Seit 2024 haben mehrere Berichte sowie eine anschließende Untersuchungskommission des französischen Senats aufgedeckt, dass Mineralwasser von Nestlé jahrelang verunreinigt war und wie der Konzern verbotene Verfahren eingesetzt hat, um diese zu lösen. Bei diesen Machenschaften halfen dem Konzern zahlreiche Komplizen bis in die höchsten Etagen des französischen Staates. Dieser Betrug mit seiner „bewussten Verschleierungstaktik” ist jedoch nur der jüngste einer Reihe von Skandalen, die seit Jahrzehnten die Geschichte dieses weitverzweigten multinationalen Konzerns der Lebensmittelindustrie prägen. Davon handelt die folgende Übersetzung eines Artikels aus der Zeitschrift Lutte de Classe (Nr.249, Juli/August 2025),
Die „Krake von Vevey“
Nestlé hat seinen Hauptsitz in Vevey in der Schweiz. Der Konzern verfügt über 337 Fabriken in 75 Ländern und beschäftigt 277.000 Mitarbeiter – ohne all diejenigen mitzuzählen, die für Nestlés Zulieferer arbeiten, insbesondere in der Landwirtschaft, und die der Konzern damit ebenfalls ausbeutet. Nestlé verfügt über eine Palette von fast 2.000 Produkten (Getränke, Milchprodukte, Kekse, Eiscreme, Schokolade, Tierfutter usw.). Hunderte Marken, die auf allen Kontinenten zu den bekanntesten und meistverkauften zählen, gehören ihm. Das Unternehmen ist insbesondere Marktführer beim Verkauf von löslichem Kaffee (weltweit werden z.B. jede Sekunde 3.000 Tassen Nescafé getrunken) sowie von Mineral- und Quellwasser, das in Europa, Amerika und Asien vertrieben wird. Und was anderes als Nestlé-Produkte findet man in den Regalen der Supermärkte! Die Ernährung eines beträchtlichen Teils der Menschheit hängt von Nestlé und einigen wenigen Konzernen wie Unilever oder Danone ab, die eine unangefochtene Vormachtstellung innehaben und täglich ihren Profit abschöpfen.
Seit Ende der 1970er Jahre hat Nestlé auch mit der Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln und Kosmetika begonnen. Alcon Laboratories ist weltweit die Nummer eins bei Produkten für die Augenheilkunde. Seit 1974 ist Nestlé durch den Besitz von Aktienanteilen mit dem L'Oréal-Konzern verbunden: Lange Zeit befanden sich 49% des Kapitals der Holding Gesparal in den Händen des Nestlé-Konzerns und 51% in den Händen der Familie Bettencourt. In diesem Rahmen wurde unter anderem 1989 als Joint Venture das Unternehmen Galderma gegründet, das sich vor allem auf die Herstellung dermatologischer Produkte spezialisiert hat. Um Proteine aus Erdöl zu erforschen und herzustellen, wurden in den 1960er Jahren auch Verbindungen zu Exxon geknüpft, dem weltweit führenden Ölkonzern.
Der Schweizer Konzern erzielt einen Umsatz von fast 100 Milliarden Euro und damit mehr als der gesamte Schweizer Bundeshaushalt. Nur 3% dieses Umsatzes werden allerding in der Schweiz selber erzielt.
Nestlé ist damit weltweit die Nummer eins in der Lebensmittelindustrie. Darüber hinaus ist der Konzern einer der profitabelsten der Welt. In den letzten sechs Jahren hat er 77,68 Milliarden Euro Gewinn erzielt. Seit fast dreißig Jahren steigen jährlich die Dividenden. Seine Aktionäre konnten so zwischen 2010 und heute die stattliche Summe von 192 Milliarden Euro an Dividenden einstreichen.
Nestlé verfügt damit über ein finanzielles und politisches Gewicht, das es ihm ermöglicht, seine Produkte, Preise und Produktionsmethoden weltweit durchzusetzen. Nestlé ist in der Tat ein Symbol dafür, wie die größten kapitalistischen Konzerne mit Unterstützung von Staaten und Gerichten die gesamte Welt und in diesem Fall die menschliche Ernährung unter ihre Kontrolle gebracht haben. Manche bezeichnen sie in Anlehnung an die Konzentration und die Macht der „Big Pharma” in der Pharmaindustrie als die „Big Food”.
Henri Nestlé oder wie man Mehl in Gold verwandelt
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die ersten Industrien im Bereich der Lebensmittelverarbeitung: Schlachthöfe, wie sie Upton Sinclair in seinem Roman Der Dschungel (1906) anprangerte, Konservenfabriken, Fabrikschiffe, Molkereien und Keksfabriken. Die imperialistischen Großmächte, die die Welt untereinander aufgeteilt hatten, plünderten deren landwirtschaftlichen Ressourcen, um diese neuen Industrien zu versorgen. Die industrielle Herstellung ermöglichte eine schnelle Entwicklung der Steigerung der Lebensmittelproduktion und wurde durch den Aufstieg der chemischen Industrie und der Entdeckung mehrerer innovativer Konservierungsverfahren begleitet und beschleunigt. In dieser Zeit entstanden Konzerne, deren Namen bis heute die Lebensmittelbranche beherrschen: Unilever, Maggi, Liebig, Heinz, Kellogg’s, Lesieur und natürlich Nestlé.
Zwei Unternehmen stehen am Anfang der Geschichte von Nestlé. Zum einen die Anglo-Swiss Condensed Milk Co., die 1866 ihre erste Fabrik für Kondensmilch eröffnet. Zum anderen Henri Nestlé: Dieser hatte zuerst mit Senf, Samen und Petroleumlampen gehandelt und eine Fabrik für Düngemittel und Flüssiggas gegründet, bevor er 1867 ein Milchmehl entwickelt, das quasi als Wundermittel für die Gesundheit gepriesen wurde. Die beiden Unternehmen fusionierten 1905 unter dem Namen Nestlé & Anglo-Swiss Condensed. Es bediente zwei wichtige Bedürfnisse der damaligen Zeit: lange Haltbarkeit und, in einer Zeit sehr hoher Kindersterblichkeit, ein Ersatzprodukt für Säuglinge. Bereits 1873 verkaufte der Konzern 500.000 Dosen Milchmehl aus seinen britischen Fabriken nicht nur in die wichtigsten Länder Europas, sondern auch nach Amerika, Australien, Argentinien, Mexiko und Niederländisch-Indien. Der begrenzte Schweizer Markt zwang das Unternehmen dazu, weltweit nach Absatzmärkten zu suchen. Gleichzeitig bot ihm seine Ansiedlung in der Schweiz auch einen gewissen Schutz vor dem zunehmenden Nationalismus und Protektionismus.
Es gab damals so gut wie keine Alternativen zum Stillen. Man konnte zwar auf Milch tierischen Ursprungs zurückgreifen, aber das Risiko einer Verunreinigung mit Bakterien war nach wie vor groß, insbesondere in den Städten und Arbeitervierteln, wo sie unter unzureichenden hygienischen Bedingungen transportiert wurde. Der Einsatz von Ammen blieb vorherrschend. Die ersten Forschungen zur Entwicklung einer gezuckerten Kondensmilch während des amerikanischen Bürgerkriegs, die Henri Nestlé aufmerksam verfolgt hatte, dienten in erster Linie der Ernährung der Soldaten.
Für sein Produkt für Neugeborene warb der Gründer der Nestlé-Dynastie mit seinem Namen und dem Symbol eines Vogelnests (Nestle bedeutet auf Schwäbisch „kleines Nest“). Er rühmte sich, ein Produkt von gleichbleibender Qualität anzubieten, das auf strengen wissenschaftlichen Forschungen für Neugeborene basierte.
Sein Milchpulver wurde zu einer unerschöpfliche Profitquelle. Bei Kinderärzten und Ernährungswissenschaftlern stieß es hingegen keineswegs auf einhellige Zustimmung. So prangerte eine Studie, die 1905 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde, die schädlichen Folgen von künstlicher Milch – darunter auch die von Nestlé – an und bezeichnete deren Verwendung als „unnötig, manchmal gefährlich und immer teuer“[1]. Die Familien mit geringem Einkommen hatten kein fließendes Trinkwasser und keine Kenntnisse über grundlegende Sterilisationsmethoden. Außerdem verdünnten sie die Milch, die sie ihren Kindern gaben, oft übermäßig. Die medizinische Fachpresse bezeichnete die am schwierigsten zu reinigenden Babyfläschchen sogar als „Mordflaschen”. In fast identischen Worten wurde diese Frage Jahrzehnte später erneut aufgeworfen.
Der Aufstieg eines Giganten der Lebensmittelindustrie
Der Ausbruch des ersten imperialistischen Weltkrieges im Jahr 1914 führte zwar zu einer erheblichen Verknappung der Rohstoffe, bot aber auch neue Möglichkeiten. Nestlé kaufte Fabriken in den Vereinigten Staaten und Australien, um die von den Armeen bestellten Mengen liefern zu können. Und so besaß Nestlé & Anglo-Swiss am Ende des Konflikts bereits 40 Produktionsstätten. Einige Jahre später hatte sich diese Zahl bereits verdoppelt, nachdem die Vereinigten Staaten 1917 in den Krieg eingetreten waren und Produktionsstätten in mehreren Ländern der Dritten Welt, darunter Brasilien, Südafrika, der Türkei, Argentinien und China hinzukamen. Bis heute sind die armen Länder die Quelle eines bedeutenden Teils der Konzerngewinne. Und seine bereits frühzeitig eingeführte ausgeklügelte Politik eines weltweiten Patent- und Marken-Managements ermöglichen es dem Konzern nach wie vor, diverse Steuern zu umgehen oder nur niedrigere Steuersätze bezahlen zu müssen.
Diese Internationalisierungspolitik, der Kauf einer Reihe von Unternehmen und Patenten sowie die Einführung des löslichen Kaffees Nescafé im Jahr 1938 ermöglichten es Nestlé, den Auswirkungen der Krise von 1929 und dem Zusammenbruch des internationalen Handels weitgehend zu entgehen. Dank seiner weltweiten Präsenz war Nestlé während des Zweiten Weltkriegs erneut in der Lage, seine Produkte weiter zu verkaufen und die Armeen gewinnbringend zu beliefern. Bereits 1936 schützte ein zweiter Firmensitz in Panama (Unilac) mit Büros in New York die Vermögenswerte seiner Tochtergesellschaften in Ländern, die sich auf den Krieg vorbereiteten, insbesondere in Österreich und Deutschland. Gleichzeitig sicherte man sich die Gunst der amerikanischen Regierung. Dieses System ermöglichte es Nestlé, die Nationalität seiner Tochtergesellschaften entsprechend der Entwicklung der Machtverhältnisse zu ändern, um so in jedem Fall auf der Seite der Sieger zu stehen.
Steueroptimierung ist für multinationale Konzerne eine alte Praxis. Durch die Übernahme eines Unternehmens nach dem anderen gelangte der Konzern 1959, auf Platz fünf der weltweit größten Lebensmittelkonzerne zu gelangen, hinter Unilever und drei US-amerikanischen Konzernen. 1947 übernahm der Konzern Alimentana (Maggi-Produkte), 1960 dann Cross & Blackwell, 1962 Findus und 1971UrsinaFranck. Zwei Jahrzehnte später war der Nestlé-Konzern gleichauf mit der weltweiten Nummer eins. Sein politischer Einfluss und seine Gewinne wuchsen umso mehr, als die Weltbevölkerung damals ein rasantes Wachstum und eine massive Landflucht erlebte. Der Markt für Lebensmittelhersteller und insbesondere für Babynahrung, der in den reichen Ländern teilweise gesättigt war, vergrößerte sich dadurch automatisch.
Ihre Marktmacht ermöglichte es multinationalen Konzernen wie Nestlé, ihre Gewinne in der Dritten Welt zu maximieren – und zwar nicht nur aufgrund der dortigen niedrigen Löhne. Sie geben einen zu niedrigeren Marktwert für ihre Rohstoffe und Exporte an, manipulieren den Wert der zwischen ihren Tochtergesellschaften gehandelten Waren und Dienstleistungen und bedienen sich der weit verbreiteten Korruption. Sie sind auch maßgeblich an der Zerstörung der Umwelt beteiligt.
Milchpulver: „Lebensretter” oder „Babykiller”?
Um ihre Produkte und insbesondere ihr Milchpulver zu verbreiten, überschwemmten Nestlé und seine Konkurrenten Lateinamerika, Afrika und Asien mit Plakat- und Rundfunkwerbung – mit Unterstützung der dortigen diktatorischen Regime. Die Werbung versprach, dass der Konsum dieser Produkte „Männer stärker, Frauen fröhlicher und Kinder intelligenter” mache. Nestlé setzte Tausende von diplomierten Krankenschwestern und Hebammen ein. Diese wurden von Nestlé bezahlt und hatten die Aufgabe, mit dem Anschein wissenschaftlicher und medizinischer Seriosität für die Produkte zu werben, Proben des Milchpulvers in Entbindungskliniken zu verteilen und Mütter vom Nutzen der künstlichen Milch zu überzeugen.
Die Bilanz dieser Politik war katastrophal, und Mitte der 1970er Jahre kam es zum Skandal. Zu dieser Zeit starben weltweit jährlich 15,5 Millionen Säuglinge, 98% davon in den sogenannten Entwicklungsländern. Studien zeigten, dass viele dieser Todesfälle darauf zurückzuführen waren, dass die Muttermilch durch Milchpulver ersetzt worden war.
Zum einen stellte der Kauf von Milchpulver eine erhebliche finanzielle Belastung dar. Im Jahr 1971 hatte die Beratungsgruppe der Vereinten Nationen für Proteine und Kalorien berechnet, dass die Kosten für die Ernährung eines sechs Monate alten Kindes bis zur Hälfte des Mindestlohns und in Ländern wie Nigeria, Afghanistan oder Pakistan sogar noch mehr verschlang. Um diese Kosten zu senken, wurde das Pulver von den Verbrauchern verdünnt, wodurch sich die Kalorienzufuhr entsprechend verringerte. Da die gleichen sozialen Ursachen in den armen Ländern die gleichen Auswirkungen hatten wie Ende des 19. Jahrhunderts in den reichen Ländern, wurde die künstliche Babynahrung in den ärmsten Regionen außerdem zu einem Überträger tödlicher Krankheiten.
1973 veröffentlichten britische Aktivisten der Bewegung War on Want (Krieg dem Elend) eine Broschüre, in der sie diese Geschäftspraktiken und ihre Folgen anprangerten. Wissenschaftler der Berner Dritte-Welt-Gruppe übersetzten sie und fügten die Überschrift „Nestlé tötet Babys“ hinzu. Nestlé fühlte sich „schändlich verleumdet” und verklagte sie wegen Verleumdung. Das Unternehmen gewann den Prozess 1976 mit der Begründung, dass ja nur die Bakterien die Säuglinge töten würden. Doch selbst das Urteil erkannte das „unmoralische Verhalten” des Konzerns an, das dadurch öffentlich bekannt gemacht wurde.
Es folgte ein sehr aktiver internationaler Boykott, der von den Vereinigten Staaten aus unter der Leitung einer Organisation namens Infact (Infant Feeding Action) ins Leben gerufen wurde. Einer der an diesem Kampf beteiligten Wissenschaftler, Dr. Samuel Fomon, kam im Dezember 1978 zu folgendem Schluss: „Unlautere Vermarktung kommt kollektivem Kindsmord gleich“[2].
Die Führungskräfte von Nestlé, die vor einem Untersuchungsausschuss des US-Senats aussagten, behaupteten zunächst, es handele sich um eine groß angelegte „internationale Verschwörung gegen die freie Marktwirtschaft“. Pierre Liotard-Vogt, von 1973 bis 1982 Vorstandsvorsitzender des Konzerns, behauptete weiterhin: „Unsere Babynahrung hat Millionen Kindern das Leben gerettet und rettet es weiterhin.” Doch das überzeugte niemanden. Der Boykott dauerte bis 1984, nachdem Nestlé sich zwei Jahre zuvor verpflichtet hatte, die Empfehlungen der WHO zur Ernährung von Säuglingen einzuhalten. Doch tatsächlich änderten sich seine Praktiken kaum, und so wurde der Boykott 1988 wieder aufgenommen. In Großbritannien und Irland wird er bis heute fortgeführt.
Um diesem Sturm zu trotzen, hatte Nestlé Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Konzern bat Wissenschaftler, Journalisten und Intellektuelle – unter ihnen René Dumont, der damals als radikaler Umweltaktivist galt – Artikel und Berichte zu verfassen, um das Unternehmen zu entlasten und von seinem guten Willen zu zeugen. Nestlé ging sogar so weit, ein Forschungsinstitut zu gründen, dass die Aktivitäten multinationaler Konzerne untersuchen sollte. Allerdings kontrollierte Nestlé selber die Besetzung der Stellen in diesem Forschungsinstitut. Zusammen mit Dutzenden weiteren Unternehmen, die sich in der internationalen Vereinigung der Hersteller von Babynahrung (Icifi) zusammengeschlossen hatten, übte Nestlé auch innerhalb der UNO starken Druck aus, insbesondere in der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Innerhalb dieser Organisation gab es ein „Programm zur industriellen Zusammenarbeit”, dessen Auftraggeber de facto die Industriellen waren. So kam es, dass drei Jahre nach dem Ausbruch des Skandals um das „babytötende“ Milchpulver ein Experte zu dem Schluss kam, dass die FAO durch ihre Lebensmittelhilfsprogramme in armen Ländern weiterhin als „Agent der multinationalen Konzerne“ fungierte.
Ein rücksichtsloser Ausbeuter
Auch Nestlés Politik gegenüber seinen Beschäftigten und den von seinen Aktivitäten abhängigen Arbeitenden spiegelt die Brutalität der imperialistischen Herrschaft wider. Der Konzern bekämpft jeden Versuch, sich seiner Politik zu widersetzen. Er zögert nicht, Arbeitende, die eine Gewerkschaft gründen oder ihr beitreten wollen, massenhaft zu entlassen. In Kolumbien wurden Dutzende Nestlé-Arbeiter, die in der Lebensmittel-Gewerkschaft aktiv waren, ermordet; und in jüngerer Zeit auch auf den Philippinen.
Als Eigentümer riesiger Farmen im Norden und Zentrum Brasiliens unterstützt oder ermutigt Nestlé durch seine Reden Organisationen und Milizen, die Aktivisten ungestraft ermorden. In der Elfenbeinküste und in Ghana wurde Nestlé zusammen mit anderen Konzernen angeklagt, Kakao aus illegal gerodeten Gebieten zu beziehen, die in Nationalparks und geschützten Wäldern liegen und auf denen Kinderarbeit zum Einsatz kommt. Eine weitere Klage richtet sich gegen ähnliche Praktiken auf Palmölplantagen in Asien. Zusammen mit Ferrero wird Nestlé beschuldigt, syrische Flüchtlinge in der Türkei auf Haselnussplantagen ausgebeutet zu haben: Diese mussten dort sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag für neun Euro Tageslohn arbeiten. Schließlich musste der Konzern 2015 zugeben, dass für ihn tätige Fischerei-Schiffe Zwangsarbeit und Menschenhandel betrieben hatten.
Um zu verhindern, dass diese Informationen erneut in den Medien verbreitet werden, nutzt Nestlé alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel. So zögerte der Konzern nicht, zwischen 2003 und 2008 über den großen Sicherheitsdienst Securitas die Schweizer Niederlassung der Organisation Attac zu infiltrieren und auszuspionieren, die ein Buch über den multinationalen Konzern vorbereitete.[3]
In den Industrieländern sind die Arbeitsbedingungen in den Nestlé-Fabriken zwar nicht ganz so barbarisch. Dennoch gehören sie zu den härtesten überhaupt und sind geprägt vom Lean Management, der ständigen Intensivierung des Arbeitstempos und der Jagd auf jede nicht produktiv genutzte Sekunde. Der jüngste Bericht von Yasmine Motarjemi, die erst aufs Abstellgleis geschoben und dann entlassen wurde, beschreibt detailliert die Methoden, die Nestlé gegenüber seinen eigenen Führungskräften und Wissenschaftlern anwendet.[4]
Yasmine Motarjemi war von 2000 bis 2010 weltweite Direktorin für Lebensmittelsicherheit bei Nestlé. Als sie sich zu sehr für die Verantwortung des Konzerns für bestimmte Probleme zu interessieren begann, wurde ihr nach und nach der Zugang zu bestimmten Daten verwehrt, ihr wurden die ihr anvertrauten Akten entzogen und sie wurde zum Schweigen aufgefordert. Am Ende wurde sie wie Dreck behandelt und entsorgt. Sie kommt zu folgendem Schluss: „In Wahrheit hat in den zehn Jahren, die ich bei Nestlé war, keine Gesundheitsbehörde jemals Vorfälle untersucht oder auch nur das geringste Interesse an unserem Umgang mit Lebensmittelsicherheit oder an der Behandlung derjenigen gezeigt, die intern diese Aufgabe erfüllen.“
Diese Politik erklärt zusammen mit den nur minimalen Investitionen in Maschinen, deren Wartung sowie in die Qualitätskontrolle, warum bei Nestlé-Produkten in den letzten Jahren zahlreiche Lebensmittelskandale ans Licht kamen. Um nur einige zu nennen:
- In den Jahren 2008 bis 2010 vergifteten sich in China 300.000 Babys durch Melamin, das zehn Monate lang in der Milch enthalten war, damit es so schien, als sei diese proteinreicher als sie tatsächlich war. Für den Verzehr ungeeignete Chargen, die zu niedrigen Preisen aufgekauft worden waren, wurden zudem als Chargen getarnt, die den Gesundheitsstandards entsprachen.
- 2013 wurde trotz wiederholter Dementis Pferdefleisch in Fertiggerichten entdeckt, die angeblich Rindfleisch enthielten und von zahlreichen Herstellern, darunter Nestlé, verkauft wurden. Man sprach damals von „Horse-Gate” und deckte die Undurchsichtigkeit in dieser Branche und dem europaweiten Handel mit Fleisch auf.
- 2015 musste Nestlé alle in Indien verkauften Maggi-Instantnudeln zurückziehen, nachdem Proben einen über dem zulässigen Grenzwert liegenden Bleigehalt bewiesen hatten.
- 2019 wird angeprangert, dass Nestlé Druck auf die mexikanische Regierung ausgeübt habe, damit diese im Rahmen ihrer Kampagne gegen Fettleibigkeit auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln verzichtet; für Nestlé nicht unbedeutend, da der Konzern in Mexiko einen Umsatz von 3 Milliarden Euro erzielt.
- Im Jahr 2022 schließt Nestlé unter dem Druck der öffentlichen Meinung die beiden Produktionslinien der Buitoni-Pizzafabrik in Caudry in Nordfrankreich und ruft deren Produkte zurück, nachdem es zu schweren Vergiftungsfällen durch das Bakterium Escherichia coli gekommen war und zwei Kinder gestorben waren. Entgegen aller Zeugenaussagen der dortigen Beschäftigten hatte Nestlé weiterhin behauptet, dass die Herstellungsverfahren, Qualitätskontrollen und „die Einhaltung der Vorschriften für Lagerung und Zubereitung“ die Hygiene und die Lebensmittelsicherheit dieser Produkte garantierten würde.
Der Skandal um Nestlé Waters
Der jüngste Skandal, der den Konzern erschüttert, könnte fast lächerlich erscheinen angesichts der Skandale der Vergangenheit, der Zahl ihrer Opfer und der weiteren Folgen, die die Vorherrschaft von Nestlé und einigen seiner Konkurrenten auf dem weltweiten Lebensmittelmarkt hat. Aber er ist dennoch bezeichnend für seine Macht und die Beziehungen, die die multinationalen Konzerne mit den höchsten Etagen des Staatsapparats geknüpft haben.
Nestlé Waters ist die auf abgefülltes Wasser spezialisierte Tochtergesellschaft des Schweizer Konzerns. Sie ist weltweiter Marktführer und insbesondere Eigentümerin der Marken Hépar, Perrier, Vittel, Contrex und San Pellegrino. Seit 2022 wurde ihr die Genehmigung erteilt, das Wasser der Quelle Perrier in Vergèze im Departement Gard und das Wasser ihres Standorts in den Vogesen mit einem eigentlich gesetzlich verbotenen System für Mikrofiltration aufzubereiten. In erster Linie ermöglichte dies dem Konzern, weiterhin das Label „natürliches Mineralwasser” zu nutzen und das Wasser somit zum 300-fachen Preis von Leitungswasser verkaufen zu können. Angesichts der Hunderttausenden Kubikmeter abgefüllten Wassers dürfte der Betrug dem Konzern in drei Jahren mindestens 595 Millionen Euro eingebracht haben.
In diesem Wasser wurden im Zeitraum 2020-2023 Spuren von Pestiziden, von denen einige seit zwanzig Jahren verboten sind, von PFAS, Chlorate, Perchlorate und E.Coli-Bakterien sowie Darm-Enterokokken nachgewiesen. Mehrere Interventionen des Staates, zunächst von Seiten der regionalen Gesundheitsbehörde des Departements Gard, dann von Seiten des staatlichen Gesundheitsministeriums und schließlich sogar von Seiten des französischen Präsidenten sorgten jedoch dafür, dass jeder Hinweis darauf aus allen offiziellen Berichten verschwand. Und natürlich wurde kein Gerichtsverfahren eingeleitet.
Aufgrund ihrer politischen Rivalität zu Macron kommen die Mitglieder in der eingesetzten Untersuchungskommission des Senats in ihrem jüngsten Bericht zu dem Schluss, dass „die Präsidentschaft der Republik keineswegs eine uneinnehmbare Festung gegenüber der Lobbyarbeit von Nestlé ist“, sondern ihr „im Gegenteil die Türen bestimmter Ministerien geöffnet hat“. Aber dies ist für bestimmte französische und internationale Konzerne schon seit langem so! Die Tatsache, dass Macron 2012 geschäftsführender Gesellschafter bei Rothschild war und im Auftrag dieser Bank den Kauf von Pfizers Babynahrungssparte durch Nestlé vermittelt hat – was ihm eine Million Euro einbrachte – hat zwar vielleicht ihren Anteil daran, dass Macron dem Konzern nun diesen Dienst erwiesen hat. Doch der „Mozart der Finanzwelt” Macron und seine Minister waren in erster Linie die Ausführenden eines Dirigenten, dessen Sitz sich in Vevey befindet.
Im Bereich der Lebensmittelsicherheit sind die Industriekonzerne selber für die Kontrolle ihrer Anlagen und die Unbedenklichkeit ihrer Produkte verantwortlich. Die Regierungsbehörden werden von ihnen unter Druck gesetzt, ebenso wie die lokalen Politiker aller politischen Richtung. Im Namen der „Verteidigung von Arbeitsplätzen“ zögern diese nicht, Betrugsfälle und Verstöße gegen nationale, europäische oder internationale Vorschriften zu vertuschen. Bei Nestlé und in der Lebensmittelindustrie allgemein gibt es wie in der chemischen Industrie und überhaupt bei allen kapitalistischen Unternehmen keine Kontrolle durch die dort Arbeitenden oder durch wirklich unabhängige Verbände oder Organisationen. Geschäftsgeheimnisse, Patente und der Schutz vor Konkurrenten rechtfertigen seit jeher die Vorherrschaft der Aktionäre und ihrer Profitinteressen. Die Enteignung der Lebensmittelindustrie muss eine der ersten Aufgaben der zukünftigen Arbeiterrevolution sein, denn von ihr und den enormen Mitteln, über die sie verfügt, hängt die Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse der Menschheit ab.
13. Juni 2025
[1] W. J. Howarth. „The influence of feeding on the mortality of infants“, The Lancet 1905.
[2] aus Jean-Claude Buffle: „Dossier N… comme Nestlé. Multinationale et infanticide. Le lait, les bébés et… la mort“, Alain Moreau, 1986.
[3] Nestlé: Anatomie eines Weltkonzerns (Attac-Texte), Rotpunktverlag, 2005.
[4] Bernard Nicolas, Yasmine Motarjemi: „Ce que l'empire Nestlé vous cache“, Robert Laffont, 2025.