neue industrielle Revolution?

Aber, so wird uns immer noch gesagt, wie können wir über einen geringen Produktivitätszuwachs sprechen, wo wir doch gerade dreißig Jahre digitale Revolution erlebt haben? In einer Zeit, in der Computer in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingeführt wurden und das Internet fast überall auf der Welt verfügbar ist, was die Kommunikation erleichtert und beschleunigt?

Der erste, der auf dieses Paradoxon hinwies, war der amerikanische Ökonom Robert Solow, der 1987 zum Thema Mikroinformatik bemerkte: "Wir sehen überall Computer, außer in den Produktivitätsindikatoren". Dennoch hat die Gesamtproduktivität vor allem in den Vereinigten Staaten während der so genannten Periode der Internet-Revolution von 1994-1995 eine Tendenz nach oben entwickelt. Dieser Anstieg der Produktivität, der durch das Platzen der Internetblase Anfang der 2000er Jahre vorübergehend gestoppt wurde, war bis 2008 wieder in Gang gekommen. Aber die brutale Finanzkrise unterbrach ihn wieder.

Informatik, Digitaltechnik, Internet und die vielen Fortschritte in der Telekommunikation haben natürlich den Alltag der Menschen verändert, und zwar nicht nur, indem sie nach Smartphones süchtig wurden! Sie haben die Organisation und Arbeitsweise in Büros, aber auch in Fabriken verändert. Das ist nicht der Punkt.

Diese "technologische Revolution" war die Voraussetzung für die Wiederbelebung der Globalisierung zwischen 1995 und 2008. Dass Apple und so viele andere in der Lage waren, die Montage ihrer Waren nach China zu verlagern, dass sie in der Lage waren, die Zulieferung von Komponenten auf der ganzen Welt explosionsartig zu steigern, war nur möglich dank des Rückgangs der Seetransportkosten und der Fortschritte bei der Informationsübermittlung. Diese technologische Revolution, kombiniert mit dem Boom der chinesischen Industrie, hatte Auswirkungen auf das globale Wachstum im Jahrzehnt vor der Krise 2008.

Aber diese Periode des Wachstums und der Innovation dauerte nur etwa zehn Jahre, während die Wachstumsperiode in der Nachkriegszeit mehrere Jahrzehnte angedauert hat. Außerdem haben die Wachstumsraten der beiden Perioden nicht die gleiche Größenordnung. Die Verallgemeinerung der Informationstechnologie hat keine neue Periode massiver Entwicklung der Produktivkräfte ermöglicht, die mit der der ersten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert oder der zweiten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vergleichbar wäre. In einem kürzlich erschienenen Artikel über die säkulare Stagnation bemerkte ein Wissenschaftler: "Zweifellos haben Entdeckungen wie die Dampfmaschine, die Elektrizität, die Abwasser-Kanalisation, medizinische Entdeckungen und Fortschritte in den physikalischen und chemischen Wissenschaften zu einer Umwälzung des Lebens der Menschen geführt. (...) Dies ist bei jüngsten Innovationen wie Computerisierung, Robotik und Elektronik (...) viel weniger der Fall". Dies spiegelt die Tatsache wider, dass sowohl die Produktivitätssteigerung als auch die Entwicklung der Produktivkräfte mit der Zeit abnehmen.

Und wenn diese digitalen Technologien eingesetzt werden, so sind sie von einer empörenden Verschwendung begleitet. So machen es die Informations-Technologie, die satellitengestützte Ortung und die immensen Kapazitäten von Containerschiffen, die um die Welt reisen, es Amazon möglich, weltweit Pakete zu versenden. Aber die Logik des Gewinns veranlasst Amazon selbst und seine Lieferanten neue Produkte zu zerstören, die manchmal sehr teuer sind, um Lagergebühren zu vermeiden. High-Tech-Produkte werden durch programmierte Alterung bewusst sabotiert. Konkurrenz und fehlende Planung brachten Unmengen von Lastwagen auf die Straße, um identische Produkte zu liefern. Wie Trotzki 1938 sagte: „Die neuen Erfindungen und die technischen Fortschritte dienen nicht mehr dazu, das Niveau des materiellen Reichtums zu erhöhen“.

 

Soziale Revolution - der einzige Weg aus der Sackgasse

 

Die Produktivkräfte sind mehr als reif für den Sozialismus

In der kapitalistischen Wirtschaft spiegelt sich die Verlangsamung der Produktivitätssteigerungen in Arbeitslosigkeit, niedrigen Löhnen und der Finanzialisierung wider. Für die Menschheit sollte diese Verlangsamung kein Problem darstellen. Sie bedeutet, dass die Produktivität bereits ein hohes Niveau erreicht hat. Die derzeitigen Produktivkräfte sind bereits so weit entwickelt, dass sie mehr als ausreichen würden, um den Bedarf von 8, 9 oder 10 Milliarden Menschen zu decken. Während der Kapitalismus nicht ohne starkes Wachstum funktionieren kann, so hat die Menschheit hingegen kein anderes Ziel, als alle Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder zu befriedigen - nicht mehr und nicht weniger. Diese Bedürfnisse dürfen nicht beschränkt werden. Sie werden ständig erneuert und erweitert. Aber es gibt keinen Grund, sie ins Unendliche wachsen zu lassen. Ebenso ist es bei dem akkumulierten Kapital, den vorhandenen Produktionsmitteln und den natürlichen Ressourcen, dem Klima oder dem Boden: Man muss mit ihnen wie ein „guter Familienvater“ umgehen, um sie „den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“ um ein Marx-Zitat zu verwenden.

Zum ersten Mal in der Geschichte der menschlichen Gesellschaften ist das soziale Mehrprodukt so groß, dass es von allen genutzt werden könnte, ohne von der privilegierten Klasse vereinnahmt zu werden. Das von den Produktivkräften erreichte Niveau würde es ermöglichen, die durchschnittliche Arbeitszeit, die jeder Einzelne für die Befriedigung der Bedürfnisse aller aufwenden muss, erheblich zu verringern; dies wird als "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" bezeichnet. Um diese Zeit auf ein Minimum - einige Stunden im Monat - zu reduzieren, ist es notwendig, dass jede Person, unabhängig von Alter und Fähigkeiten, ihren Platz in diesem Prozess finden kann. Dies wird verhindern, dass einige der Ausgebeuteten ihre Gesundheit auf der Arbeit zerstören, während ein anderer Teil in Armut stirbt oder in Arbeitslosigkeit oder mit kleinen Jobs überlebt. Es wird so auch möglich sein, dass der Zugang zu Kultur, Wissenschaft, Kunst aber auch zum Müßiggang - das von Paul Lafargue beanspruchte "Recht auf Faulheit" - nicht mehr das Privileg einer Minderheit ist, die von der Mehrarbeit der überwiegenden Mehrheit profitiert. Die frei verfügbare Zeit muss zum Maß des Reichtums werden, sagte Marx, für den die Verkürzung des Arbeitstages eine notwendige Voraussetzung für das Aufblühen der Menschen war.

Dazu ist es notwendig, alle vorhandenen Produktionsmittel vernünftig und geplant einzusetzen. Alle Mittel zur Bedarfsermittlung, für das Durchführen von Produktion, Transport und Vertrieb sind bereits vorhanden. Sie werden bereits eingesetzt. Apple, Amazon, Google, Total, Michelin, Warren Buffet und JP Morgan setzen fortschrittliche Bestands-, Prognose-, Organisations- und Rationalisierungswerkzeuge ein. Diese Mittel wurden nicht durch das persönliche Genie eines Steve Jobs oder Bill Gates entworfen und entwickelt. Sie wurden durch die von früheren Generationen geleistete Arbeit, durch die internationale Arbeitsteilung, durch die öffentlichen Forschungsbudgets der reichen Länder und durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die das Gemeingut der Menschheit sind, erreicht.

Damit all diese Mittel aufhören, ausschließlich der Erzeugung von Mehrwert zu dienen, ja Maschinen zur kontinuierlichen Vermehrung des Kapitals und zur Zerstörung des Planeten zu sein, dafür müssen sie vergesellschaftet werden. Dafür müssen die Eigentümer dieser großen Monopole enteignet werden, die sie durch Ausbeutung und Diebstahl des Reichtums erworben haben, der von den Arbeitenden auf der ganzen Welt über mehrere Generationen hinweg geschaffen wurde.

Dies kann weder durch Wahlen noch durch einen Wechsel der politischen Gruppen, die an der Macht sind, noch durch einen Wechsel der gesellschaftlichen Institutionen erreicht werden. Um dieser Minderheit von Kapitalisten die Macht zu entreißen, die das gesellschaftliche Leben viel stärker kontrollieren als die politischen Führer, ist eine soziale Revolution notwendig. Wir müssen "die Enteigner enteignen". Das Ziel von Marx und Engels und den Revolutionären, die ihnen folgten, war, diese soziale Revolution vorzubereiten, um den Ausgebeuteten, die die Wirtschaftsmaschinerie in Gang halten, und der gesamten Gesellschaft zu ermöglichen, die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.

 

Wiederbelebung des Klassenbewusstseins und Wiederaufbau revolutionärer Parteien

"Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der proletarischen Revolution sind schon seit langem am höchsten Punkt angelangt, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann", schrieb Trotzki 1938 als Einleitung für das Übergangsprogramms. Er wusste, wovon er sprach: Schließlich hatte er lange vor dem Ersten Weltkrieg seine revolutionären Überzeugungen ausgebildet, in einer Zeit, in der er bereits alle Widersprüche des Kapitalismus erlebte. Er hatte bereits als Führer an der revolutionären Welle teilgenommen, die dieses veraltete Gesellschaftssystem fast beseitigt hätte und er musste dieser unausweichlichen Entwicklung hin zum Zweiten Weltkrieg beiwohnen. Trotzki wusste, dass er von Stalin zu Tode verurteilt war und so bestand sein ehrgeiziges Ziel darin, "die neue Generation mit der Methode der Revolution über die Köpfe der Führer der Zweiten und Dritten Internationale hinweg auszurüsten".

Trotzki gelang es, das politische Kapital, das von aufeinanderfolgenden Generationen kommunistischer Aktivisten - von Marx bis Lenin - hinterlassen wurde, weiterzugeben. Aber das reichte nicht aus, um die Ausgebeuteten, sowohl der imperialistischen Metropolen als auch der kolonialisierten Länder, dem Einfluss der sozialdemokratischen und stalinistischen Führer oder bürgerlichen Nationalisten zu entreißen. Die Bourgeoisie hat es geschafft, ihre politische Macht zu bewahren und ihre Herrschaft über die Gesellschaft und ihre Kontrolle über die Produktionsmittel zu stärken.

Aber alle von Trotzki aufgeworfenen Probleme bleiben bestehen. In den fast 75 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das kapitalistische System 50 Jahre der Krise erlebt. Wieder einmal, wie es die Sorgen seiner Experten und Intellektuellen zum Ausdruck bringen, "sieht die Bourgeoisie selbst keinen Ausweg“. Auch wenn bis jetzt noch kein Mechanismus, der zu einem nächsten Weltkrieg führt, ausgelöst wurde, so verwüsten doch Kriege ganze Regionen des Planeten. Die tiefe Krise der kapitalistischen Wirtschaft verschärft den Klassenkampf. Auch andere soziale Schichten als die Arbeiter erfahren nun das Gesetz des Großkapitals. Verschiedene Schichten der Kleinbourgeoisie erleben, wie ihr Lebensstandard untergraben und ihre soziale Situation bedroht wird. Die Krise hat politische Auswirkungen in allen Ländern, wie der Machtzuwachs nationalistischer und fremdenfeindlicher Demagogen in den USA, Italien, Ungarn, der Brexit in Großbritannien und die beschleunigte Abnutzung der Cliquen zeigt, die in Frankreich an der Macht sind. Im Gegenzug verschärfen die kleinlichen politischen Kalküle der Politiker, die sich gegen ihre Konkurrenten durchsetzen und gewählt werden wollen, die wirtschaftlichen Widersprüche.

Die Krise wird nicht aufhören. Um eine immer größer werdende Mehrwert-Masse für den kleinen Kreis der großen Kapitalisten zu gewinnen, die den Reichtum auf sich konzentrieren, werden die politischen Führer an der Macht - ob liberal und globalisierungsfreundlich oder nationalistisch und protektionistisch - die Rechte der Arbeiter weiter zerstören. Macron, der Verfechter der Europäischen Union, oder Orban, der die EU ständig beschimpft, verfolgen alle eine arbeiterfeindliche Politik in ihren Ländern. Es gibt keinen Platz mehr für die Illusion des sozialen Dialogs. Die Bourgeoisie hat keine andere Wahl, als den Anteil, den die Arbeiter bekommen, immer weiter zu reduzieren.

Wir wissen nicht, welche unglückliche Entscheidung den nächsten Finanzcrash auslösen wird. Aber wir wissen, dass er schlimmer sein wird als der vorherige. Es ist nicht klar, ob die Staaten noch Mittel finden werden, um ihn zu stoppen. Auch wenn kein Crash an sich für den Kapitalismus tödlich ist, wie ein Ökonom einfältig über den Crash 2008 sagte, so werden sie für die Gesellschaft immer dramatischer. Jeder Crash beschleunigt den Zersetzungsprozess des Systems.

Der einzige Ausweg aus dieser Sackgasse besteht darin, dass die Arbeiterklasse wieder an das Bewusstsein für ihre kollektiven Interessen anknüpft, und an die Tatsache, dass sie die Gesellschaft als Ganzes am Laufen hält. Und dass sie aus diesem Grund über eine immense Kraft verfügt. Seit der Zeit des Übergangsprogramms hat das zahlenmäßige und soziale Gewicht der Arbeiterklasse zugenommen. Hunderte Millionen Arbeiter sind vereint, über Unternehmen, Städte, Wirtschaftssektoren und Grenzen hinweg. Sie sind miteinander durch den Produktionsprozess und den Warenverkehr aller Güter miteinander verbunden. Was ihnen fehlt, ist das Bewusstsein, eine einzige Klasse mit gemeinsamen Interessen zu bilden. Sie ist die soziale Klasse, die rechtens und in der Lage ist, die Gesellschaft besser zu führen als die Kapitalistenklasse.

Wir wissen nicht, welche Maßnahme, welche Schandtat, Abwehrkämpfe oder tiefere Revolten in diesem oder jenem Land auslösen wird. Durch die tägliche Ausbeutung und Verschärfung der Krise wird es aber nicht an Auslösern dazu fehlen. Aber damit diese kollektiven Kämpfe zur Wiederbelebung des Klassenbewusstseins beitragen; damit sie in so vielen Ländern wie möglich erfahrene Arbeiter-Aktivisten hervorbringen; damit sie Etappen zur Verwandlung der Arbeiter in eine politische Kraft werden, die entschlossen ist, die Macht der Bourgeoisie herauszufordern, müssen wir daran arbeiten, die "Methode der Revolution" zu verstehen, zu vermitteln und zu verbreiten, die wir von der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung geerbt haben.