Die Rückkehr der Inflation (aus Lutte de Classe von September 2021)

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Die Rückkehr der Inflation
Oktober 2021

Bis Anfang 2021 war der Anstieg der Verbraucherpreise, so wie er von Regierungsseite gemessen wird, relativ begrenzt. Diese offizielle Inflation hat auf dem Höhepunkt der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr 2020 sogar Null- oder sogar Negativwerte erreicht. Seit Anfang 2021 hat sich der Trend umgekehrt, und die meisten Preisindexe der Regierung zeigen nach oben.

Diese Preisindexe geben nur eine verzerrte Sicht auf die Warenpreise wieder. Sie stützen sich auf einen Korb aus Waren und Dienstleistungen, deren Preisentwicklung jeden Monat überwacht werden. Die Zusammensetzung dieses Warenkorbs soll den Verbrauch der „Haushalte“ repräsentieren. Er ist also bestenfalls ein Mittelwert aus dem, was die reichsten und die ärmsten Bevölkerungsschichten konsumieren. Wie auch immer, diese Preisindexe sind die einzigen, die uns zur Verfügung stehen. Und ihre Entwicklung sagt schon einiges aus. So bewegte sich die vor der Krise im Jahr 2020 gemessene Inflation in der Europäischen Union zwischen 1 und 2% pro Jahr. Seit April 2021 liegt sie bei über 2% pro Jahr, im Juli wurden 2,5% gemessen. In Frankreich sind die offiziellen Zahlen zwar immer noch niedriger, aber der Trend ist ebenfalls steigend. In den USA schwankte die Inflation 2018 und 2019 zwischen 1,5 und 3%. Seit April liegt sie bei über 4%, im Juli wurde die jährliche Inflationsrate auf 5,4% geschätzt. Selbst wenn man die Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, beträgt der Anstieg 3,8% und ist damit der stärkste seit Juni 1992. Zusammen mit den USA liegen viele Länder bei über 5%, wie Südafrika, Indien und Mexiko. Im Jahresvergleich lag die Inflation in Brasilien im Juli bei über 9%, in der Türkei bei 18% und in Argentinien bei über 51%. Auch wenn die Inflation in den beiden letztgenannten Ländern in weiten Teilen andere Ursachen hat, die vor 2020 entstanden sind, so ist es doch eine Tatsache, dass der Anstieg der Verbraucherpreise in den letzten Monaten ein charakteristisches Merkmal der kapitalistischen Wirtschaft ist. Die Preise zu erhöhen ist eine weitere Möglichkeit für Unternehmen, ihre Profite auf Kosten ihrer Kunden zu steigern, insbesondere auf Kosten der breiten Massen, die ihrerseits die gestiegenen Preise der von ihnen konsumierten Waren an niemanden weitergeben können.

 

Spekulation mit Rohstoffen

Die von einigen Zeitungen und Kommentatoren vorgebrachte Erklärung für den Preisanstieg beruht auf einem gesamtwirtschaftlichen Phänomen: Die Erholung der Wirtschaft verläuft unkoordiniert, mit zahlreichen Engpässen. Einer dieser Engpässe ist die Rohstoffproduktion, die nach monatelanger Flaute hinter der Nachfrage zurückbleibt, was die Preise in die Höhe treibt. Man zeigt mit dem Finger auf China, dessen Produktionsapparat sich zuerst erholt hat und das eines der Länder mit der größten Nachfrage nach Rohstoffen ist. Jedenfalls geben die Unternehmen, die diese Rohstoffe verbrauchen, die teurer gewordenen Preise hierfür an ihre Kunden weiter, wodurch die Preise für alle Waren steigen.

Diese Erklärung ist nur teilweise zutreffend und politisch gewollt. Das Beispiel des Erdöls ist bezeichnend. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl auf dem Weltmarkt ist spürbar gestiegen, von 40 US-Dollar im November auf über 70 Dollar im Juni. Die Nachfrage nach Öl ist zwar höher als im Jahr 2020, liegt aber immer noch deutlich unter dem Niveau von Ende 2019, dem Jahr vor der Krise. Gleichzeitig sind die weltweiten Produktionskapazitäten sogar deutlich höher als die Menge, die der Markt 2019 nachgefragt hat. Dennoch wird deutlich weniger Öl auf dem Markt angeboten. Der Grund ist, dass die Förderländer die Ölproduktion bewusst gedrosselt haben, wodurch die Preise steigen. Die Produzenten, Saudi-Arabien, Russland ebenso wie den USA, verknappen also das Angebot und verkaufen lieber etwas weniger Öl, dieses aber dafür viel teuer. Der Nebeneffekt ist übrigens, dass der Ölpreis die kritische Marke übersteigt, aber der die relativ kostspielige Förderung der in den USA lagernden hunderten Millionen Barrel wieder rentabel ist.

Dieser Wille, die Produktion zu drosseln und nur kontrolliert zu erhöhen, damit sie unter der Nachfrage bleibt, wurde am 18. Juli von den 23 Ländern der OPEC, der Organisation erdölexportierender Länder, bestätigt. Sie einigten sich darauf, ihre Tagesproduktion in den kommenden Monaten nur um 400.000 Barrel pro Monat zu steigern. Was die Öl- und Gaskonzerne betrifft, so haben diese alle Möglichkeiten, den Preisanstieg auf die Verbraucher abzuwälzen, was sie auch nicht versäumt haben. So macht laut den Statistiken des Insee-Instituts der Anstieg der Energiepreise die Hälfte des Anstiegs der Verbraucherpreise in Frankreich aus. Benzin erreichte an den Zapfsäulen Rekordwerte (+17% im Jahresvergleich) und der regulierte Gastarif, der auf dem Höhepunkt der Krise gesenkt worden war, stieg am 1. Juli um 10 %, am 1. August um 5 % und am 1. September um 8% und lag damit mehr als 15% über dem Tarif vor der Krise.

Öl und Gas sind nicht die einzigen Rohstoffe, deren Preise in die Höhe schnellen. Auch die Preise für Eisen, Kupfer, Aluminium und einige Edelmetalle steigen, ebenso Grundnahrungsmittel wie Weizen, Sojabohnen und Mais, deren Preise weit über den Rekordwerten der letzten fünf Jahre liegen. Die ersten Opfer des Anstiegs der Lebensmittelpreise sind die ärmsten Haushalte, die einen erheblichen Teil ihres Budgets für Lebensmittel ausgeben, auch in den Industrieländern. Zweitens sind es die Länder, die von Importen abhängig sind. Die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens stellen 4% der Weltbevölkerung, tätigen aber 30% der Weizenkäufe auf den internationalen Märkten.

Die Desorganisation der Produktionsketten ist nicht einfach eine Folge der Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit. Sie ist das Merkmal einer marktgesteuerten Wirtschaft, in der keine Koordination, sondern das Recht des Stärkeren herrscht. Das heißt jeder Akteur nutzt jede Situation aus, in der er seine Preise und Gewinnspannen erhöhen kann. So wirkt sich der Frachtpreis im internationalen Transportwesen ebenfalls direkt auf den Preis vieler Waren aus. Und unter Ausnutzung einer Monopolstellung haben auch die Frachtunternehmen ihre Preise in die Höhe getrieben.

Aber das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und die Monopolstellung einiger Konzerne sind nicht die einzigen Faktoren, die die Preissteigerungen erklären. Die Transaktionen werden auf den Finanzmärkten abgewickelt. Wie nach der Krise von 2009 wird die Spekulation dort durch die hunderten Milliarden angeheizt, die die Staaten in der Krise ins System gepumpt haben. Diese Spekulation treibt die Preise für Waren in die Höhe, sogar unabhängig vom Verhältnis zwischen dem tatsächlichen Angebot und der tatsächlichen Nachfrage. So sind die Lager der Baumwollproduzenten überfüllt, aber das hindert den Preis nicht daran, Rekordhöhen zu erreichen. Wie Le Monde am 26. Mai schrieb: „Das beträchtliche Volumen der von den Zentralbanken ins System gepumpten Liquiditäten lässt die Rohstoffpreise weiter steigen und entkoppelt deren Preise vollständig vom realen Markt, was die Finanzblasen anschwellen lässt.“ In dieser Situation, in der das Geld in Strömen in die Finanzmärkte fließt, treibt jedes Gerücht, jedes Risiko einer Dürre oder einer prophezeiten Verknappung die Kurse auf neue Höhen.

 

Beginn eines „Supercycle“ oder Auftakt zu einer Deflation?

Die Zyklen der kapitalistischen Wirtschaft, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen der Menge der produzierten Waren und dem Bedarf, lassen die Preise um ihren Wert schwanken, wobei sich Perioden eines - manchmal abrupten - Rückgangs in Rezessionen und Perioden eines Anstiegs in Phasen der wirtschaftlichen Erholung abwechseln. Diese Schwankungen sind das Ergebnis einer Wirtschaft, in der die Produktion anarchisch ist und ihr gesellschaftlicher Nutzen erst im Nachhinein auf dem Markt gemessen wird. Zu diesen Schwankungen kommt der Einfluss von Konzernen und Monopolen hinzu, die die Fähigkeit haben, die Märkte in eine gewisse Richtung zu lenken und Warenknappheiten zu organisieren, um die Preise in die Höhe zu treiben und sich so durch ihre Stellung eine Extrarendite zu verschaffen.

Zu diesen Phänomenen, die die gesamte Geschichte der Marktwirtschaft begleiten, kommt seit dem Ersten Weltkrieg eine dauerhaft instabile Währung. Die Menge des Edelmetalls im Vergleich zu dem im Umlauf befindlichen Geldes zu beschneiden, ist wohl so alt wie das Geld selbst. Nach dem Ersten Weltkrieg nahmen die Währungsmanipulationen jedoch andere Dimensionen an. Um die Kriegsausgaben und den Wiederaufbau zu finanzieren, druckten die imperialistischen Staaten so viele Banknoten, dass sie die Währung vom Gold entkoppeln mussten. Das Anwerfen der Notenpresse erhöht die Menge des im Umlauf befindlichen Geldes, und dieses neigt dann dazu, an Wert zu verlieren, wodurch die Preise steigen. Die Geldmenge, ihr Wert im Verhältnis zu ausländischen Währungen, die internationale Spekulation auf die Wechselkurse, die Höhe der Staatsverschuldung sowie die Fähigkeit bzw. der Glaube an die Fähigkeit der Staaten, diese zurückzuzahlen – all das sind Parameter, mit denen die bürgerlichen Regierungen rechnen müssen und die ihrer Kontrolle entgleiten können. Die Hyperinflation 1923 in Deutschland, als die Löhne zweimal täglich angepasst werden mussten, um der Geldentwertung und dem Preisanstieg Rechnung zu tragen, ist eines der spektakulärsten Beispiele. Ein weiteres Beispiel ist die Krise der 1970er Jahre, die eine Folge der Sättigung der Märkte und des Zusammenbruchs ihres an Dollar überquellenden internationalen Währungssystems war. Die Inflation der späten 1960er Jahre, die durch staatliche Kredite genährt wurde, schoss Anfang der 1970er Jahre in die Höhe, angetrieben erstens durch den Anstieg der Rohstoffpreise und zweitens durch die Summen, die die Staaten ihrer Bourgeoisie zahlten, um diese in der Krise zu unterstützen. Die gesamte Wirtschaft wurde in einen Zustand ständiger Instabilität versetzt.

Heute sind zwar einige Zutaten einer Inflationsblase vorhanden, wie die massive Verschuldung der Staaten und die Spekulation, aber die Inflation ist nicht oder noch nicht wieder so hoch wie in den 1970er Jahren oder in den 1920er Jahren. Doch wie wird sich die Situation weiterentwickeln? Zu dieser Frage gibt es fast so viele widersprüchliche Meinungen wie bürgerliche Ökonomen. Einige glauben, dass der Preisanstieg, insbesondere der Anstieg der Rohstoffpreise, anhalten wird. Im Mai dieses Jahres behaupteten auf Rohstoffe spezialisierte Banker und Broker, die Investitionen in den ökologischen Wandel und in Elektrofahrzeuge würden die Rohstoffpreise für eine ganze Zeit lang in die Höhe treiben und die Industriepreise mit sich reißen. Die Banker sprachen sogar von einem „Supercycle“ und prognostizierten eine mehr als zehnjährige Phase steigender Preise. Sie sind nicht die einzigen, die der Ansicht sind, dass die Inflation anhalten oder sogar in die Höhe schnellen könnte. Lawrence Summers, ehemaliger Finanzminister unter Bill Clinton, sieht das Risiko für die Wirtschaft in einer Überhitzung und einer Inflationsblase. Die Preissteigerungen würden sich gegenseitig anheizen, unterstützt von einem – wie er es nennt – Arbeitskräftemangel, der zu Lohnerhöhungen führe, und einem spekulativen Boom auf dem Immobilienmarkt.

Andere Rohstoffspezialisten widersprachen diesen Prognosen und behaupteten, dass der Anstieg nur vorübergehend sei, wenn auch vielleicht für ein Jahr oder sogar für mehrere Jahre. Sie bringen die Inflation mit vorübergehenden Spannungen in Verbindung, die hauptsächlich auf einen „chaotischen Neustart der Lieferketten, die während der Pandemie auf eine harte Probe gestellt wurden und heute einer starken Nachfrage ausgesetzt sind“ zurückzuführen sind. Diese Argumentation enthält, wie wir gesehen haben, nur einen Teil der Wahrheit. Einige von ihnen behaupten, dass auf den Anstieg der Rohstoffpreise ein Rückgang im gleichen Ausmaß folgen wird, mit neuen Risiken. 2015 hatte der Fall der Rohstoffpreise nach mehreren Jahren des Höhenflugs die Wirtschaft an den Rand einer Deflation getrieben. Angesichts des Überflusses an verfügbarem Kapital ist sicher, dass dieser Markt, sollte die Begeisterung für Rohstoffe tatsächlich zu großen Investitionen führen, wie damals schnell gesättigt sein wird.

 

Die Politik der Zentralbanken

Wie dem auch sei, die Politik der Zentralbanken ist auf kürzere Zeitspannen ausgerichtet. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, eine überbordende Inflation zu verhindern, damit keine so chaotische Situation wie in den 1970er Jahren mehr entsteht. Daher verfügen die Zentralbanken zumindest in der Theorie über einige - nicht immer wirksame - Mittel zur Bekämpfung der Inflation. Sie können den Zugang zu Krediten einschränken, indem sie ihre Leitzinsen erhöhen, d. h. die Zinssätze, zu denen Banken und Unternehmen Kredite vergeben und aufnehmen können und die heute quasi bei null liegen. Dies hat die brasilianische Zentralbank in den letzten Wochen getan. Die Zentralbanken könnten auch die Summe verringern, für die sie Wertpapiere aufkaufen – sprich die Summe, die sie Unternehmen und Banken schenkt im Austausch für Wertpapiere, die diese loswerden wollen – was letztlich nur eine andere Form der Geldschöpfung ist. Eine solche Änderung wird heute in der Fed (der US-amerikanischen Zentralbank) diskutiert. Noch aber sind sie weit davon entfernt, dies umzusetzen. Ganz nebenbei wurde das bis dahin geltende Prinzip, die Inflation grundsätzlich unter 2% zu halten, offiziell zu Grabe getragen. Vor einem Jahr, im August 2020, kündigte die Fed an, dass die Inflation von nun an langfristig diskutiert werden müsse, wobei dieselben Banker gleichzeitig auf zynischste Weise erklärten, sie seien sich „bewusst, dass die höheren Preise für wichtige Güter wie Lebensmittel, Benzin und Wohnraum zu den Belastungen hinzukommen, die einige Familien, insbesondere die ärmsten, bereits zu tragen haben“. Die Börse begrüßte diese Ankündigungen, da sie bestätigten, dass die Zeit des billigen Geldes weitergehen würde. Die EZB (Europäische Zentralbank) folgte Anfang Juli 2021 dem Beispiel der Fed. Während sie sich bis dahin zum Ziel gesetzt hatte, die Inflation unter 2% zu halten, werden diese 2% nun als Durchschnittswert betrachtet, der über einen nicht näher definierten Zeitraum erreicht werden solle. Das bedeutet, dass sowohl die Fed als auch die EZB vorerst beschlossen haben, die Inflation laufen zu lassen und weiter Geld zu drucken – zur Freude der Konzerne und Banken.

Die Politik der Zentralbanken der reichen Länder ist klar. Sie setzen darauf, dass die Inflation nicht zu sehr steigen wird und haben sich daher dafür entschieden, den Kapitalisten in nächster Zeit eine der höchsten Profitraten zu sichern und die Rechnung direkt den Arbeitenden präsentieren. Über die Inflation findet nämlich eine umfassende Umverteilung des Einkommens statt, bei der die arbeitenden Klassen durch den Rückgang ihrer Reallöhne die Kosten für die Aufrechterhaltung der Profitraten des Großkapitals tragen.

 

Die gleitende Lohnskala

Die von Lawrence Summers vertretene und von manchen aufgegriffene Idee, dass Lohnerhöhungen die Inflation anheizen würden und der Kampf für höhere Löhne daher sinnlos sei, ist wahrlich nicht neu. Dass Kapitalisten, die mit Milliarden gemästet wurden, die Arbeitenden zu Hungerlöhnen verdammen wollen, liegt in der Natur des Klassenkampfes. Schon Marx hat zu seiner Zeit in Lohn, Preis, Profit auf solche Reden geantwortet. Er wies nach, dass entgegen einem alten Irrglauben die Werte der Waren – und ihre Preise, wenn Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind – nicht von den Löhnen bestimmt werde. In Wahrheit sind „die Werte der Waren, die in letzter Instanz ihre Marktpreise regulieren müssen, ausschließlich bestimmt durch die Gesamtquanta der in ihnen dargestellten Arbeit und nicht durch die Teilung dieses Quantums in bezahlte und unbezahlte Arbeit“, also der Aufteilung in Lohn und Mehrwert. Da also „Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen haben, d.h. den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen Wert, so erhält der eine desto mehr, je weniger dem andern zufällt, und umgekehrt.“ Er schloss daraus, dass, selbst wenn vorübergehende Preiserhöhungen möglich sind, „eine allgemeine Lohnsteigerung daher auf eine Senkung der allgemeinen Profitrate hinauslaufen“ würde. Natürlich lassen die Unternehmer nichts unversucht, um den Rückgang der Profitrate auszugleichen, indem sie die Ausbeutung verschärfen oder versuchen, die Reallöhne auf vielfältige Weise zu senken, indem sie ihre Preise erhöhen, soweit dies im Rahmen des Wettbewerbs möglich ist, indem sie die Produktivität steigern, das Arbeitstempo intensivieren… All dies zeigt nur, dass das Verhältnis zwischen Löhnen, Preisen und Profiten letztlich auf dem Kräfteverhältnis zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie beruht.

Die Lohnfrage, die durch die Pandemie in den Hintergrund gerückt ist, wird wieder aktuell. Lohnforderungen wurden bereits in einigen Unternehmen erhoben, insbesondere in jenen, die große Profite verkündet haben, obwohl sie die Löhne eingefroren und viele Prämien gestrichen haben. In dieser Situation müssen Revolutionäre die Idee verteidigen, dass man für Lohnerhöhungen kämpfen muss, aber auch Ziele vorantreiben, die über diese Erhöhungen hinaus die Allmacht der Kapitalisten in Frage stellen. Die gleitende Lohnskala, die den Unternehmern aufzwingt, dass die Löhne automatisch der Preissteigerung folgen, ist eine Notwendigkeit, die sich aus der Situation ergibt und in Wirklichkeit darauf hinausläuft, die Macht der Kapitalisten in Frage zu stellen – angefangen bei ihrer Macht, über die Löhne zu entscheiden.

Die Idee der gleitenden Lohnskala ist keine komplizierte Idee. Aber sie kann ihre wahre Bedeutung nur in Situationen entfalten, in denen die Arbeiterklasse um diese Frage herum aktiv wird. Und das hat nichts mit den sogenannten beweglichen Lohnskalen zu tun, die von den Staaten der Bourgeoisie wie in Frankreich in den 1950er bis 1970er Jahren eingeführt wurden und die dazu dienten, so zu tun, als würde der Staat etwas gegen die einbrechende Kaufkraft der Arbeiter aufgrund der galoppierenden Inflation unternehmen.

In einer Zeit steigender Preise durchzusetzen, dass die Kaufkraft der Arbeiter erhalten bleibt, bedeutet die Bourgeoisie zu zwingen, die Lohnerhöhungen von ihren Profiten zu bezahlen. Und das bedeutet, die Macht der Kapitalistenklasse über die Wirtschaft in Frage zu stellen. Wenn es den Arbeitern gelingt, die Löhne zu kontrollieren, die ihnen die Bourgeoisie zahlen muss, ist das bereits ein Teil der Arbeiterkontrolle über die Unternehmen. Und das soll die Arbeiterklasse zu dem Bewusstsein führen, dass sie die Führung der Wirtschaft in die Hand nehmen kann und muss.

 

5. September 2021